durch ihre sich gleich bleibende Stellung zur Gesellschaft – endlich von der natur selbst mit anderen Bestandteilen des Blutes versehen, die leicht zu erkennen sind, kämpfen sie mit einer schwierigen Naturanlage und entbehren dabei den Schutz der häuslich-sittlichen Ordnung, die das Weib von Jugend auf bestimmt ist einzuhegen. Wenn wir noch hinzu rechnen, wie sie eine doppelte Existenz entwickeln müssen, nämlich die häusliche und die öffentliche, und die eine oft mit der andern im grellsten Widerspruche steht, so erstaune ich billig über ihre schwierige Aufgabe und erstaune billig n i c h t mehr, sie oft ungelöst zu finden." –
Viktorine schwieg; – dann sagte sie, wie sich überwindend: "nicht immer steht ihre äussere Stellung zu ihrer häuslichen in Widerspruch; und dennoch sehen wir sie diese gering achten, nach kurzem Erfassen sie aufgeben, als gehörte sie nicht zu ihnen."
"Ja wohl," erwiderte die Marquise schnell – "die Harmonie zwischen Beiden herzustellen, erfordert eine so vollkommene, männliche entwicklung, dass wir fast immer das Eine auf Kosten des Anderen bei ihnen erreicht sehen; und diese mangelhafte Reife macht, dass sie die Hand nach dem äusseren Leben lieber ausstrecken und erwarten, das andere werde schon hinterdrein kommen. Wie gross diese Täuschung ist, da es eine eben so warme Auffassung verlangt, beweist sich nur zu bald, indem sie die Häusliche allmälig ganz damit verlieren – und der Trübsinn, der Lebensüberdruss, der nirgends mehr anzuknüpfen weiss, gewöhnlich die traurige Folge ist. Aber eben so gewiss zwingt sie auch in den meisten Fällen das Leben, erst mit allen Erfordernissen die öffentliche Existenz sich zu erringen; und oft, ja vielleicht immer, wo diese Existenz auf edle, würdige Weise erstrebt wird, bilden sich zugleich Fähigkeiten aus für das natürlichere Leben des Hauses, wenn auch das Bedürfniss dafür erst später eintritt."
"Ach, und darauf zu warten!" rief Viktorine – "vielleicht das ganze Leben vergeblich darauf zu warten – wie viele Herzen hat das indessen gebrochen!"
"Viele! Viele!" rief Frau von Sevigné gerührt – "denn es ist nur die Aufgabe für ein starkes, weibliches Herz, die schwere Prüfung zu bestehen und ungestört den heiligen Beruf zu verfolgen, den unsere Bestimmung dennoch festzuhalten erlaubt; – aber zugleich ein herrlicher Triumph, zu Gottes Ehre indessen ein Weib geworden zu sein in der vollen Pracht unseres Berufs – wie jener schöne, dunkle Baum des Südens, über gereiften, goldnen Früchten die duftenden Blüten zu tragen, und dem ermüdet zurückkehrenden Gatten, der lange vergessen und übersehen, was er besass, zeigen zu können, ein Weib sei für sich etwas Grosses und Göttliches, wenn sie ihren Beruf verstanden; – und der Heerd, den er verschmachtend sucht, sei indessen wohl gehegt, und das göttliche Symbol unseres Geschlechtes, Milde und Vergebung, sei sein Empfang!"
Viktorine schwieg; aber sie weinte jetzt, den Kopf auf das Bettchen ihres Kindes gelehnt.
Die Marquise schien es nicht zu sehen – im leichteren Tone fuhr sie fort: "oft gedenke ich einer liebenswürdigen Freundin, die den lebhaftesten, Liebe suchendsten Mann der Erde gewählt hatte. Die Neigung zu Torheiten aller Art, die ihr Gemahl besass und die ihn in Versuchung führte, sich in jedes neue und schöne Gesicht zu verlieben, hatte mehr gute Eigenschaften an ihr entwickelt, als seine treuste, sorgfältigste Liebe erzogen hätte. Sie erzählte mir oft mit der heitersten Laune die Art und Weise, mit der sie dem Uebel gesteuert hatte. Als sie das erste Mal diese Entdeckung machte, überwältigte sie der Zorn fast; aber es erwachte zugleich ein Stolz, ein Selbstgefühl, was alle ihre Kräfte ins Leben rief. Die Frau, in die ihr Gemahl sich verliebt hatte, war schön und geistreich. Sie wurde Beides augenblicklich auch. Nie sass ich länger vor meiner Toilette," sagte sie. "Aber nicht ich allein – mein ganzes Haus musste meine Schönheit unterstützen – meine Küche, meine Service, Blumen, Düfte. Ueberall entlockte ich einen Reiz – eine Annehmlichkeit. Ich war coquett von dem kleinen Sammetpantoffel an, worin er zuerst meinen Fuss erblickte, bis zu dem Küchenzettel und der Visitenliste. Wie wählte, wie sonderte ich, wie überraschte ich ihn durch anmutige Geselligkeit! Die Tonkunst, die er liebte, und die ich deshalb glaubte übersehen zu können – plötzlich beschützte ich sie; ich sang selbst ein Lied, was ich mit Tränen des Zornes einstudirt hatte, ihm lächelnd vor. Die Beschäftigung, die ich durch diese Vorkehrungen hatte, zerstreute mich; ich blieb frisch, von jener übellaunigen Schwermut verschont, mit der Frauen ihre Männer vollends zum haus hinaus jagen – und jetzt hätten Sie sehen sollen, wie schnell ich meinen Gemahl aufs neue gefesselt hatte, wie liebenswürdig er mich fand, wie ich der andern Neigung Rang abgewann; und da er einige Male die Procedur wiederholte, ich die Mittel, ihn wieder einzufangen, so entwickelten sich wirklich gute Angewöhnungen in mir. Ich bekam Eigenschaften für mich selbst, die ich anfänglich für kleine Hülfsmittel geachtet hatte." –
"Ach," sagte Viktorine – "welch' ein Glück, wenn uns der Stolz nicht gegen uns selbst bewaffnet, wenn er die Kraft wird, mit der Achill den Felsblock aufhob, um die Waffen hervorzuholen, mit denen er unbesiegbar ward. Ich fürchte, wenn ich in solche Lage käme – der Felsblock fiele auf mein Herz, und die