!"
"So lasst uns beten!" wiederholte der Vikar – und Alle knieten jetzt um Fennimors verklärte Leiche.
Der Vikar sprach Gebete aus seinem Herzen, in der Form des gewöhnlichen Sterberituales. Es schien, er sprach sie über zwei Leichen; denn Leonin blieb bewegungslos liegen, und über ihm stiegen dieselben frommen Worte empor, wie über Fennimor. Und dennoch hatte der Unglückliche nicht aufgehört zu leben. Langsam knüpfte sich sein Bewusstsein an die Worte wieder an, die zu Anfange bloss sein Gehör erreicht. Aber er schauderte, als er sein wiederkehrendes Leben bemerkte; denn er fühlte nur die Verzweiflung, die alle Stützen niederreisst und Nichts, als den Willen übrig lässt, so elend zu sein, dass jede Rettung unmöglich wird. Mitten in den Gebeten des Vikars richtete er sich auf; er blickte Alle an, und aufs neue sank sein Kopf in Fennimors Schooss. Sein Anblick hatte den versöhnenden Eindruck gewährt, wenn die gerechte Strafe, als Vergeltung schwerer Vergehungen, das schuldige Individuum trifft und ihn damit von dem Hasse seiner Mitmenschen zu erlösen scheint. Das göttliche Mitleiden gewann wieder Raum in der Brust der schwer beleidigten Freunde Fennimors. – Der Vikar segnete die Leiche ein und bat alsdann um Gnade für ihren leidenden Gatten, um Schutz für das verwaiste Kind. Die Versöhnung lag darin – er setzte voraus, dass sie, wie bei ihm, so bei allen Anwesenden eingekehrt sei, und sprach damit das Gefühl Aller aus.
Sie erhoben sich. Die Bäuerin, die zunächst an Fennimors Seite kniete und das schlafende Kind an ihrem Busen trug, sagte in ihrer schlichten Weise: "Herr Vikar, ich war dabei, als unsere gnädige Frau Gräfin ihren Gemahl empfing. Sie war voll grosser Liebe und nur traurig, dass sie nicht Zeit behielt, ihn genug zu lieben. Das wollte ich nur sagen, dass wir jetzt des armen Herrn gedenken möchten, nach ihrem Willen."
"Es soll geschehen," erwiderte der Vikar ernst. – Er nahte sich mit dem arzt dem Unglücklichen und redete ihn bei seinem Namen an. Leonin fuhr zusammen – er blickte entsetzt empor.
"Fennimors Freunde," stammelte der blasse Mund, "Ihr könnt kein Erbarmen mit mir haben!" –
"Wir haben kein Recht, Euch zu richten. Gott vollführt das in Euch – er möge uns Allen gnädig sein!" sprach der Vikar. – "Und dieser Engel hat vergeben – seht, es steht auf ihrer heiligen Stirn!"
Leonin blickte hin – die Locken lagen nun geteilt und zeigten frei das erblasste, himmlische Antlitz. Es hatte den Frieden der höheren Welt – die Glückseligkeit erreichter göttlicher Gemeinschaft! Es hatte noch immer denselben charakter, wie in den Wäldern von Stirlings-Bai. Es war ein süsses, lächelndes Kind mit einem Heiligenscheine. Leonin's blick, der dies Bild vollständig auffasste, ward die hell leuchtende Fackel, die mit jähem Lichte sein ganzes Leben überblitzte. Ein inhaltloses Gewebe zwischen Reue und Sündigen trat hervor – Fennimor sein grösstes Verbrechen, sein einziger, höherer Lichtblick!
Er stand auf und fühlte mit Entzücken, dass er krank war. Beide Männer hielten ihn. "Fennimor, mein Weib, Du hast mir vergeben, und Du bist gerächt!"
Er gab nach, als man ihn bat, weg zu gehen – er fühlte sich durch seine Schuld unberechtigt und scheu, den Freunden zu widersprechen; dabei nahmen stechende Schmerzen in Brust und Kopf sein klares Bewusstsein ein. Er verliess ihren heiligen Anblick und b l i e b davon getrennt. Der Arzt sorgte, dass er sich in seinem Zimmer niederlege, und war schnell über seinen Zustand im Klaren. Lange schon hatte das Gift der Krankheit ihn durchschlichen, willkommen der gelegenheit brach es aus.
Indessen ordnete Veronika mit jungfräulichem Sinne die Bestattung Fennimor's. Nur schwer trennten sich Alle von der unverändert bleibenden Leiche. Das Gewölbe, in welchem die fromme Königin Claudia in einsamer Stille ruhte, war schön und heiter aufgeräumt. Hier ward Fennimor's Sarg aufgestellt, bis die Gruft gemauert war, welche die Freunde an der Stelle graben liessen, wo die holde Frau, wie sie sagten, gestorben war: unter dem Fenster, in dem kleinen blühenden Garten, den sie selbst angeordnet, und über den hinweg sie Leonin's Reisezug verfolgte, als Souvré ihren blick darauf hinleitete. Unter grünem Rasen, unter ihren Blumen, die sie so liebte, sollte ihre schöne Hülle ruhen.
Mit grosser sorge erfüllte Emmy's Zustand die bekümmerten Freunde. Ihr Schmerz fand keine Milde – er verhärtete und erbitterte ihr leidenschaftliches Herz. Sie schien sie jetzt Alle zu hassen und wies mit Zorn und Wildheit jeden Versuch, ihr näher zu treten, zurück. Das Kind entführte sie fast den Uebrigen und eifersüchtig entzog sie es den Blicken Aller. Die Amme musste sich mit ihr absperren, und nur sie durfte das Nötigste für die Unglückliche besorgen. Als die Bestattung vorüber war, schloss sie die Räume und wehrte Jedem den Eingang.
Indessen lag in einem fernen Teile des Schlosses der unglückliche Herr desselben tödtlich erkrankt darnieder, und Veronika, der Vikar und der Arzt erfüllten teilnehmend die Pflichten der Menschheit gegen ihn. Viele Wochen verstrichen, der Zustand blieb gleich bedenklich! Alle Boten mussten ohne Antwort zurück, alle Briefe aus Paris blieben unerbrochen an seinem Bette liegen – ihm fehlte die Besinnung. Endlich erschien sein Kammerdiener; er teilte stumm und traurig die Dienstleistungen und schrieb