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ernstlichen Ermahnungen, mit denen sie einzuschreiten wussten, Ursache, dass dieser teil von Paris nicht wie der ärmste, so auch der gefährlichste teil der Stadt ward; da die Furcht vor der strengen Aufsicht dieser achtbaren, geistlichen Herren eine unverkennbare herrschaft über die Verdorbenheit ausübte, die ganz auszurotten, nicht in ihrer Macht stand.

Vielleicht hatte Leonin kaum eine Ahnung von dem Dasein dieses Stadtteiles; wenigstens schien es ihm, als er in fieberhafter Aufregung neben dem rüstig forteilenden Knaben herging, als wäre er in einer andern Stadt; Alles, was ihn seine Stimmung beobachten liess, war ihm völlig fremd.

"Der gute Herr Lesüeur," hob endlich der Knabe an – "ist schon lange in Pflege bei uns. Jeder glaubte ihn des Todes, als er einzog. Aber die ehrwürdigen Herren haben ihn gut gepflegt, so dass er noch seine heilige Teresia fertig bekommen hat; obgleich wir oft dachten, er hauche bei der Arbeit den Geist aus."

"Ja, der ist gut, Herr," fuhr er fort – "da ist auch nicht Einer, der ihn nicht liebte! Denn fromm ist er und still wie ein Heiliger! Darum müsst Ihr auch kommen, damit Ihr ihm die letzte Unruhe der Welt von dem Herzen nehmt."

"Mein Gott! mein Gott!" seufzte Leoninvon Ahnungen und Befürchtungen angeregt, unfähig, sich aus dem Andrange so vieler Empfindungen heraus zu ringen, den nächsten Augenblick instinktartig erwartend und von ihm die Richtung hoffend.

Der Knabe erzählte ihm, dass er der Sohn des Pförtners sei und Lesüeur Farben gerieben habe, indem er den langen, beschwerlichen Weg durch die Verfolgung kleiner Nebengässchen kürzte, die nur dem gut bewanderten Bewohner dieses unregelmässigen Stadtteiles bekannt werden konnten. – Endlich verfolgten sie eine lange Mauer, über die hohe Bäume im Abendwinde nickten, welche die Nähe eines reicheren Besitzes verrieten. An einem Gittertore schellte der Knabe, und sie traten in einen ebenmässigen Laubgang, der das grosse Stiftshaus in der Perspektive zeigte; auf beiden Seiten die weiten dazu gehörigen Gärten, an die sich links, durch die Bäume leuchtend, die Kirche mit den Klostergebäuden von St. Sulpice anschloss. – Leonin atmete auf! Diese Ruhe und Stille, diese Abgeschiedenheit, die doch in ihrem Inneren eine so würdige Tätigkeit bewahrtees war nicht sogleich nachzuweisen, am wenigsten in Leonin's überzeugung; – aber der Geist, den die Wahrheit solcher Zustände ausatmet, umfängt uns und erreicht unser Bewusstsein, ehe der dürre Nachweis unseres Verstandes hinzu tritt. Er hob das Haupter blickte erquickt umherzwischen den Bäumen sah er die schwarzen Gestalten der wandelnden Stiftsherren, und aus der Gegend des Klosters vernahm er einen mehrstimmigen Gesang, der ihnen zu folgen schien. Der Knabe blieb stehen. – "Ach, da kommen sie!" rief er plötzlich, auf seine Knie fallend. – "Sie ziehen nach dem Stiftshauseer bekömmt die letzte Oelungsie tragen das Allerheiligste!"

Auch Leonin blickte jetzt um und sah die feierliche Prozession der Mönche, die in einem zweiten Baumgange, der nach dem Seitenflügel des Stiftes zu führen schien, an ihnen vorüber zog. Er war unaussprechlich davon ergriffen. Er fühlte, dass es noch eine Rettung, einen Trost für die Fehler des Menschen gibt. Seine in verzweifelnder Verwirrung zuckende Seele fand einen Stillstand. Eine stimme, die sich aus dem Gesange der Mönche zu erheben schien, rief ihm zu: "Ruhe aus vor Gott in den Armen der Reue!" – Er hätte sein Gesicht in dem Moose bergen mögen, das um die alten Bäume sein Lager ausbreiteteer hätte liegen bleiben mögen, bis die Zeit ihm Nachdenken gegeben und einen stillen, einsamen Weg ihm gezeigt, um Frieden mit Gott zu schliessen; – aber, indem er sich diesem Triebe entzog, aus Angst, Lesüeur's letztes Begehr zu versäumen, tauchte auch die Furcht vor seiner Verschuldung mit verscheuchender Grausamkeit wieder in ihm auf; und als er fortwandelte, schien er sich nur der rettungslose Sünder!

Das Stift war ein grosser, ehrwürdiger Palast. Sein Bau und seine eben so alten Gartenanlagen sollten aus der Zeit der Katarina von Medicis herstammen, und obwol man die Guisen als Eigentümer dieser Besitzungen nannte, glaubte man sie doch von der Königin erbaut und von ihr zu besonderen und geheimen Zwecken bestimmt. Die Anlage war jedenfalls den stolzesten Ansprüchen gemäss und von mancher geheimnissvollen Einrichtung durchkreuzt, die dem Beobachter sagen musste, man habe andere Zwecke hier verfolgt, als offenes Haushalten im Glanze der damaligen Zeit. Jetzt bewohnte wahre Frömmigkeit diese schönen, wohlerhaltenen Räume; und mit dem Ernste der Wissenschaften benutzte man die Ausdehnung des Baues, zu andern Zwecken einst empor geführt.

In dem Augenblicke, als Leonin mit dem kleinen Führer sich dem Portale des Stiftes nahte, verschwand die Prozession der Mönche in seinem inneren raum, und Leonin eilte dem Knaben voran, wie getrieben, sich dem zug anzuschliessen.

Die Chorherren erfüllten den prachtvollen Portikus des Hauses, sie hatten das Allerheiligste bei dessen Durchzuge begrüsst. Der Abt, der den Fremden sogleich für den erwarteten Grafen Crecy hielt, wollte ihn anreden; aber Leonin, nur die Prozession suchend, warf seine Augen ängstlich umher; und ohne die Begrüssung des ehrwürdigen Abtes zu erwiedern, eilte er, den Mönchen zu folgen, die ihn an das ungeduldig erwartete Ziel zu führen versprachen. Niemand hinderte ihn. Die erfahrenen Menschenkenner verstanden den heftig erregten Zustand,