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der wahre Grund von Leonin's Entfernung werde zu Tage kommen. Die gutmütige Herzogin von Lesdiguères, der man nicht den Hof verboten hatte, die aber zu stolz und zu ehrlich war, ihn zu besuchen, während die Familie ihrer Tochter in Ungnade war, bestürmte die Marschallin mit Vermutungen und Nachforschungen, welche diese, so lange als möglich, ausweichend beantwortete; endlich aber ihr, wie der bekümmerten Viktorine erzählte, dass Leonin, von einer seiner hypochondrischen Launen ergriffen, ausser sich, dass die Ceremonie Viktorinen schaden würde, und empört über die notwendigkeit, sie zulassen zu müssen, die Flucht ergriffen habe und ohne Gepäck, ohne Bedienten, in einer einfachen Hofkarosse nach Ste. Roche geeilt sei, wo es sich wirklich gezeigt, dass er im Fieberwahnsinne abgereist, da er dort sogleich tödtlich erkrankt sei. Viktorine wollte ihm jetzt nachreisen; aber die ärzte unterstützten die Weigerung der älteren. Sie musste zwar nachgeben und bleiben, aber mit erhöhtem Misstrauen und in grosser Bekümmerniss um ihren Gemahl.

Dagegen schlug die Marschallin vor, nachdem die ersten vier Wochen für ihre Schwiegertochter vorüber waren, dass beide Familien sich nach Moncay, dem schönen schloss der Marschallin, was doch einige zwanzig Lieues von Paris lag, begeben sollten. Schon waren alle Vorkehrungen dazu getroffen, welche die Marschallin mit Ungeduld betrieben, da sie in der veränderten Existenz, die sie an P a r i s band und ihr V e r s a i l l e s , das Feld aller ihrer früheren stolzen Ansprüche verschloss, es kaum zu ertragen vermochte, als sie aufs neue sich in ihren Plänen durchkreuzt sah, und ihr die wenig gekannte Lehre gegeben ward, von den Umständen beherrscht zu werden.

Am Tage vor der Abreise meldete man ihr, dass der

Marschall plötzlich in seinem Zimmer einen bösen Fall getan habe, und der Hausarzt ihm bereits zur Ader lasse. Die Marschallin grollte zwar heftig darüber, fühlte aber doch, dass sie sich zu ihm begeben müsse, innerlich fest entschlossen, diesem Ereignisse keinen Einfluss auf ihre Abreise zu gönnen, da sie sich jeden Tag fast mit Empörung in Paris erwachen fühlte.

Mit vollständig schmollender Miene, fest ent

schlossen, ihn auszuschelten und ihm ihre Abreise anzukündigen, trat die Marschallin in seine verhassten Gemächer; und ihre Laune ward nicht verbessert, als die Domestiken ihres Gemahls, ohne sie zu beachten, weinend und händeringend an ihr vorüber stürzten, wie es schien, dringende Befehle zu vollführen. Als sie das Schlafgemach des Marschalls betrat, blieb sie horchend stehen; der Kaplan mit einigen Gehilfen, der Arzt, knieend und den Marschall im Arm, umgaben das Bett; – aber das Röcheln des Todes war ein zu verständlicher laut, um Zweifel zu lassen über das, was vorging. Mit steifen Knien schob sich die Marschallin näher. "Was geht hier vor?" rief sie entsetzt, mit rauher stimme. – Niemand antwortete. – "Marschall, Marschall, was habt Ihr gemacht? Erholt Euch! Fasst Euch! Seid ein Mann!" so rief sie, schon von der Wahrheit überzeugt, ihrer Erregung nur in zürnender Weise sich entledigend.

"Das war er, ein ganzer Mann!" sagte der Arzt und legte ihn auf sein hartes Kissen zurück; – "aber Männer müssen auch sterben!"

"Sterben!" rief die Marschallin – "Herr Doktor, Ihr fabelt, Sterben, er war diesen Morgen noch gesundein kräftiger Mann!"

"Ueberzeugen sie sich selbst, Frau Marschallin," sagte der Arzt zurücktretend – "hier findet der menschliche Wille eine Grenze, die auch ihr Gnaden nicht abändern können. Ein Schlagfluss hat einen an sich nicht tödtlichen Fall veranlasstes floss kein Blut mehr, obwol ich schon im Palais war, als der Zufall eintrat."

Die Marschallin trat näher und schauderte zurück vor dem starren Gesicht ihres Gemahls, das sie nie geliebt. Er hatte seine eiserne, zürnende Miene, und sie konnte sich nicht überwinden, ihn zu berühren; ihre natürliche Härte war durch die Erlebnisse der letzten Zeit so gesteigert, dass sie um den Preis der Welt kein mildes Wort, kein Zeichen der Rührung zu geben vermocht hätte. Sie fühlte bloss mit unendlichem Grolle, wie aufs neue ihre Vorsätze scheiterten, und sah in ein Gebiet von Erscheinungen, von denen es noch ungewiss blieb, ob sie ihr günstig oder störend sein würden.

"Ein Ehrenmann! ein grosser Held! ein vollkommener Edelmann!" sprach sie endlich kalt – "eine Stütze des Trones, von dem doch seine letzte Kränkung ausging. Jetzt kann man ihm keinen Wunsch mehr abschlagenjetzt wird sein Name doch bis zu den Ohren dessen dringen, dessen Kindheit er schützen half! – Meine Herren," fuhr sie fort – "Sie werden die Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten machen, die in unsern erlauchten Häusern Sitte sindich werde die Hausoffizianten kommandiren, Ihnen beizustehen. Der Intendant wird das Schema der Ceremonie empfangen. – Ihr, Herr Kaplan, werdet in meinem Namen dem Herrn Erzbischof von Noailles die Anzeige von diesem Todesfalle machen; ich hoffe, er wird sich erinnern, was er dem haus Crecy-Chabanne schuldig ist. – Ein Courir muss nach Ste. Roche abgefertigt werden." –

Nach diesen Anordnungen verliess sie das Sterbezimmer ihres Gemahls und schritt mit kalter, strenger Miene an der weinenden Dienerschaft vorüber; ehe sie ihre Gemächer erreichte, hatte sie genau alle Vorteile dieser neuen Lage der Dinge übersehen