fort zu Fennimor, zu meinem heissgeliebten weib – ich habe keine heiligere Pflicht – sie soll in mir Nichts finden, als ihren Gatten!"
"Und Viktorine?" rief plötzlich die verhüllte Gestalt, indem sie sich rasch vom Boden erhob; – und Fenelon stand vor Leonin, und aus seinem bleichen Antlitze blitzten zürnende Augen.
Leonin verhüllte sein Gesicht! Doch nur einen Augenblick. Nichts konnte neben dem, was jetzt in ihm angeregt war, Raum behalten. "Und dennoch, dennoch muss ich fort! Ist es möglich, Fenelon, so schützt Viktorinen – nicht um meinetwillen – um ihretwillen – denken kann ich jetzt nicht für sie – ich habe nur e i n e Pflicht – nur e i n Gefühl! – Aber betet – betet für mich, wie Ihr für den verurteilten Verbrecher betet – und lebt wohl!"
"Unglücklicher!" – rief Fenelon – "armes Spielzeug des Augenblickes – zwei Kronen reichte Dir das Leben zum – zertrümmern!"
Leonin hörte ihn nicht mehr. Auf Lesüeur's kalte Hand gebeugt, nahm er Abschied von ihm für diese Welt – streckte flehend die hände gegen Fenelon empor und stürzte zum Zimmer hinaus. Fast besinnungslos trieb es ihn fort – er wäre zu Fuss nach Ste. Roche geeilt; – aber sein Wagen stand vor der tür. "Jaques," rief er dem alten Kutscher zu – "Du kennst den Weg nach Ste. Roche – treibe die Pferde an – lass' sie mit Post wechseln – nur schnell, dass wir bald hingelangen!"
Der Wagen blieb halten. Dies eine Mal gehorchte Jaques nicht; denn er war gewiss sich zu irren. Nach einigen Augenblicken stieg er vom Bocke und trat ehrerbietig an den Schlag: "Euer Gnaden befehlen nach haus?"
"Nein, Jaques! Nein, nicht nach haus!" – rief Leonin mit einem Ausdrucke, der Jaques die Ahnung einer ganz ungewöhnlichen Begebenheit gab – "nach Ste. Roche! Nach Ste. Roche! Ueberall frische Pferde – und schnell, schnell!" Jetzt gehorchte Jaques – der Wagen eilte fort und Leonin dachte mit keinem Gedanken daran, dass im Pallast Crecy heute sein Sohn getauft werden sollte. Den Fahrweg durch das Tal von Ste. Roche entlang flog der einsame Wagen des Grafen Crecy; ohne Vorreiter, ohne Livreen, ohne berittene Diener oder Reisegepäck. Niemand aus dem schloss erkannte daher den Ankommenden. Nur Fennimor sagte in diesen letzten Tagen oft: "er komme jeden Tag zu ihr und weine lange und heiss zu ihren Füssen, weil er sich so sehr nach ihr sehne; – aber er sähe so bleich aus – und so anders, wie früher, dass sie immer weinen müsse, wenn er komme." – Das glaubte ihr Niemand, obwol auch Niemand ihr zu widersprechen wagte. Aber, wer aus dem Nebenzimmer sie zuweilen betrachtete, wenn sie allein zu sein glaubte, konnte wohl sehen, dass in ihrem geist eine besondere Regsamkeit war. Himmlisch mitleidig blickte sie in den leeren Raum, bis Tränen aus ihren Augen niederfielen; sie neigte sich vor, und die feine, weisse Hand schien eine Täuschung, die ihr vorstand, erreichen zu wollen. – Wer hätte durch Geräusch oder Frage sie stören mögen! Alle, die sie seit ihrem Unglück umgaben, hatten sich die Hand gereicht zu einem Bunde des Schweigens. Jeder bezwang das schwellende Herz über ihr Schicksal, wie es wirklich war, und erwartete fast mit Andacht, was sie daraus machen würde.
Lange Zeit hatte die Krankheit sie mit einer Heftigkeit beherrscht, die wenig Hoffnung für ihre Genesung liess – und ihr selbst keine Besinnung. Auch war der Arzt vom Anfange an überzeugt, dass diese heftige Störung in der ersten, so verhängnissvollen Zeit einer Mutter, ihre Lebenskräfte verzehren würde. – Und als er die erste furchtbare Krankheit gebrochen hatte, wartete er nur, welchen Weg die natur zu ihrer langsamen Auflösung einschlagen würde; denn den Gedanken an gänzliche Herstellung räumte er weder sich, noch den Anderen ein, wenn er den fliegenden Puls unter seinem Finger fühlte – und fast war Keiner, der es wünschte.
Auch blieb Fennimor's Zustand lange in einer Verhüllung, die halb geistig, halb körperlich war; und zum Erstaunen, zur tiefsten Erschütterung gereichte es ihren Umgebungen, dass sie aus der Gegenwart entrückt blieb und das spielende Kind in den Buchenwäldern von Stirlings-Bai war, mit allen holden Tändeleien und dem vollen Liebesschatze dieser Zeit.
Dass dieser milde Zustand mit der Genesung enden müsse, sagten sich Alle mit Schmerz, und so war auch ihr erster Ruf: "Leonin!" ein Symptom der Krisis – mit denselben Uebergängen kehrte sie zurück – Tränenströme flossen nieder – Keinem gab sie Antwort, als die eine: "er hat mich doch so sehr geliebt!" Dann trat ein tiefes Verstummen ein, was sie bei den nötigen Störungen nachgiebig und verstehend, aber völlig wortlos zeigte. Bis dahin hatte sie weder ihres Kindes gedacht, noch war es ihr nahe gebracht worden. Da regte der Vikar diese Erinnerung in ihr an, und nach einigen Wiederholungen sah man ihrem Aufhorchen an, dass ihre Gedanken aus dem Schlummer geweckt wurden. Wie rührend war es, die steigende Ahnung in diesem bleichen himmlischen Antlitze zu verfolgen; – plötzlich röteten sich die lilienweissen Wangen, die Augen gewannen Glanz, und sie sagte kindlich schluchzend: "ein liebes kleines Kind, was mein ist!"
Da legte ihr