inne, denn wir werden genug erfahren haben, um unsere überzeugung anzudeuten, dass Jeden die Vergeltung erreicht, dass uns kein äusserer Schein täuschen sollte über die Gerechtigkeit des himmels hier auf Erden, die, wenn sie das äussere Schaugerüst unberührt lässt, in dem Inneren des trotzigen Herzens erscheint und es beugt und zerreisst und demütigt und die fürchterliche Strafe verhängt, mit lächelnder Miene aufrecht erhalten zu müssen, was, jedes Reizes entblösst, eine leere, tödtende Qual geworden ist und doch der Preis der Sünde war.
Die Marschallin, die nie einem Menschen seine eigene Entwicklung, seine eigene Ansicht gestattet, die ihr ganzes Leben als eine Aufgabe ihres Willens gehandhabt, die Menschen, die hineinfielen, ohne jede Rücksicht als Hebel und Stützen verbraucht hatte, deren eigene Bedürfnisse übersehend, gering achtend, oder die ihrigen doch wichtiger haltend; die durch das zeiterige, materielle Gelingen dieser Bestrebungen zu einer Sicherheit über den Wert derselben gelangt war, der sie auf die dünkelvollste Isolirhöhe des Stolzes erhoben – ihr war es plötzlich, als ob der Boden dieses ihr so fest erscheinenden Gebäudes ein Sieb geworden sei, das Alles unter ihren Händen unaufhaltsam zerrinnen, zerfliessen, in ein Nichts zurücksinken liesse, vor dem sie verarmt stehen bliebe, wie vor dem ganzen Ergebniss ihres berechneten Lebens, das ihr damit verloren erschien.
Sie erfuhr die Strafe, die ihr die härteste sein musste, und ihr Zustand, wie wir ihn andeuteten, war dem gemäss.
Sie wollte in dieser qualvollen Stunde etwas erdenken, womit sie sich rächen könnte. Aber die Beleidigung, die jeden Blutstropfen in ihr vergiftete, kehrte immer wieder auf den einen Gegner zurück, der alle zahllos erlebten Kränkungen veranlasst hatte; und dieser Gegner war ihr Sohn! Der Sohn, den sie zu ihrem Dienste erzogen, zur Stütze ihrer ehrgeizigen Pläne; er war es, der plötzlich seine Abstammung nicht gänzlich in sich erloschen zeigte und ihr, ehe sie es ahnte, mit eigensinnigem, rücksichtslosem Willen entgegen trat. Sie dachte alle Möglichkeiten durch, ihn noch ein Mal gedemütigt, – ihres Willens Untertan – zu sich zurück zu führen. Sie hatte, ehe sie ihn sah, so sicher darauf gerechnet; sie hatte ihm ein Zürnen zugedacht, was nur um den Preis einer gänzlichen Uebergabe Versöhnung hoffen lassen sollte, und jetzt kam e r in einer Stimmung des Zürnens zurück, die weder Ausgleichung suchte, noch nötig hatte; da er sich sogleich damit unabhängig erklärte. Sie konnte nicht einmal irgend etwas erdenken, worin sie ihm nachgeben konnte! – Nur eine leise Hoffnung blieb ihr. Souvré war entweder selbst betrogen, oder er hatte sie auch betrogen. Sie hatte Fennimor's Tod wirklich vor der Vermählung ihres Sohnes angenommen, und es war klar, daran zweifelte Leonin – er bezüchtigte sie des Frevels, ihn in das doppelte verhältnis getrieben zu haben! Dieser Irrtum sollte sich nun auflösen. Die Reue darüber – blieb ihre einzige Hoffnung; – aber sie ward dennoch kein Ruhekissen, worauf die Marschallin den Schlaf gefunden hätte. –
Von ihrem geheimen Leben wenden wir uns nach dem stillen Schlafgemache, aus dem Viktorine für die ersten Stunden der Nacht gleichfalls ihre Frauen entfernt hatte, um, mit ihrem kind allein, jedes Zwanges entoben, sich ihres Zustandes bewusst zu werden. Es gibt Menschen, deren edle natur sich überall gleich bleibt; sie behalten eine Decenz des Ausdrukkes selbst in ihrer tiefsten Aufregung, die ihren einsamen Stunden ein Maass verleiht, durch das sie vor sich selbst gesichert bleiben. Dies war bei Viktorinen der Fall. Sie war sich eine achtung gebietende Gesellschaft – die Vertraute, von der wir wissen, nicht missverstanden zu werden, und deren Billigung wir uns doch zu erhalten wünschen, da sie uns schwerer zu erreichen scheint, als der Beifall der Welt.
Sie knieete nieder und beugte sich über das süss schlafende Kind. Schwere Seufzer deuteten es an, dass ein lang bezwungener Zustand sich Luft schaffte; dann weinte sie lange und schmerzlich, und endlich wurden ihre Empfindungen Gebete. Als sie aufstand, sagte sie: "Weise Freundin, ich habe Dich verstanden! Du hast mein Schicksal geahnet; – ich werde Dir folgen. Ein Weib ist an sich etwas Göttliches und Grosses; – ich habe einen Heerd! Ich habe ein Kind! Beides werde ich hüten zur Ehre Gottes und der Menschen; – und kommt er ermüdet zurück und sucht verschmachtend den verlassenen Heerd, dann finde er mein Symbol: Milde und Verzeihung!"
Als sie ihre Frauen rief, war jedes Wort sanft und gütig. Eine verklärte Ruhe lag über ihr ausgebreitet; eine frei gewordene Kraft, die von sich selbst eine versöhnende Ausgleichung des Lebens verlangt. –
Nicht so Leonin! Halbe Zustände – Unglück und Glück – Schuld und Unschuld – wie sie sich in ihm vorfanden, erfordern einen starken Geist, der Alles erfasst und sondert und a u f sich nimmt und v o n sich wirft, der Wahrheit nach, und dann abschliesst und von neuem beginnt. Nicht so Leonin. Er dachte daran, den Zuständen zu entfliehen, ohne sie vorher zu ordnen. Die jedesmalige Folge dieses schwachen Waltens trat auch bei ihm ein. Die Erbitterung wuchs auf dem falschen Wege, der überall unbeseitigte Hindernisse zeigte und die Erholung, nach der er strebte, fern hielt. Er grollte der ganzen Welt. Die Weichheit, die ihn sonst gutmütig sein liess, verschwand. Seine Diener erkannten ihren ehemaligen Herrn nicht wieder. Er war unruhig, heftig, ungerecht