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leichte Hand auf seiner Schulter, und eine stimme, die ihn zu wecken und sich zu sammeln vermochte, sprach unsicher und schwach: "Glauben Sie nicht, mein Gemahl, dass Sie auch m i c h in der Stimmung des Zürnens oder der Neugierde gegen sich finden! Wenn Sie mir ein Recht zugestehen, wie ich eben zu hören glaubte, so lassen Sie es das des Vertrauens sein, das weder von Ihnen eine Erklärung fordert, noch nötig hat. Fassen Sie sich aber jetzt. Der Schmerz, der so natürlich in Ihnen ist, sollte uns Alle zur Schonung gegen Sie auffordern; – vielleicht bedürfen wir sie auch," setzte sie mit sinkender stimme hinzu – "wir haben Viel gelitten!"

Leonin versenkte sich mit zärtlichem Anteil in die schönen, edlen Züge, die so blass, so leidenvoll waren. Er führte die sichtlich bebende Gestalt zu ihrem Sitze zurück und nahm knieend neben ihr Platz. "Teure, edle Viktorine," seufzte er, ihre Hand an seine Stirn drückend – "Sie sind die einzige, die ein Recht hätte, mir zu zürnen; – aber Sie werden bloss der Engel sein, der über den Gefallenen weint!" – Und sie weinte bereits.

Der Herzog von Lesdiguères, der ein höchst verlegener Zuhörer dieser häuslichen Scene gewesen war, da er niemals über gesellschaftliche Verhältnisse hinaus sich zu denken erlaubte, erfasste nun eine Richtung, die er glaubte erkannt zu haben, und nahte sich seinem Schwiegersohne. "Ich bin," sprach er – "nach dem Empfange, den ich bei Seiner Majestät genossen, als ich ihm die Todesmeldung des Hauses Crecy-Chabanne machte, fast überzeugt, dass eine bestimmte Hoffnung auf Gnade vorhanden ist, und, wenn Viktorine ihren Einfluss bei der gütigsten Königin anwendet, Ihnen, mein Herr Schwiegersohn, der König Ihren Platz bei seiner erhabenen Gemahlin zurückgiebt."

So erfuhr Leonin seine Absetzung. Die Marschallin gönnte ihm einige Alteration und beobachtete ihn scharf. Er erhob sich jedoch sogleich ruhig von seinen Knieen und indem er dem Herzoge ehrerbietig für seinen Anteil dankte, setzte er hinzu: "Ich muss diese Absicht bei Seiner Majestät indessen entschieden ablehnen. Obwol ich meine Verweisung vom hof noch nicht kannte, musste ich sie erwarten; doch dachte ich bisher nicht daran und war entschlossen, den König um meine Demission zu bitten."

"Den König darum zu bitten?" riefen der Herzog und die Marschallin zugleich. – "Ich bin gesonnen," fuhr Leonin fort – "wenn ich über meine näheren Angelegenheiten mit meiner Gemahlin die nötige Rücksprache genommen und hier alle Pflichten erfüllt, die meine neue Stellung mir aufnötiget, mich zum Marschalle von Louxemburg zu begeben und ohne bestimmte Anstellung, um die ich jetzt nicht bitten könnte, unter seinen Fahnen als Volontair den Krieg mitzumachen."

"Den Krieg? den Krieg?" stammelte Viktorine, während Alle ihre Ueberraschung nicht zu verhehlen vermochten.

"Erschrecken Sie nicht, teure Viktorine!" – sprach Leonin, nur zu ihr sich wendend. "Es kann Ihnen nicht entgehen, dass mich ein ungewöhnliches Schicksal unerwartet und hart niedergeworfen hat. Gott mag es denen vergeben, die mich hineinstiessen gegen Pflicht und Gewissen! Ich kann es noch nichtund eben so wenig auf dieser Stelle Ihnen gegenüber aushalten, Viktorine! Lassen Sie mich jetzt gewähren. Vielleicht rettet mich Anstrengung meiner Kräfte, Tätigkeit, Entbehrung, Mitgefühl bei der Not des Krieges. Vielleicht komme ich Ihrer würdiger zurück; – jetzt ist Ihre Nähe mir ein Vorwurfich vermag sie nicht zu ertragen!"

"Genug!" rief hier die Marschallin mit ihrer alten Energie und ausser sich gebracht über die rücksichtslose Sprache ihres Sohnes, die er selbst gar nicht zu bemerken schien. "Es dünkt mich, Sie sind in einer so maasslosen Aufregung zu uns zurückgekehrt, dass Sie keine Beurteilung über das Gewicht Ihrer Worte haben. Ich fühle mich unfähig, meinen Sohn länger in einer solchen Stimmung die wichtigsten Interessen seines künftigen Lebens absprechen zu hören! Lassen Sie uns nach dem kleinen Esssaale gehen, wo uns einige der genauesten Freunde des Marschalls erwarten."

"So bitte ich, mich zu beurlauben," sagte Leonin; – "ich will mit meiner Stimmung, die gegen Ihre Absichten läuft, Ihnen nicht länger lästig fallen. Die Zeit wird lehren, ob sie eine augenblickliche Aufregung ist."

Er entfernte sich, Alle ehrfurchtsvoll grüssendgegen Viktorinen einige Worte schwärmerischer Verehrung aussprechend. –

Wenn wir einen blick in die verschiedenen Gemächer tun, in die sich die drei Hauptpersonen dieses schweren Abends zurückgezogen hatten, nachdem es ihnen verstattet, sich zu trennen, so werden wir erfahren, was ihr los war, als die äusseren Rücksichten für sie aufhörten.

Die Marschallin hatte sich entkleiden lassen, und ihre Frauen warteten im Vorzimmer. Sie horchte dem Schliessen der Tür, was ihr endlich Alleinsein, dieses dringendste Bedürfniss, sicherte. – Fünf Minuten später würden wir die Marschallin von Crecy, die eben mit stolzer Ruhe ihre Frauen nach dem Vorzimmer entliess, kaum wieder erkannt haben. Die zurückgepressten Leidenschaften, die diese letzte, verhängnissvolle Zeit ihres Lebens höher, wie jemals gesteigert hatte, brachen, wie ihres Zügels beraubt, plötzlich hervor. Bald durcheilte sie mit grossen, ungleichen Schritten das Gemach, während ihre krampfhaft gepressten hände ihre ungestümen Gedanken ausdrückten; – bald sank sie in ihren Sessel, und ein kurzes, zorniges Schluchzen rang sich hervor. – Doch, wir halten