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dass vor ihm Fennimors Sohn steht! Fenelon streckt dem Erwarteten, über den Knaben hinweg, die Hand entgegen. Auch dieser hört den Eintretenden; er blickt zu seinem Lehrer auf, dann wendet er rasch den Kopf, sieht den Fremden und ist mit einem Satze von dem Bänkchen gesprungen. Ausser sich, aber stumm vor Bewegung, steht Leonin vor seinem Sohne! Er wagt nicht, ihn an sein Herz zu drücken; die maasslose Wonne, die ihn bei seinem Anblicke durchströmt, ist zugleich der wahnsinnigste Schmerz. Es sind Fennimors tiefblaue Augen; das zarte Oval mit dem süss gerundeten Kinne; dieser volle, lächelnde, blühende Mund mit den kleinen, weissen Zähnen, dieser Ausdruck zwischen Ernst und Schelmerei, dieser bezaubernd warme Farbenglanz!

So sah er ihr Antlitz, als sie noch auf der Grenze der Kindheit ihm zuerst entgegen trat! Der Knabe trug ein offenes Hemd, das über Schultern und Brust aufgeschlagen war wegen der Wärme des Tages und besonders anmutig zu einem Pagenkleide von blassblauer Seide passte. So wie er seinen Satz gemacht hatte, griff er nach seinem Barett und machte dann eine der kleinen, zierlichen Verbeugungen, die kein Tanzmeister und Erzieher lehrt und die nur aus der Schönheit des Körpersaus dem befiederten Geist eines Kindes hervorzutreten vermögen. Es war wieder Fennimors unaussprechlich schwebende Anmut, ihr wunderbarer Patos zugleich!

"Fasst Euch," sprach Fenelon mild – "und umarmt dies Kind Eurer seligen Freundin. – Reginald," fuhr er fort, sich zu ihm wendend, "dieser Herr ist Dein Vormund, den Du so liebst, weil er Dich hier erziehen lässt."

"Das dachte ich!" rief Reginaldund im Augenblicke sprang er Leonin um den Hals. Jetzt hatte er ihn im arme! An seine Brust gedrückt, durfte er ihn küssen, ihm die süssesten Namen gebenüber ihm die ersten Tränen der lang vertrockneten Augen weinen! –

Wir erzählen indess, wie er hierher kam. – Als Reginald sein viertes Jahr zurückgelegt, erklärte der Vikar Emmy Gray's Dienst bei ihm erledigt. Er predigte tauben Ohren. Sie wollte das Kind nicht herausgeben, und fasste den finstersten Hass gegen den Vikar und seine Schwester, die sie zu diesem Schritt in Güte bereden wollten. Reginald hatte sich körperlich und geistig kräftig entwickelt; aber Emmy hielt ihn wie einen Vogel im Käfig, und da sie selbst weder schreiben, noch lesen konnte, so waren auch diese ersten Grundlagen dem kind nicht von ihr beizubringen. Aber gerade, weil sie gegen diese Einwürfe nichts zu erwiedern wusste, verbaute sie ihren Willen mit dem hartnäckigsten Eigensinne; und die Geschwister, die Fennimors Kind nicht aufgeben konnten, wendeten sich an den Grafen Crecy selbst, obwol dieser noch bei der Armee war.

Dies brachte einen Entschluss in Leonin zur Reife, den er schon lange genährt. Er trat mit Fenelon über die Erziehung seines Sohnes in Unterhandlungen. In St. Sulpice wurde eine kleine Anzahl Kostgänger aufgenommen, die den sehr ausgezeichneten Unterricht der Mönche und ihre moralische Leitung genossen. Unter diese Zahl Reginald aufzunehmen, flehete Leonin Fenelon an. Doch fand er hier den auffallendsten Widerspruch. Fenelon äusserte die entschiedenste Abneigung, sich in diese geheime Angelegenheit zu mischen. Er sagte ihm, dass es ihm unerträglich sei, ein geheimnis, von dem Viktorinens Lebensglück abhinge, zu kennen, und dass er wenigstens nichts damit zu tun haben wolle, da er es nicht habe verhüten können, so Viel davon zu erfahren. Doch Leonin liess nicht nach in seinen Bitten, und endlich willigte Fenelon ein, aber nur unter folgenden Bedingungen: Niemals sollte Viktorine das verhältnis des Kindes zu Leonin erfahrenniemals dies Kind selbst, dass Leonin sein Vater sei! Er unterstützte diese Forderungen durch Gründe, die genugsam bewiesen, dass selbst dem aufgeklärtesten Katoliken immer die Stunde schlägt, wo er in dem Dünkel seiner ihm allein berechtigt erscheinenden Kirche die Grenze findet für christliche Gesinnung; dass vornämlich der Priester stets darauf zurückkommt, jede andere Form des Bekenntnisses, als die seine, für unzulässlich, ohne bindende Kraft anzusehen, und dass die Entscheidung über Rechtewie klar sie auch christlich und sittlich der andern Kirche zugehören mögendoch immer die Stütze der ausschliessenden Berechtigung entbehren wird, die eben, als untrüglich angenommen, keiner Frage des Gewissens mehr unterworfen wird, und mit der angewöhnten überzeugung zugleich die kaum eingestandene Furcht vor den Zwangsmitteln dieser Kirche verbindet, mit welcher die kleinste Abweichung von ihrer konsequenten Despotie sogleich unrettbar entzweit.

Fenelon deutete wirklich an, dass er Leonin's erste Verbindung nicht für gültig halten könne; darüber aber dennoch Viktorinen, als ihr Beichtiger, die Entscheidung erspart wissen wolle. Er forderte Leonin auf, dies Kind vorteilhaft zu dotiren; doch durch keine weiteren Zugeständnisse sein Gemüt in falsche Richtung zu bringenund Leonin gab nach!

Der Vikar bekam Fenelon's Brief und Leonin's Entscheidung. Herr St. Albans, der bejahrte Kastellan von Ste. Roche, entführte halb mit Gewalt das holde Kind den Armen der verzweifelnden Emmy Gray und lieferte dasselbe in die Fenelon's.

Leonin liess Emmy die Wahl, zurückzukehren oder zu bleiben. Doch wild wies sie den ersten Vorschlag von sich. Sie hatte Nichts geliebt, als Fennimor; – mit Widerwillen dachte sie an John Gray, ja, selbst an ihre kleine Tochter. Sie sagte oft: "Ich kann Nichts mehr lieben! Was sollen sie mit mir!" Sie blieb im schloss und bewachte