, und ohne sich es einzugestehen, fand sie doch, dem alten, lebensmüden Greise sei die Ruhe zu gönnen, und der Augenblick dazu könne den Umständen eher günstig, als nachteilig werden.
Ihre erste Sendung war nach dem Herzoge von Lesdiguères. Er ward beauftragt, dem Könige die Meldung dieses unerwarteten Todes zu machen.
Mit einer Fassung, die ihrem gleichgültigen Herzen sehr natürlich war, gab sie ihre Befehle zu der grossen Umwandlung des Hauses. Vom Portale des Schlosses, welches das grosse Trauerwappen trug und von zwei mit Flor behangenen Herolden bewacht wurde, bis zu den Wohngemächern hinauf, ward das ganze Haus schwarz ausgeschlagen. Alle Livreen verschwanden, die dienenden Frauen zeigten keine Farben, und die Damen der Familien keuchten unter langen Trauerkleidern, Kappen und Schleiern.
Der grösste Saal des Palais war mit schwarzem Sammet so fest verhangen, dass kein Strahl des Tages eindringen konnte. Hunderte von Kerzen ersetzten das Licht der Sonne. Die einbalsamirte Leiche des Marschalls stand auf Stufen erhöht; seine Orden, der Marschallstab, Degen, Sporen und Helmsturz ruhten auf Tabourets um den Sarg verteilt, an denen zahllose Pagen, mit Trauerflören und Wachskerzen in den Händen, in unbeweglicher Stellung Wache hielten.
Diesen Kreis umgaben den ganzen Tag von früh bis spät eine Abteilung Mönche mit einigen fungirenden Priestern, welche die Gebete und einweihenden Funktionen verrichteten; denn der Erzbischof von Noailles hatte nicht vergessen, was er dem haus Crecy-Chabanne schuldig war, und die Meldung dieses Todes war mit den gehörigen Weisungen an die dazu bestimmten Klöster ergangen. Die ganze Dienerschaft des Marschalls löste sich ausserdem noch an dem Sarge ab, während die Chorknaben der Prozessionen in angemessenen Pausen den Sarg mit ihren Weihrauchbecken umzogen und Alles in betäubende Düfte hüllten.
Die Marschallin schien mit grossem Takte ihre augenblickliche Stellung zu Hof und Adel vergessen zu haben. Die Trauerboten zogen mit der Todesmeldung durch alle Häuser, die durch ihren Rang auf diese Auszeichnung Anspruch machen konnten. Einen Augenblick hielt die ganze Korporation den Atem an und richtete die Augen nach dem schloss von Versailles. Es ward aber sogleich bekannt, dass der Herzog von Lesdiguères eine gnädige Audienz beim Könige gehabt, und der grossmütige Monarch seinen Unwillen nicht über das Grab hatte ausdehnen wollen. Der Herzog von Gêvres und der Prinz von Courtenaye bekamen Befehl, zur Beileidsbezeigung sich in das Trauerhaus zu begeben. Dies war die wohlverstandene Loosung für Alle Uebrigen, und die Königinnen und Prinzessinnen an der Spitze, die ihren Hofstaat beorderten, belagerte nunmehr der Adel in allem Pompe der Trauer das Palais Soubise.
So war dies vor kurzem verödete Haus, jetzt seines Oberhauptes beraubt – damit zu seinem alten Glanze zurückgekehrt, und die Marschallin fühlte den bittersten Hass gegen die bezwungene Menge und den stolzesten Triumph über die gefügigen Schritte, womit Alle jetzt genötigt waren, ihr entgegen zu kommen, nachdem sie es gewagt, sie zu verlassen.
Sie sass unter ihrem schwarz verhangenen Tronhimmel in der lästigen, steifen Trauerkleidung die üblichen Stunden des Empfangs, ohne ein Zeichen des Lebens, als die jedesmalige Neigung des Kopfes, wenn die herkömmlichen Beileidsbezeigungen an sie gerichtet wurden. Rechts sass die arme, weinende, kindlich betrübte Louise – links ihre erschütterte Schwiegertochter. Die nahen Verwandten schlossen sich sitzend auf beiden Seiten an; – nur die Hofchargen empfing die Marschallin stehend mit geziemender Ehrfurcht.
Und der, der bei diesem wichtigen Vorfall am meisten beteiligt war – Leonin, das nunmehrige Oberhaupt der Familie Crecy-Chabanne, fehlte noch immer!
Alle Boten, alle Briefe brachten keine Antwort zurück, oder wurden nur von einigen unvollkommenen Briefversuchen des Kammerdieners erwiedert, die der Intendant der Marschallin nicht selbst vor die Augen der Familie zu bringen wagte, und deren Gesammtinhalt, mündlich von ihm mitgeteilt, Alles in einer solchen Dunkelheit liess, dass die Marschallin ihrer vollen Unruhe überlassen blieb.
Doch was litt die edle Viktorine in dieser Zeit! Aufs neue durch die Regeln der Trauer an ihr düsteres Schloss geknüpft, gab jeder Tag ihr neue, tiefere Leiden und hemmte die kräftigen Maassregeln, die sie ohne Zweifel ergriffen hätte, wäre sie nicht daran behindert gewesen durch dies Ereigniss, dessen bindende Gewalt sie aus Liebe zu dem verstorbenen Marschalle sich doppelt gezwungen fühlte zu ertragen.
Jede Stunde, die sie von den Audienzen erlöst blieb, brachte sie bei ihrem kind zu, dessen Gesundheit und kräftige Gestaltung ihr Trost und Hoffnung einflösste; hier, über der Wiege ihres Kindes, fand sie auch die einzige Freundin ihres Herzens, die edle, milde Marquise de Sevigné. – Obgleich im Alter weit auseinander gerückt, wussten doch Beide von diesem Unterschiede nichts. Sie war die einzige Frau an diesem hof, der Viktorine nachgegangen war, und um deren Aufmerksamkeit und Liebe sie sich kindlich weich und hingebend bemüht hatte. Die edle Frau hatte zu Anfange das lebhafte, kecke Mädchen, die ihr gegenüber so still und demütig ward, mit Anteil betrachtet; als sie ihr verständiges und strenges Verfahren als Hofdame der Königin sah, hatte sie sie geachtet und ihr endlich ein Vertrauen gewidmet, welches zu einer mütterlich zärtlichen Freundschaft ward, deren Beweise immer inniger hervortraten und in der gegenwärtigen Periode, die ihren Liebling in Ungewissheit und Kummer stürzte, diese zu einem gegenstand ihrer Sorgfalt machten – einer Sorgfalt, die, von dem geist der mildesten Schonung belebt, von Erfahrungen unterstützt, nicht verweichlichte oder verhärtete, sondern Viktorinens edle, freie Gesinnungen unverkümmert erhielt.
Viktorine war eine zu geschlossene, züchtige Seele, um selbst ihrer vertrautesten Freundin ein Gespräch über das nähere verhältnis zu ihrem