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; Nichts schien ihm zur Zufriedenheit gemacht; er forderte und stiess das Geforderte zurück; er erzürnte und kränkte Alle, und der Unfriede schien, was er noch begehrte.

Unter diesen Umständen erreichte die Marschallin ihren Zweck nur in dem für sie unwesentlichsten Teile. Er überzeugte sich, dass so wenig sie, wie Souvré Fennimor's Wiederbelebung gewusst habe. Aber keine Reue gegen sie trat ein. Ihre Schuld, und mehr noch die Härte, die ihm jetzt natürlich geworden war und die sich gegen sie, die er bisher so sklavisch gefürchtet hatte, Bahn gebrochen, sie sollte motivirt sein in ihrer Schuldund die Marschallin fühlte bald, wäre jene auch geringer gewesen, als sie wirklich warer habe einmal die Stellung gegen sie ergriffen, die eine Art Schild gegen seine eignen Vorwürfe ward, und gerade die Schwäche, die sie in ihm geschätzt und beabsichtigt, erhielt ihn jetzt in dieser Stellung gegen sie.

Doch hatte diese Erklärung die Folge, dass ein beabsichtigtes Duell mit Souvré unterblieb; und der gewandte Unterhändler kam zu dem vollen Genusse des Gelingens, wenn er, wohlbehaglich in einem Fauteuil in Leonin's Zimmern ruhend, diesen mit der gereizten Wildheit eines gestörten Friedens an sich vorüber streifen sah. – Er überlegte die Resultate seiner Bemühungen und rechnete sich gleichgültig an den Fingern her: der blühende, schöne Mannist bleich, gekrümmt, mit schwindendem Haareder vornehme Edelmann vom hof verbanntin die höhnenden Prachträume eines öden Pallastes verwiesen. Der Gatte der schönsten und vornehmsten Dame hat diese entehrt und seinen Erben zum Bastarde gemacht, und das ewig heitere, sorglose Kind des Glückes kommt von der Leiche seines gemordeten Weibes, von dem Anblicke seines rechtmässigen und verläugneten Sohnes mit Kummer beladen, und um Ruhe und Frieden durch Alles, was er erlebt und getan, auf immer betrogen! –

Es war nach der Bestattung des Marschalls nicht schwer, Leonin's Angelegenheiten zu ordnen; da seine Anwesenheit ein Inkognito bleiben musste, war er von manchem lästigen Gebrauche befreit. Wie Viktorine ihm in dieser Krisis gegenüber stand, brauchen wir kaum zu erwähnen. Sie war mit dem, was sie sein wollte, so vertraut, dass sie keinen Hauch von Selbstgefühl oder Tugendpatos zeigte. Sie hörte sich nicht in ihren Worten, ihre Augen suchten weder den Himmel, noch den Beifall Anderer; sie langweilte und verscheuchte Niemanden, indem sie sich beispiellos hervorzuheben trachtete und mit ernster Würde eine Sprache einzuführen strebte, die den Zuständen der kranken Gemüter um sie her zum Vorwurfe gereichen musste. – Sie war ohne Hochmut, daher mit ihrem besseren Zustande vor Gott nicht befriedigt und nicht geneigt, ihn hervorzuheben. Sie war voll wahrer Liebe, daher ohne das Richtschwert der Verwerfungsie war edel und klug, daher den Augenblick und seine krankhaften Erscheinungen schonend, die auffallenden Misstöne überhörend, um ein verderbliches Verstummen zu verhüten, was selbst die Hoffnung der Ausgleichung aufhebt.

Dessen ungeachtet musste sie bald erkennen, dass sie nur auf eine spätere Zukunft zu hoffen habe und ihre Rechte nur bewahren könne, wenn sie jetzt ihre Kränkung übersehe, Streit oder Rechenschaft darüber ablehne. Vielleicht hatte an dieser Stellung, die sie nahm, nicht ihr richtig berechnender Verstand allein Anteil; ein tiefes Grauen vor der Aufklärung der geheimen geschichte ihres Gemahls hielt nicht minder ihr ganzes Wesen instinktartig in abwehrender Mässigung.

Ob Leonin den ganzen Wert dieses Verfahrens erkannte, wäre schwer zu bestimmen; doch suchte er die Nähe seiner Gemahlin auf, freilich, um auch bei ihr wieder in sein düsteres Nachdenken zu verfallen, das jeden Zug seines Gesichtes beschattet hatte und ihn kaum kenntlich sein liess. Besonders trat dies hervor, wenn ihm sein Kind gebracht wurde, und er genötigt war, es zu betrachten. Viktorine entsagte bald auch diesem Glücke; denn ein fast auffallender Schmerz erschütterte ihn dann und erregte die Beobachtung der Wärterinnen; mutig erdrückte sie die bangen Ahnungen ihrer Brust und hielt ihr Kind von da an entfernt.

In Leonins verhältnis zum hof hatte sich Nichts geändert. Die Trauerzeit verschloss, den Vorschriften nach, die ganze Familie noch in ihrem Palais; die Marschallin hatte daher noch keine Versuche darüber machen können, wie weit der Tod des Marschalls die Versöhnung vermittelt habe. Regelmässig den achten Tag erschienen die Hofchargen zu einem kurzen, ceremoniösen Besuche im Hotel Soubise. Dies konnte natürlich nur auf Befehl der Majestäten geschehen und blieb ein Gnadenzeichen, das, wie schon erwähnt, eine Loosung für den übrigen Adel ward; und so konnte es unter den an sich beschränkenden Umständen scheinen, alle Verhältnisse wären ausgeglichen. Hiervon liess sich die Marschallin jedoch nicht täuschen, die sehr wohl alle Abstufungen der Gunst kannte und mit einem mittemässigen Zustande der Dinge nicht zufrieden sein konnte; da sie bisher den ersten Rang erstrebt und erreicht hatte.

Leonin blieb dagegen hartnäckig bei seinem Vorsatze, jetzt keine Begnadigung nachzusuchen und der Gunst des Marschalls von Louxemburg anheim zu stellen, sein erscheinen bei der Armee zu entschuldigen. Da die Maischallin ein Missglücken eben so fürchtete, fand er weniger Widerstand, als er erwartet; und seine Gemahlin mit ausgedehnten Vollmachten versehend, und ihr jeden Beweis der achtung dadurch gebend, verliess er endlich das väterliche Haus und begab sich zur Armee des Niederrheins, in einem Augenblicke, wo ein ziemlich zweifelhafter Zustand des Gelingens bei den Armeen obwaltete. Fünf Jahre waren verflossen. Der Nymweger Friede war geschlossen, die Armeen kehrten nach Frankreich zurück. Durch alle Provinzen des Landes verteilt, erreichten die Truppen ihre Heimat,