dann der beichte noch, so melde Dich im Kloster St. Sulpice, der Prior Tronçon wird Deine beichte anhören."
Leonin nahm alle seine Kraft zusammen – seine Mienen drückten so deutlich seinen Seelenzustand aus, dass der ehrwürdige Prior die Hand auf seine glühende Stirn legte und ihm fast unwillkürlich, voll erhabener Rührung seinen Segen gab. – Leonin sah ihn im Gefolge seiner Brüder verschwinden – die Türen des Sterbezimmers öffneten sich – er stand vor dem verklärten Antlitze Lesüeur's!
Lesüeur blickte auf Leonin, und wie oft er ihn auch verwünscht, wie lebhaft er ihn gehasst, die Verklärung des Todes hatte diese Empfindung schon gemässigt, ehe Leonin zu ihm trat; und als er ihn erblickte, mit den deutlichsten Zeichen des Schmerzes und der Gewissensangst in dem bleichen Antlitze, erkannte er den blühenden Mann, den er früher gesehen, kaum wieder und fand wenigstens nicht den verstockten Höfling, den zu hassen er sich so berechtigt gehalten hatte.
"Ja, ja, ich erkenne es" – rief er matt – "Gott ist gerecht! Er hat Dich schon gezeichnet, Du armer, verlockter Sünder, und Du tust schwere Busse in Deinem Inneren."
"Nie, nie genug!" – rief Leonin und kniete an dem Bette des Sterbenden; – "und wenn kein Hauch des Lebens je wieder Frieden für mich bringt – doch ist es keine zu harte Busse! Lesüeur, ach, wüsstest Du, wie ich es jeden Tag mehr und tiefer fühle – Du hättest Erbarmen mit mir!" Er barg sein Haupt und hörte einen tiefen Seufzer neben sich. Am Fussende des Bettes kniete ein Priester im stummen Gebete – sein Gewand verhüllte ihn gänzlich.
"Gross und entsetzlich ist Dein Verbrechen; – aber ich will wissen, in welchem Maasse Du gesündigt – und ich, der ich ihr Freund – ihr Schützling – ihr heiliges Werk auf Erden ward – ich will Dich fragen, und Du sollst dem Sterbenden die Wahrheit entüllen. Willst Du?"
"Ich will es!" rief Leonin. –
"Was sagte Dir Souvré den Tag vor Deiner Hochzeit?" –
"Ich sei frei! – Und als ich mehr zu wissen verlangte, vertröstete er mich mit der Wiederholung dieser Worte. Erst am andern Morgen erfuhr ich ihren Tod!"
"Ihren Tod?" rief Lesüeur, seine hände zusammenschlagend – "ihren Tod? Unglücklicher, weisst Du nicht, dass sie lebte – dass sie, Deine einzig, rechtmässige Gemahlin – dass sie l e b t e , als Du das zweite Weib nahmst?"
Ein dumpfer Ton des Entsetzens brach aus Leonin's Busen. Er stürzte zuckend auf das Bett, während seine weit geöffneten Augen, auf Lesüeur starrend, genugsam seinen fürchterlichen Zustand verrieten.
"Ja," fuhr der Freund Fennimor's mit erhobener stimme fort – "obwol der Tod lange über ihrem Scheitel stand – musste sie dennoch leben! Als endlich der Vikar die Nachricht davon zu mir gelangen liess, war Alles zu spät – der Frevel geschehen – Ihr vermählt, und Fennimor gab schon Zeichen ihrer langsamen Auflösung! Da beschwor ich die Menschen dort, sie sollten sie belügen – Euch in den Krieg gezogen schildern – ihr den Glauben geben, dass Ihr sie verstorben hieltet."
"Gott, Gott," rief Leonin – "das Ungeheuer, das mich betrog – den ungeheuern Frevel mich begehen liess!"
"Klage Dich an, nicht Andere!" rief dumpf der verhüllte Priester – "Du wolltest betrogen sein – darum wurdest Du es!"
Betroffen blickte Leonin auf die düstere Gestalt, die seufzend und verhüllt neben ihm lag – schaudernd schien es ihm, als höre er die stimme seines eigenen Gewissens. Flehend rief er gegen den Sterbenden: "Sage mir, sage mir um der Barmherzigkeit Gottes Willen – wann starb Fennimor? und wo – wo ist mein Kind?"
"Höre mich," sprach Lesüeur – "Du bist weniger schuldig, als ich dachte. Gewiss scheint mir, Du glaubtest an ihren Tod, als Du diese zweite Verbindung schlossest – und weil Dich das weniger schuldig macht, wie ich Dich hielt, so will ich Dir einen Tropfen reichen, der vielleicht in Etwas Deine Qualen dereinst lindern kann. – Höre denn – noch lebt Fennimor – aber am rand des Grabes – und ihr einziger – heissester Wunsch ist, Dich noch ein Mal zu sehen!"
Mit einem Schreie war Leonin bei Lesüeur's letzten Worten aufgesprungen – seine zweite, Bewegung war, fortzustürzen – fort zu ihr hin – es war der einzige Gedanke, den er fassen konnte!
"Halt!" rief Lesüeur und ergriff sein Kleid.
"Lass' mich," stammelte Leonin – "ich muss fort, fort zu ihr in dieser Stunde – ohne Aufentalt!"
"Nicht eher" – rief Lesüeur mit der alten Kraft – "als bis Du mir gelobt, ihre heilige Engelsruhe hier zu schützen – den Frevel ihr verhüllt zu lassen, der indess begangen. – Willst Du bloss hin, um Dein ungestümes Herz vor ihr zu entladen, so treffe Dich der ganze Fluch des Unglücks, das Du verschuldet! Niemand wünscht Dich dort zu sehen – und mit Recht; – doch Fennimor's sehnsucht, die sie nicht leben, nicht sterben lässt, hat den Widerwillen der Anderen, Dich zu sehen, gebrochen." –
"O, lasse mich fort, fort,