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Emmy das schlafende Wesen in den Schooss und zog den Schleier von seinem Köpfchen. Sogleich erkannte es Fennimor, und ein heisser Strom von Wonne flutete noch ein Mal durch dies gebrochene Herz. "Mein Kind! mein liebes kleines Kind!" sagte sie immerfort leise, bebend, aber mit einer Innigkeit und so wunderbarem Ausdrucke von Entzükken, dass Beide davon schlichen, um im Nebenzimmer, schreiend fast vor Erschütterung, sich in die arme zu sinken und Tränen zu weinen, die einem Gemische von Wonne und Schmerz angehörten.

Lange liess man sie alleinsie bemerkte nichts, als ihr Kind. Als es erwachte und sich ruhig dehnte, und die klaren Aeuglein mit dem Schlafe kämpfend so lieblich blinkten, und die kleinen Händchen das wunderliebliche Hämmern begannen, sahen sie Fennimor zuerst leise lachen. Sie versuchte es instinktartig an ihren bleichen Mund zu ziehen; aber die müden, schwachen hände hatten dazu keine Kraft. Das Kind ward unruhigein leises Weinen hub an. Fennimor erschrak und ward rotsie nahm alle Kraft zusammen und drückte es endlich an ihre Brust; – aber das Kind weinte nur lauter. Mit Gewalt fast hielt der herbeigekommene Arzt die Freunde zurück. – "Hieran wird sie sich sammeln, stört sie nicht!" sagte der verständige Mann – "Gott ist gross in der stimme der natur!"

Die Angst, es zu trösten, zeigte sich deutlicher; sie hatte nur zu bald eine Ahnung früheren Glückes empfunden. Mit dem Bewusstsein, wie sie es sonst beruhigt, tauchte die Erinnerung ihrer langen Trennung von ihm auf; – seufzend liess sie die müden arme niedersinkenvor ihrem kind fand sie ihr Bewusstsein, ihren Schmerz, ihr ganzes Unglück wieder! Als sie laut mit ihrem kind zusammen weinte, traten die Freunde hinzu. – Emmy nahm das hilfsbedürftige Wesen von ihrem Schoosse. Da versiegten Fennimor's Tränensie versuchte aufzustehen, und da sie es nicht allein vermochte, unterstützten sie der Arzt und Veronika. Wohin sie begehrte, sagten ihre Augen, die Emmy's Schritten folgten. Der Arzt gab immer nach; sie trugen Fennimor fast, die von ihrer Hinfälligkeit nichts zu bemerken schien. Im Nebenzimmer fand sie schon die Bäuerin mit dem kind an ihrer Brust. In tiefen Gedanken blieb sie vor diesem Anblicke stehensie setzten sie leise in einen Lehnstuhl vor der mitleidigen Amme nieder, und Fennimor sah nun, wie ihr Kind von einer Anderen Leben und Trost empfing. Tiefe Seufzer stiegen aus ihrer Brust aufTräne auf Träne floss nieder, ein leises, schmerzliches Wimmern deutete an, dass sie ihr grosses Leiden langsam zu verstehen begann. Die Bäuerin selbst zerfloss in Tränen und kniete dann mit dem rosenrot gefärbten, süss entschlafenen kind vor der unglücklichen Mutter. Da verlor der Schmerz seinen Stachelder süsse Atem, der über die kleinen, roten Lippen säuselte, stieg erquickend zu ihr aufdas Kind verdrängte mit seiner reichen Schönheit jede damit verknüpfte Beziehung. Fennimor bekam wieder den verklärten Glanz von Wonne und verlor sich ganz in seinen Anblick. Als es aber unter ihren zärtlichen Liebkosungen erwachte und sie erst erstaun tansah, dann suchend das Gesicht der Bäuerin fand, und das entzückte Lächeln des Erkennens plötzlich durch den ganzen kleinen Körper zuckte, da richteten sich Fennimors Augen auf diesen ersten Liebesgegenstand ihres Kindes; – und als sie den zärtlichen blick sah, womit das gute Weib dies Erkennungszeichen erwiderte, lächelte auch sie ihr freundlich zu und strich leise mit der Hand über das gutmütige, braune Gesicht.

Von da an behielt sie eine still versenkte Existenz in ihrem kind, über das sie oft in rührenden Gebeten lag, die alle so harmlose, süsse gespräche mit Gott waren, so immer nur über seine schönen, wunderbaren Werke, dass Alle sichtlich zu verstehen glaubten, wie Gott sie zu sich zöge und ihr die Welt verhülle, nur den Weg zu ihm ihr offen zeigend. Von ihrem eignen, rasch vorschreitenden Zustande schien sie keine Ahnung zu haben. Sie klagte nicht und doch legte sie zuweilen die abgezehrte Hand auf die Brust, und wenn der Arzt sie fragte, ob sie Schmerzen habe, sagte sie freundlich: "immer! immer!" Auch liess der im Fieber fliegende Puls und das öftere Erbrechen von Blut keinen Zweifel über ihr Uebel.

Gegen Anfang des Frühjahres trat eine Veränderung ihres geistigen Zustandes ein. Der kleine Reginald hatte eben die ersten Versuche gemacht, sich an dem stuhl seiner Mutter aufzurichten, und das Ereigniss hatte Fennimor bis zu einem lauten Ausrufe des Jubels gebracht. Als Emmy herbei stürzte, erblickte sie das unschuldige Glück, was die glühend errötende Mutter erlebte, und sah den schönen, kleinen Reginald, der fast nicht von seiner bleichen Mutter zu trennen war, wie er lachend und lallend vor Lust, sein erstes Kunststück zu behaupten suchte und die kleinen, dicken Händchen eisenfest um den gedrehten Stuhlfuss krampte.

Emmy kniete liebkosend neben diesem einzigen Trost ihres verdüsterten Herzens niederda hörte sie Fennimor tief seufzen und dann den fast vergessenen Namen Leonin aussprechen. – "Wo er nur bleibt, Emmy?" sagte sie; – "ich kann nicht, wie sonst, Alles bedenken; aber er muss lange fort seinund doch ist sein Kind so schön, und er läuft ihm endlich entgegen, wenn er noch lange zögert." Emmy schwieg. Zu bitter war ihr Gefühl! Sie hatte gehofft, Fennimor habe ihren Mörder ganz vergessen. Jetzt erwähnte sie ihn ruhig