1839_Paalzow_084_174.txt

Gemahle gestatten zu können. Die Marquise verstand und ehrte diese keusche, weibliche natur und kannte die Gefahren, in der Ehe Vertraute haben zu wollen, zu gut, um nicht dieser Gesinnung mehr eine Stütze, als ein Hinderniss zu sein. Aber es entging ihr nicht, dass Viktorine die Ruhe des Vertrauens verloren hatte, mit der man allein das geheimnis des Glückes gewinnt. Ueberzeugt, dass diese Gabe uns nur selten auf lange verliehen ist, und uns aufgegeben bleibt, uns zu resigniren und die würdige Gestaltung eines ehelichen Verhältnisses damit nicht aufzugeben, sondern darüber hinaus ihm einen so edlen und achtungswerten charakter zu sichern, dass die Rückkehr des Glückes immer möglich, wir wenigstens seiner wert bleibenbemühte sich die geistreiche Frau, nur mit allgemeinen Andeutungen Viktorinens Geist in diesem Sinne zu erweitern.

"Es schien mir, meine Liebe," sagte sie zu der wehmütig über ihr Kind gebeugten Viktorine – "dass der Marschall manche Elemente in sich trug, die, von Ihrer Frau Schwiegermutter nicht übersehen, das eheliche verhältnis dieses Hauses für spätere Tage wohl zu einem besseren Zustande hätten zurückführen können, als uns dargelegt ward."

"Gewiss," erwiderte Viktorine – "der Marschall war ein Felsen, aus dessen Schachte Quellen zu lokken, der glaubensvolle Schlag einer Hand gehörte, die annahm, sie müssten hervor springen! Aber das war es gerade vor Allem, was meiner Schwiegermutter fehlte, der es überhaupt schwer wird, Menschen von Dingen zu unterscheiden, und die endlich sich mehr über die Symptome eines eignen Willens erzürnt, wie erfreut; da sie auch den leisesten Hauch einer Konkurrenz nicht verträgt."

"Sie sind streng, Viktorine," sagte Madame de Sevigné lächelnd – "doch weniger, da Sie wahr sind. Aber glauben Sie mir, wenn wir die Marschallin in so sorgloser Sicherheit bewerkstelligen sehen, was ihr gefällt, und sie weder eine andere Individualität achtet, noch ihr einen eignen Willen zu ihrer Entwicklung zugestehet, so ist das mehr oder weniger überall die trostlose Ursache der zahllosen unglücklichen Ehen, denen wir begegnen. Die Ehe ist Keinem mehr an sich etwaseine göttliche Einrichtungeine erhabene bürgerliche Existenz! Unsere jungen Frauen wollen bloss in einem solchen Verhältnisse geniessen, eine grössere Freiheit für ihre unter Zwang gestellten Neigungen erhalten und fangen immer damit an, wobei noch kein verhältnis der Erde bestand, von der einen Seite Alles zu fordern, und gleiche Forderungen an sie gestellt, für erkaltende Gefühle des Mannes zu halten."

"Wenn sie nur lieben könnten!" sagte Viktorine. – "Ich denke oft, das ganze geheimnis liegt darin, dass die Fähigkeit zu lieben in diesen jungen Mädchen früher zerstört wird, als das Alter sie zu diesem Gefühle beruft. Es hat keine mehr Innerlichkeit, der Strudel der Welt treibt sie aus sich heraus; sie lernen Alles nachmachen, was ihnen Geltung und Auszeichnung verspricht, endlich auch liebeln, wenn ihnen der Mann, dem es gilt, eine Stellung am hof verheisst. Wie sollen sie nun verheiratet nur begreifen, dass die Stellung, die sie wollten, sie zugleich mit einem mann verbunden, der eine Seele hatden sie schonen, ehrendem sie gehorchen müssen!"

"Es ist nicht zu läugnen," erwiderte die Marquise, "dass diese Entartung unser Geschlecht nicht a l l e i n verfolgt, dass allerdings selbst einer besser vorbereiteten Frau es doch oft sehr schwer werden würde, d a s bei ihrem mann zu entdecken, was Sie eben mit Seele bezeichneten, und dass selbst, wenn sie Liebe zu ihm zu fassen vermag, dies doch nur eine zweifelhafte Stütze ihres Glückes wird; dawenn die Anforderungen derselben nicht mässig und vom verstand geleitet bleiben, sie leicht ihre mögliche Zufriedenheit noch mehr bedrohen, wenn sie die erwartete Erwiederung nicht findet. Und dennoch, selbst wenn Sie lächeln solltenich mache es jeder Frau zum Vorwurf, der ihr Gatte untreu wird!"

"Das ist mindestens V i e l gesagt!" rief Viktorine, ein wenig gereizt. – Die Marquise fuhr fort: "Es ist eine sehr verbrauchte Entschuldigung aller Frauen, die dies erleben, dass das häusliche Beisammensein in der Ehe Verhältnisse mit sich brächte, die Illusionen notwendig zerstören und die Gattin, gegenüber dem mann, in ihn verletzende und reizlose Situationen bringen müsse. Hiervon glaube ich gerade das Gegenteil! Keine Frau hat die Mittel in Händen, einen Mann zu fesseln, die sich mit denen einer Gattin vergleichen liessen. Aber sie muss freilich vor allen Dingen ein Weib bleiben, eine züchtige Jungfrau in ihrem Gemüteden Schleier der Vesta muss die Flamme der Liebe nicht versengen."

"Ja, ja," rief Viktorine warm – "das, das ist das Rechte!"

"Ein grosser Schriftsteller," fuhr die Marquise fort – "sagt irgend wound sein Ausspruch entält eine Erfahrung, die es scheinen lassen wird, er habe zu allen zeiten gelebt, da er Recht haben wird, und wenn sein Enkel es hundert Jahre nach ihm wiederholtindem er uns zwei gleich liebende Wesen von beiden Geschlechtern vorführt, von denen das Weib zuerst einen Mangel, einen Stillstand in den Gefühlen des Mannes wahrzunehmen glaubt: wenn eine Frau liebt, liebt sie in einem fortein Mann tut dazwischen etwas Anderes?"

Viktorine fuhr schnell mit beiden Händen empor. Einen Augenblick verhüllte sie ihr Gesichtdann war es vorüber. Die Marquise hatte indessen,