Waffen verrosteten."
"Das werden Sie mich nicht überreden," erwiderte die Marquise – und eben erwachte Louis Maria in seiner Wiege. Viktorine rührte die Glocke, die Wärterin erschien mit der Amme, und beide Frauen wendeten ihre Aufmerksamkeit den kleinen Beobachtungen zu, ob das Kind zugenommen habe, ob lustig zur Nahrung sei? So wichtig, so süss und beglückend für ein mütterliches Herz! –
Es war der letzte Tag vor der Beisetzung des Marschalls, und die Audienzen der Beileidsbezeigungen waren auch für diesen letzten Tag geschlossen. Von einigen allzu lästigen Stücken ihrer beschwerlichen Trauerkleidung befreit, sassen die Damen des Hauses mit dem Herzoge und der Herzogin von Lesdiguères beisammen, und es waltete über Allen der Zwang, den leere Trauer-Ceremonien so ermüdend ausüben, und denen man sich nicht entziehen darf, ohne gegen eine höhere idee zu sündigen, die doch gerade in diesen lästigen äusseren Zeichen zu ersterben beginnt. Alle sehnten sich, von einander loszukommen, um sich nur einmal der natur nach regen und wenden zu können. Aber es war Sitte, dass man in den inneren Gemächern soupirte und bis dahin zusammen blieb; so hielt Jeder den Andern im Schache mit einer angenommenen Empfindung, die sich nach Wechsel sehnte.
Um diese Zeit fuhr derselbe einfache Wagen ohne Livreen, der einst, bloss von Jaques geführt, den Weg nach St. Sulpice zuürcklegte, unter dem Trauerwappen der Familie hindurch in das Schlossportal; und das Erste, womit der junge Herr des Schlosses begrüsst ward, war das Salutiren der Wappenherolde mit ihren düstern Fahnen, und schaudernd fühlte er erst jetzt die Wahrheit der erschütternden Nachricht.
Schweigend und mit der ängstlichen Spannung, die sein auffallendes Betragen auch jedem Diener gegeben, ward er in dem düstern haus empfangen. Ach, die tiefe Trauer, die er um Fennimor trug, wie wohl passte sie zu den schwarzen Treppen und Wänden, die ihn bald umfingen!
"Nach dem Trauersaale!" stammelte er kaum hörbar. Die Türen öffneten sich – der schreckliche Pomp lag vor ihm ausgebreitet – der Sohn an den Stufen des Sarges auf seinen Knieen.
Sein Gebet war ein zuckend, schmerzhastes Aufblicken zu Gott; mehr eine Hoffnungslosigkeit, beten zu dürfen – mehr ein Ausruhen im Schmerz, als eine Erhebung zu Gottes Gemeinschaft! laut hielten die Mönche von St. Sulpice die Exequien über die Leiche – der fungirende Priester fügte dem gewöhnlichen, vorgeschriebenen Ritus ein lautes Gebet hinzu: "Lass' Dir auch die Herzen empfohlen sein, die, belastet von der Not, die eigne oder fremde Schuld ihnen gab, in Gram gebeugt vor Dir seufzen. Tröste und erhebe sie. Die Vergangenheit hast Du unwiederruflich gemacht; aber selbst die Schuld in ihr kannst Du erblassen machen durch den Mut, Deiner göttlichen Gemeinschaft zukünftig teilhaft werden zu wollen. Es soll Allen vergeben werden, die von Herzen reumütig sind, und ihre Schuld ihnen nicht folgen auf dem Pfade der Besserung!" Jetzt sprach er den Segen mit einer Kraft und Bewegung, dass Leonin über die Gewalt erbebte, von der sein Herz aufgerissen ward. Er hob den Kopf – Fenelon, der blasse Priester von St. Sulpice, stand mit erhobenen Armen und erhobenem haupt über ihm, und schien vom Himmel die Flammen andächtiger überzeugung hernieder zu rufen, mit denen er die Seelen erwärmte.
"Fenelon," rief er – "hast Du den Schlüssel zu lösen und zu binden?" –
"Der hat ihn, der sich voll Glauben an seine göttliche Kraft dem in die arme wirft, der Alle heilt, die reumütig und beladen sind. In seinen Sünden verzweifeln wollen, heisst Gottes Allmacht verläugnen!" Er hatte dies leise nur zu ihm, dem Knieenden, gesprochen. Er machte das Zeichen des heiligen Kreuzes über ihm und schloss sich dann den Mönchen an, die ihren Umzug hielten. Als die erhabene Gestalt aber an ihm vorüberglitt, hörte Leonin wie einen Luftauch die Worte: "rette Viktorine!"
Er fühlte sie bis in sein tiefstes Innere, und sie gaben ihm die Richtung, die er bei den schwachen Angaben seiner Gefühle vielleicht nicht erkannt hätte.
Er erhob sich und folgte dem harrenden Kammerdiener zu den Zimmern seiner Mutter. Wie lastete die düstere Pracht dieser Gemächer auf ihm! Jedes Zimmer schien ein Katafalk zu sein. Endlich öffnete sich der kleine Salon, in dem er seine Familie, fast zur Unkenntlichkeit in Trauergewänder eingehüllt, versammelt sah. – Er kam erwartet; dennoch überraschend. Ein kurzer Aufschrei verriet ihm das einzige Wesen, nach dem sein Herz noch eine Richtung hatte; und überwältigt von der Vergangenheit, die zwischen ihm und seinem weib lag, eilte er nicht in ihre arme, sondern kniete in demselben Augenblicke zu ihren Füssen. Viktorine hatte sich leise in einen Stuhl gesenkt – ihre Füsse bebten, wie ihr Herz. Beide sprachen nicht; es herrschte von allen Seiten ein verlegenes Stillschweigen; Keiner verstand das Gefühl des Anderen. Die Empfangenden standen trocken und müde von einer tränenreichen Begebenheit, mit der sie fertig waren, und Leonin's Ankunft, dessen Stimmung Keiner zu erraten vermochte, erregte die Befürchtung, mit allen Schmerzenszeichen von Vorn anfangen zu müssen. Man schien von ihm wenigstens die Anregung abwarten zu wollen und behielt eine Stellung, aus der gleich zu machen war, was sich nötig zeigte.
Doch fand jeder unnatürliche Zwang bei Madame de Lesdiguères immer bald in ihrer raschen, geraden Gefühlsweise seine Erledigung. "Jetzt, Herr Graf Schwiegersohn," rief sie plötzlich