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den Zustand seines Herrn; denn Niemand hatte sich geneigt gefühlt, diesen Dienst für die Verachteten zu übernehmen. Bald traf der Leibarzt des Hauses Crecy einer sah den zweifelhaften Zustand, musste die hülfe des Arztes von Ste. Roche für ausreichend anerkennen und kehrte zurück.

Die Jugend siegte; Leonin genas. Aber er ward unter seinem wiederkehrenden Bewusstsein ein Greis. Sein schönes braunes Haar fing an zu erbleichen, seine Gestalt beugte sich, seine Abzehrung war erschreckend. Er sass Tagelang in dem kleinen Garten und sah, wie die Arbeiter Fennimor's Gruft gruben. Er fragte dem übrigen Leben nicht nachder Arzt riet Allen, ihn zu schonen. Standhaft weigerte sich Emmy Gray, ihm sein Kind zu zeigen; sie verrammelte ihre Türen, und nur, wenn er in dem kleinen Garten sass, hörte er zuweilen sein Kind durch das geöffnete Fenster jauchzend lallen. Dann schauderte er zusammen und streckte die arme seufzend hinauf; wenn er aber hörte, dass Emmy es ihm verweigerte, sagte er: "Ich habe auch kein Recht, es zu fordern!" und tat die sehnsucht zu seinen übrigen Schmerzen.

Er war jetzt einen monat in Ste. Roche, und der Kammerdiener, durch die verschiedensten Aufforderungen von Paris gedrängt, versuchte, ihn zur Rückkehr zu bereden. Leonin schwieg, wie immer, zu diesem Drängen, und der arme Mann wusste sich keinen Rat mehr; er musste glauben, sein Herr habe das Gedächtniss verloren; denn auch die Briefe, die der Kammerdiener ihm überreichte, blieben unerbrochen und, wie es schien, ohne auch nur entfernt sein Interesse zu wecken. Endlich glaubte er, die hülfe des Arztes und des Vikars nicht mehr entbehren zu könnener bat sie um ihren Beistand, und Beide verhiessen ihn.

Leonin hörte sie, vor Fennimor's Gruft sitzend, ruhig an, und sein Auge schien den Grund durchdringen zu wollen, der nun bald zur Aufnahme des Sarges bereit war. "Sie sollen meinen Sarg einst neben den ihrigen stellen," sagte er endlich mit grosser Anstrengung.

"Diese Bestimmung wird, wenn Ihr es wünscht, leicht zu erfüllen sein," erwiderte der Vikar. "Doch lasst Allem sein Recht! Habt Ihr über Euren Tod bestimmt, so bestimmt jetzt auch über Euer Leben. Denkt, wie Viele noch Ansprüche an dasselbe habenwie Viele Eurer Fürsorge anvertraut sind!"

"Ich sorge, denke ich, am besten für sie, wenn ich sie nicht wiedersehe!" seufzte Leonin. – "Was kann ich ihnen noch sein? Ich finde ein entehrtes Weib, ein beschimpftes Kind. Ich müsste eine Mutter wiedersehen, die mich nie geliebt und meine elende schwache natur nur als Mittel zu ihren Zwecken gemissbraucht hat. Was ich empfinde, kann den dortigen Zuständen nicht zu hülfe kommen; – es ist besser, ich verschmachte hier, Allen dort ein geheimnis bleibend!" –

"Lieber Herr," unterbrach ihn der Vikar – "dies ist sicher ein grosser Irrtum! Und ich rede um so ernster und dringender mit Euch, da ich gewiss weiss Fennimor, die Verklärte, würde eben so in Euch dringen. Ihr müsst Euch der Liebe, der Vergebung jetzt würdig zeigen, die sie Euch erteilte. Denkt an Eure unschuldige, jetzt rechtmässige Gemahlin! Könnt Ihr Fennimor's gebrochenes Herz beleben dadurch, dass Ihr sie auch hinsterben lasst in Gram und sorge?"

Erschüttert blickte Leonin auf. "Die arme Viktorine," seufzte er – "sie hat es eben so wenig verdient! – Mutter, Mutter, Du hast alles Böse in mir, in meinem Schicksale gesäet! Gott mag es Dir vergeben, ich kann es noch nicht!"

"Wie könnt Ihr Euch unversöhnlich zeigen, da Fennimor es nicht war?" sprach der Arzt. "Es ist Eure Mutter, junger Mann! Die Verpflichtung hört nie auf, die Kinder gegen sie haben. Oft werdet Ihr Euren Willen behauptet habenmacht sie nicht verantwortlich d a f ü r , wo Ihr hättet widerstehen müssen!"

"Leset diesen Brief, Herr Graf," fuhr der Geistliche fort – "er ist seit längerer Zeit für Euch angekommen, – und entscheidet Euch dann für Eure Rückkehr!"

"Und mein Kind?" rief Leonin, indem er den Brief seiner Gemahlin erbrach.

"Herr Graf," sagte der Arzt – "wir müssen die Unglückliche schonen, die es jetzt eifersüchtig behütet. Wir hätten mehr zu fürchten, als wir verantworten könnten, wenn wir uns jetzt in ihren wilden, harten Schmerz drängten. Gut aufgehoben sind die ersten zarten Jahre des Kindes bei ihr; wir sind ihr alle ein besonderes zeugnis ihrer Tüchtigkeit schuldig und behalten jedenfalls einen Ueberblick, den sie mir namentlich, als Arzt nicht entziehen wird; da sie weiss, dass sie mich nötig haben kann."

Leonin schwieg noch immer; aber als die Freunde sahen, dass er seine Augen auf den entfalteten Brief richtete, zogen sich Beide zurück, in einiger Entfernung ihn beobachtend.

"Die Trennung, in der wir plötzlich leben," schrieb Viktorine – "wird mir nicht hinreichend erklärt durch das, was man mich will glauben machen. Ihre Abreise konnte nur durch ein besonderes Ereigniss motivirt werden. Sie hätten mich um geringer Ursache Willen nicht verlassen, Ihre Familie nicht in Verlegenheiten gestürzt, die für Sie wichtig sind. Man sagt jetzt, Sie wären krank, und hält mich