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laut – "lassen wir das! Kommen Sie zu sich, und denken Sie, dass wir alle von den Quälereien und der ganzen geschichte nachgerade müde und matt sind. Wir haben Alle unsere christliche Teilnahme dargelegtging mir auch selbst recht zu Herzen; aber jetzt muss es vorbei seinwäre dem alten Marschalle selbst zuwider, wenn wir nicht endlich aufhören könnten!"

Leonin stand auf, nachdem er einen blick des Schmerzes auf seine blasse Gemahlin geworfen. "Ich verlange gewiss nicht," sprach er, "durch meine Gegenwart Euer Gnaden zu Gefühlen aufzufordern, über deren Dauer mit grossem Rechte nur Jeder selbst bestimmen kann, und der Sohn darf sich gewiss in einem Verhältnisse bekennen, dass seine Gefühle nicht zur Richtschnur für Andere machen kann."

"So," sagte die Herzogin – "das nenne ich vernünftig gesprochen. Man kann oft Ihre absonderlich auffallenden Handlungen gar nicht begreifen, wenn man hört, wie verständig Sie sich zu äussern wissen."

Leonin hatte während dieser Worte die Anwesenden stumm und abgemessen begrüsst. Es hatte sich seiner bei dem Anblicke seiner Mutter ein so kaltes, bitteres Zürnen bemächtigt, dass er den Ausdruck für die herkömmliche Weise verlor; auch gab ihm die Herzogin bald gelegenheit, sich zu entladen.

"Nun," rief sie – "mein Kind, ich habe recht darauf gewartet, Sie wiederzusehn; denn nur Sie selbst können uns das Ereigniss erklären, das uns damals bei der Taufe Ihres Sohnes so sehr erschreckte. Waren Sie denn wirklich krank und liefen deshalb fort?"

"Nein, Madame," erwiderte Leonin gemessen – "ich war nicht krank, als ich abreiste, ich ward es erst später."

"Nun, sehen Sie, Marschallin," fiel jetzt die Herzogin ins Wort, "ich konnte Ihre Erzählung gleich nicht glauben; denn kurz vorher hatte ich ihn gesehen, und mit eins sollte er toll und krank und deshalb davongejagt sein!"

"Sagte das meine Mutter?" fragte Leonin scharf betonend. – "In Wahrheit, ihr Irrtum ist sehr auffallend, da sie am besten, denke ich, den Grund meiner Abreise wissen musste!"

"Ihre Mutter, Graf?" rief die Herzogin – "nun, das hätte ich nie für möglich gehalten!"

"Es war vielleicht eine zu grosse Schwäche von mir," fuhr jetzt die Marschallin auf, durch Beide geängstigt und erzürnt – "dass ich die Unbesonnenheit meines Sohnes auf eine Weise zu erklären trachtete, die in der Handlung selbst sich mir darzubieten schien. Eine wahnsinnige Handlung dem plötzlichen Erkranken zuzuschreiben, möchte milder urteilen heissen, als es ein Jeder in solchem Falle verdient!"

"Sie hätten Ihre Gnade nicht so weit treiben sollen," erwiderte Leonin kalt; – "aus den Umständen, die Ihnen bekannt waren, hätten Sie annehmen können, wie wenig ich mich geneigt fühlen müsste, eine Vormundschaft anzuerkennen, deren Erfolge ich eben einsehen lernte."

Die Marschallin bebte vor Zorn. Niemals hatte sie eine solche Sprache von ihm gehört! Sie war zuerst um eine Antwort verlegen, die den ganzen tiefen Ingrimm ihres Herzens auszudrücken vermocht hätte. Doch überhob die Herzogin sie jeder Wahl. Aufs neue rief sie: "Kind, ich verstehe dieses Hin- und Herreden nicht, sagen Sie deutlich, wie es zusammenhing!"

"Enschuldigen mich Euer Gnaden," sprach Leonin mit schonender Ehrerbietung – "Sie sind eine zu gefühlvolle Frau, eine zu gute Mutter, um nicht zu wissen, dass Viktorine das erste Recht an mein Vertrauen hat, und ich es abwarten muss, ob sie mich zur Rechenschaft ziehen will."

"Dagegen lässt sich Nichts sagen," erwiderte gutmütig lachend die alte Herzogin; – "das heisst: schweige still, Du hast Dich nicht hinein zu mengen!"

"Dies möchte indessen nicht der Fall für Alle sein," sprach die Marschallin scharf. "Der König hat eine persönliche Beleidigung, für die er Ihr Betragen notwendig halten musste, mit der Ungnade gegen Ihre Familie bestraft; – und diese Familie, die während ihrer langen Existenz etwas Aehnliches nicht erfuhr, möchte wohl das unbestrittene Recht haben, einer Handlungsweise nachzufragen, die so beleidigende Folgen für sie hatte."

"zwingen Sie mich nicht, Ihnen augenblicklich diese Erklärung zu geben!" rief Leonin, mit einer Wildheit in Ton und blick, die Alle erschreckte. – "Ich bin bereit dazu; denn es ist vielleicht so besser, da ich in meiner Empfindung nicht mehr zu retten bin. Aber SieSie, meine Mutter, – Sie sollten mich nicht dazu treiben wollen!"

Die Marschallin fühlte, dass sie zu weit gegangen war; aber sie hatte noch keine Beleidigung ungerügt erfahren, von ihrem Sohne sollte sie sie hinnehmen, der ihr bis jetzt noch nie getrotzt? Es war zu viel und dennoch sah sie ein, sie habe ihn selbst zu der Grenze hingetrieben, von der sie ihn hatte abhalten wollen.

"Sie sollten mindestens fühlen," sprach sie, sich mit Gewalt bezähmend – "dass der Augenblick zu Ihrer leidenschaftlichen Unhöflichkeit gegen mich schlecht gewählt ist. Ich bin die Witwe Ihres Vatersvielleicht erinnern Sie sich, dass die Leiche dieses in Ungnade gefallenen, berühmten Mannes noch über der Erde istund dass ich Ihre Mutter bin!"

Leonin stand in düsterem Brüten vor dieser kunstvollen Rede; es blieb ungewiss, ob er sie gehört. Da fühlte er eine