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doch zurück, zu Ihnen zu reisen. Ich werde Ihre Antwort erwarten und hoffe, dass Sie mir selbst die erlaubnis geben, zu Ihnen zu kommen, wenn Ihre Gesundheit Ihre Abreise verzögert; denn dann ist mein Platz bei Ihnen, und ich habe keine höhere Pflicht, darf auch meiner eignen Gesundheit jetzt schon vertrauen.

Lassen Sie nichts Fremdes zwischen uns treten; – ich weiss Ihnen kaum auszudrücken, wie seltsam mich das berührt, was wie ein geheimnis plötzlich zwischen uns tritt. Lassen Sie michwas es auch seiden mir zustehenden Platz Ihrer Freundin einnehmen. Ich traue hier Niemandem, ich höre mit Widerwillen und Misstrauen, was man mir von Ihnen sagtich kann es Niemandem beweisen, und doch fühle ich, es ist nicht wahr!

Ihnen will ich glauben und gehorchen – – antworten Sie nicht, reise ich ab. Gott behüte Sie!

V i k t o r i n e ."

"Antworten Sie nichtreise ich ab," rief Leonin – "o nein, das darf nicht sein! Hier darf ihr Fuss nicht rastenhier kann ich sie nicht wiedersehen!"

"So müsst Ihr also zu ihr," sagten die beiden Freunde, die wieder näher traten – "dies edle Wesen darf nicht in die Verwirrung verflochten werden, die ihr hier nicht zu entziehen wäre. Schont wenigstens s i e noch! Ihr rettet nicht, was Euch verloren, wenn Ihr sie auch aufopfert."

"Ach, meine Freunde," seufzte Leonin – "ich unterziehe mich Eurem Ausspruche; denn ich habe kein Recht mehr, nach dem Einzigen zu greifen, was mir wohltun könnte. Aber der Fluch, den ich auf mein Haupt herabgezogen, wird alle Verhältnisse berühren, in die ich zu treten wage. Ich werde Viktorine durch meine Rückkehr zu schützen suchen; aber mein Anblick, mein zerstörtes Innere wird ihr nicht zu entziehen sein, und wenn sie Erklärung fordert, werde ich ihr die Wahrheit verhüllen und sie damit von mir fern halten, oder ich werde sie ihr gestehen und sie damit rettungslos unglücklich machen."

Die beiden Männer schwiegen gerührterschüttert von dem Zustande des Unglücklichen, und hauptsächlich durch die überzeugung bewegt, dass er der Kraft ermangeln werde, seinem verworrenen Leben eine versöhnende Gestaltung zu verschaffen. Doch waren Beide, so lange er noch mit ihnen zusammen war, bemüht, ihn in seiner abgespannten, düstern Stimmung zu stützen und ihn zu einer schonenden Zurückhaltung gegen seine unglückliche Gemahlin zu bestimmen; da sie nach dem, was sie über den edlen, aber festen und stolzen charakter der jungen Gräfin vernommen hatten, nur annehmen konnten, dass die erkenntnis ihres unberechtigten, durch den grössten Frevel entweihten Verhältnisses, sie zu einer entschiedenen Trennung führen werde, die Beide dann gleich unglücklich machen musste. Aber Alle blieben über den Erfolg ihrer Bemühungen unsicher. Es war neben einer kalten Verachtung des Lebens eine Bitterkeit, eine Geringschätzung gegen die Menschen und Zustände, die ihn früher beherrscht hatten, eingetreten, die sie mit Bedauern seiner geringen religiösen Entwicklung zurechnen mussten, und die ihnen wenig Hoffnung für seine Zukunft gab.

Wir verlassen ihn hier, um zu erfahren, wie die Verhältnisse sich gestaltet, denen er in dieser Stimmung entgegen ging. Wenn wir die Zeit noch ein Mal auffassen, die wir uns bemühten, in ihren ungewöhnlichen Zuständen darzustellen, und wenn wir uns erinnern, welchen Standpunkt der König in dieser Steigerung aller Verhältnisse, mit einer, unsere Begriffe fast überbietenden Ausdehnung, einnahm, so werden wir vielleicht begreifen, welchen Eindruck eine persönliche Beleidigung gegen diese geheiligte person, eine anscheinende Nichtachtung ihrer Herablassung hervorbringen musste.

Monsieur erschien augenblicklich, obwol es nicht die Stunde für ihn war, beim Könige, und Ludwig war so erstaunt, so zweifelnd an der Möglichkeit einer solchen Beleidigung, dass er unruhige und verlegene Blicke auf die erhitzten Züge seines Bruders richtete, unsicher, wie es schien, über das Befinden desselben. Aber er musste sich endlich entschliessen, diesen Angriff auf seine unbestrittene Würde anzuerkennen, und in demselben Momente diktirte er auch zugleich die Strafe. Der König entliess den jungen Grafen seiner Funktionen bei der Königinder ganzen Familie wurde angezeigt, dass sie sich des Hofes zu entalten habe.

Der Marschall harrte vergeblich mit hartnäckiger Verzweiflung an den Stufen des königlichen Schlosses auf die Gewährung der flehenden Bitte: auf seinen Knieen um Verzeihung bitten zu dürfen. Niemand hatte Mut, auch nur den berühmten Namen des Marschalls zu nennen. An ein solches Majestätsverbrechen erinnern, hiess sich dessen teilhaft machen. Ausser der feierlichen Sendung, die der Familie ankündigte, dass sie in Ungnade gefallen, betrat Niemand mehr die Schwelle des geächteten Hauses, und der König schien vergessen zu haben, dass es eine Familie des Namens gäbe; er wusste, dass er sie damit auslöschte und grenzenlos strafte.

Gedenken wir jetzt der Marschallin von Crecy, so werden wir gestehn müssen, dass sie mit der einzigen Geissel gezüchtigt wurde, deren Schläge sie fühlte und nicht von sich abzuhalten wusste. Sie versuchte die beste Stellung zu nehmen, die noch möglich wäre; aber es war nur die eine übrig, die sie aus allen bisher behaupteten Vorteilen und Ansprüchen verdrängte und ihr bis in die intimsten Verhältnisse ihres Hauses, bis zu ihren, jetzt minder ehrerbietigen Domestiken herab, eine Kette von bitteren Kränkungen bereitete, wie sie das Dasein derselben für sich unmöglich gehalten hatte. Diese Leiden wurden noch vermehrt, indem sie jeden Augenblick erwarten musste,