der sich selbst hülfe schaffen musste.
Leonin trat mit ihnen zugleich in ein grosses Gemach, welches sich als die Werkstatt Lesüeur's verriet, da in der Mitte desselben, auf einem Gerüste, mit Blumen und Zweigen geschmückt, in kunstreich geschnitztem goldenem Rahmen sich ein Bild erhob, das, obwol es Leonin die Rückseite zukehrte, ihn vermuten liess, dass es das letzte Werk des jetzt sterbenden Künstlers sei. – Die drei hohen, weiten Fenstertüren nach dem Garten waren geöffnet – der Frühling lag vor der Schwelle – glänzende Strahlen der Abendsonne vergoldeten das feine, gelbliche Grün des ersten Laubes und warfen ein belebendes Licht in das schöne altertümliche Gemach und auf die ehrwürdigen Gestalten der Mönche, die, des Einlasses harrend, einen Kreis um den Geistlichen bildeten, der, von Chorknaben umgeben, in stiller Sammlung mit der verhangenen Monstranz, in ihrer Mitte stand.
Es war der ehrwürdigste Anblick andächtiger Erhebung – die harmonische Vereinigung in der Absicht und Darlegung heiliger Hülfsleistung, von der sinnlichen Aussenwelt zufällig auf eine Weise unterstützt, als ob ein Bestreben eingetreten wäre, sich dem Zwekke gemäss zu zeigen. Wie lange hatte Leonin nichts Aehnliches erlebt – wie begierig sog er die Erschütterungen ein, die er dadurch erfuhr!
Die Türen öffneten sich jetzt vor ihnen und zeigten ein zweites geräumiges Gemach und, den Türen gegenüber, ein Bett mit aufgeschlagenen Vorhängen.
Leonin war auch hier bis zur tür gefolgt; aber von dem fungirenden Geistlichen beordert, gab ihm ein dienender Bruder die Weisung, den Kranken nicht durch seinen von ihm so heiss ersehnten Anblick in seiner geistlichen Fassung zu stören.
Leonin sah die Türen sich vor ihm verschliessen. Betäubt lehnte er sein Haupt gegen die Pfosten – horchte den Gebeten und einzelnen Accorden gleichmässig wiederkehrender Responsorien, welche die Mönche abhielten und damit den Fortgang der heiligen Handlung bezeichneten.
In jedem Augenblicke entkörperte sich sein Zustand mehr und mehr. Er wähnte in die heiligen Beschwörungen, die in sein Ohr drangen, mit eingeschlossen zu sein – von ihnen fortgezogen, hatte sich sein deutliches Bewusstsein in ein unbestimmtes, inbrünstiges Verlangen nach dem versöhnenden Troste der Religion aufgelöst, und eine körperliche Erschöpfung vollendete einen augenblicklichen Stillstand seiner überspannten Lebensgeister. Erst, als seine Füsse unter ihm wichen, erwachte er, und von einem Geräusche hinter sich erschreckt, raffte er sich zusammen und erblickte, sich umwendend, vor Lesüeur's Bilde den Knaben, der ihn geleitet, in Tränen auf seinen Knieen liegend und frische Frühlingsblumen davor ausbreitend. – Langsam folgte er der Richtung. Er stand vor Lesüeur's Bilde, ohne es anzusehn, den weinenden Knaben liebevoll betrachtend. Doch dieser war fertig oder wollte mehr Blumen suchen – er enteilte in den Garten. Leonin sank in einen Lehnstuhl, in dem Lesüeur vielleicht sein Bild vollendet hatte. Da glaubte er sanfte Musik sich nahen zu hören – horchend richtete er sich auf. – grosser Gott, Fennimor stand vor ihm! – verklärt – auf lichten Wolken schwebend – um das weisse Unterkleid den blauen, duftigen Mantel mit Sternen auf den Schultern – die Märtyrerkrone mit dem Heiligenscheine in den goldbesäumten braunen Locken – den tiefen Engelsblick des kindlichen Auges – das süsse Lächeln um den schönen Mund – den Palmenzweig in der zarten, weissen Hand! Sie schwebte vor, wie es erschien; der leichte, nackte Fuss berührte kaum den Rand der Wolken, die sie zu umwölben strebten. Sanft schien sie vorgebogen, den Palmenzweig – das Friedenszeichen – hülfreich bemüht der Welt zu bieten, Trost und Vergebung kündigend aus der Welt, aus der sie wieder nur gekehrt, Alle liebend einzuladen, die mühselig und beladen im Erdenjoche keuchten.
"Fennimor, Fennimor," rief Leonin und stürzte auf seine Knie – "Du ladest mich zum ewigen Frieden! Zu Dir gehöre ich mit dem tiefsten Leben meiner Brust – Du rufst mich zu unserer Heimat – hier bin ich! Nimm' mich! Erbarme Dich des Sünders! – Selbst im Sünd'gegen gegen Dich gehört' ich Dir! Dir allein! Du geheiligte Liebe meiner Brust, schwebe nieder – nimm mich mit fort!"
Erwartungsvoll sank sein Kopf auf den Blumenteppich vor Lesüeur's Bild, das Fennimor's von ihm so heiss geliebte Züge, zur Heiligen verklärt, verherrlichte. Er träumte, hoffte, jauchzte der ewigen Vergebung mit ihr entgegen – da berührte eine sanfte Hand den kühnen Schwärmer. Er fuhr empor – der ehrwürdige Priester, der Lesüeur zum tod eingeweiht, stand ernst und mild über ihn gebeugt.
"Ermannt Euch, junger Mann!" – sprach er mit weichem Tone – "die Pflicht der Freundschaft ruft Euch an das Lager des Sterbenden! Schon umweht die ewige Ruhe jener Welt den müden Pilger – lasst sie Euch heilig sein und lasst, was irdisch ist, der Welt, die ihm schon entrückt ist! Er ist in schönem Frieden; – doch begehrt er Euch zu sehen, und ihm muss werden, was er für die letzte Pflicht der Erde hält. Doch seid es wert, den letzten Augenblick der verklärten Seele zu teilen – versucht, des Friedens teilhaft zu werden, der ihn umweht."
"Hört meine beichte!" rief Leonin – "lasst mein Herz vor Euch erleichtert werden, ehrwürdiger Priester! Gebt mir den Trost, dessen Eure reine Seele voll ist!"
"Jetzt nicht!" – sagte ernst der Priester – "jetzt nicht, mein Sohn! Die Augenblicke Deines Freundes sind gezählt. Erfülle erst jene Pflicht und bedarfst Du