es mir so schwer ward, mich von Euch zu trennen."
"Wie, Elmerice," rief die Gräfin erstaunt, "Du willst mich verlassen?"
"Ihr werdet Euch der Jugendfreundin meiner Mutter erinnern," fuhr Miss Eton fort, den Vorwurf der Gräfin nur mit einem zärtlichen Handkusse beantwortend – "Miss Gray, die meine Mutter damals auf ihrer Reise nach Frankreich begleitete und zurückblieb, ihre Verbindung mit Herrn St. Albans feiernd. Diese Freundin aufzusuchen, habe ich geloben müssen, und vor einiger Zeit Briefe erhalten, worin Madame St. Albans mich dringend auffordert, sie in der Abtei Tabor zu besuchen – dort lebt sie seit ihrer Verheiratung, da Herr Albans die Ländereien der grossen Abtei in Pacht genommen hat."
"Ich weiss dies, mein liebes Kind," sagte die Gräfin, und ein wehmütig ernster blick schaute in die Ferne, in der Erinnerung die nie vergessenen Bilder aufsuchend – "aber lass' mich Dir gestehen, ich sehe diese Verpflichtung, die ich anerkennen muss, nicht ohne Besorgniss. Madame St. Albans ist eine brave, tätige Frau, die auf ihrem platz alle Anerkennung verdient, aber sie ist kein Umgang für Dich, und ihr Haus kein Ort, wo Du Dich nur einigermassen wohl fühlen wirst."
"Und doch," sagte Elmerice mutig, "habe ich ihr einen längeren Besuch zusagen müssen, und ihre grosse Liebe zu meiner geliebten Mutter hat mir früher dies Versprechen so leicht erscheinen lassen."
"Diese war unbezweifelt rührend," antwortete die Gräfin, – "und so vollständig als schön; denn obwohl sie Herrn Albans liebte, schien ihr die Trennung von Deiner Mutter so unerträglich, dass sie fast ihrer Liebe entsagt hätte, dieser nach England folgen zu können."
"Um so auffallender," rief Elmerice, – "da, wenn ich nicht irre, Miss Gray hier ihre Mutter wieder fand, welche doch ein grosses Band an Frankreich werden musste!"
"Dass es dies nicht ward," erwiderte die Gräfin, "will ich ihr nicht anrechnen, denn die alte Mistress Gray hatte sich schon lange vor Ankunft ihrer Tochter von aller menschlichen Gesellschaft zurückgezogen; sie sah ihre Tochter nur selten und fast ungern; Miss Gray konnte keinen Anhalt an ihr haben. – Es ist nun lange her," fuhr sie fort, "dass ich Madame St. Albans sah, die eine Reise benutzte, mich zu besuchen; sie ist brav und steht eben, wie ihr Gatte, im besten Rufe, aber – was Deine Mutter einst mit ihr bis zur Freundschaft verbinden konnte, lag wohl nur in der Jugend beider, in der zärtlichen Liebe der guten Miss Gray zu Deiner Mutter."
"Lasst es mich dennoch versuchen," rief Elmerice, "und gebt mir die Aufgabe, auch in Verhältnissen, die mir nicht zusagen, mich bewegen, mich Eurer würdig zeigen zu können – ich würde jetzt, ohne Madame St. Albans zu kränken, mein Wort nicht zurücknehmen können – und das möchte ich der Jugendfreundin meiner Mutter nicht zu Leide tun."
"Und ich Dich nicht dazu veranlassen," sagte freundlich lächelnd die Gräfin, "nur gebe ich gerade jetzt meine Einwilligung dazu fast ungern – ich sah Dich schon im geist mit der holden Lücile in Freundschaft verbunden, und freute mich gerade darauf, wie die lange trübe Einsamkeit Dir so angenehm unterbrochen werden sollte durch diese lieben Gäste! Auch willige ich nur ein, wenn Du mir versprichst, dort Deinen Besuch abzukürzen, wo ich dann hoffen darf, Du triffst hier noch mit meiner Nichte und ihren Verwandten wieder zusammen."
Mehr höflich, als aufrichtig legte Miss Eton die Bestimmung hierüber ganz in die hände ihrer Wohltäterin, und Beide wurden darüber einig, dass Miss Eton am andern Morgen ihre Reise unter dem Schutz ihrer Dienerschaft antreten sollte. Am Abende des andern Tages bog der Wagen der Miss Eton, einen dichten, noch unbelaubten Buchenwald verlassend, in einen breiten Talweg ein, der bald die fruchtbaren Felder und Wiesen von beiden Seiten zeigte, die, zur Abtei Tabor gehörend, eine lachende, heitere Ansicht gewährten.
Der höchstmögliche Standpunkt der Kultur war überall auffallend. Die Wege mit ihren Abzugsgräben, die wohlerhaltenen Verbindungsbrücken und Plankenzäune, die Felder in ihrer regelmässigen Einteilung, die Wiesengründe mit den schönsten Heerden, die schlanken, wohlgehegten Stämme junger Obstbäume, die mit ihren, schon in weisser Blütenpracht stehenden, runden Kronen wie Perlenschnüre als Saum sich überall zeigten, die kleinen Gehöfte, die, dazwischen zerstreut, in ihrer wohlhabenden Ausdehnung um sich her den Bedarf des Lebens sich geschaffen zu haben schienen, die kräftigen Gestalten der Männer und Frauen, die rotwangigen Kinder, die endlich diesem Gemälde als Staffage dienten – Alles zeigte das wohltuendste Bild des Fleisses und der Wohlhabenheit. Miss Eton fühlte sich wunderbar dadurch erleichtert, und abgezogen von sich selbst, schien sie ihre schweren und melankolischen Gedanken in den düsteren Wegen der Wälder, die sie durchreist war, zurück lassen zu müssen. Sie fühlte, sie war hier in eine andere Sphäre versetzt, eine neue Auffassung des Lebens trat ihr entgegen; und häufig ist dies allein schon hinreichend, uns selbst zu einer Tätigkeit zu wecken, die uns unserm gewohnten Ideenkreise klarer und ruhiger gegenüber stellt. Sie konnte mit Vergnügen an den mässigen Lebensstandpunkt denken, dem sie entgegen ging, und ohne Furcht vor geistigen Entbehrungen, wollte sie gern das Leben von dieser leichten und materiellen Seite kennen