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, dass er sie sah? Doch nur einen Augenblick! Ihr bleiches, schönes Haupt, mit Tränen überschüttet, das süsse versöhnende Lächeln um den Mund, tauchte auf. Dann sah er die Hand, sie winkte ihmdann war Alles verschwunden, und Leonin konnte weinen!

Wie lange er so da lag in einer Vergessenheit, die ihn fast dem Leben entzog, wissen wir nicht. Als er sich aufraffte, erschrak er vor seinem Anblicke. Er fühlte, er dürfe so nicht erscheinen. Langsam stieg er eine kleine Treppe hinab, die in den Garten führte. Wie bewegte ihn der Anblick der natur, dies erste duftende Grün, diese feinen Bekleidungen der saftig dazwischen durchschimmernden, dunkeln Stämme und Zweige! Die Luft war feucht und warm, eine brütende Atmosphäre für alle noch eingehüllten Keime, aber so beengend für die Menschenbrust, die keinen freien Atemzug darin findet. Leonin gab Alles nur Nahrung für sein beklemmtes Herz. Seufzend, den Kopf auf der Brust, ging er mechanisch umher. Da glaubte er eine stimme zu hörener sah sich umpfeilschnell flog ein Knabe den Weg hinter ihm her. Er blieb stehenund jetzt erinnerte er sich, dass es derselbe war, dem er am Tage vorher Almosen gegeben hatte. "Was willst Du, Kind?" rief er und zog wieder einige Geldstücke hervor – "hat meine Gabe nicht gereicht?"

"O, was soll mir doch wohl Euer Geld?" sprach jetzt das Kind, ganz ausser Atem vor ihm stehend – "leset doch nur, was ich Euch brachte, und sagt dann, ob ihr mit mir geben wollt!"

"Was meinst Du denn, mein Kind? – Ich habe ja Nichts empfangennimm dies Geldich kann jetzt nicht mit Dir gehen."

"Mein Gott," – sagte das Kind, fast weinend – "ich habe Euch doch gewiss den Zettel gestern in die Hand gegeben. Wo habt Ihr ihn denn gelassen? Nun werden sie glauben, ich habe ihn verloren, und Ihr werdet nicht mit mir kommen wollen ohne den Zettel!" –

Leonin erinnerte sich jetzt, dass er, zerstreut wie er war, den empfangenen Zettel nicht gelesen hatte, ihn für eine Bittschrift haltend und ohnedies das Almosen erteilend. Er durchsuchte den leichten Oberrock, den er auch heute trug, und fand nirgends das Blatt.

"Mein Kind," – sagte er – "die Bittschrift habe ich verloren, ich will Dir aber ohnedies geben, was Du bedarfst. Nur mit Dir gehen kann ich nicht, meine Gegenwart ist hier nötig."

"Ach, Gott erbarme sich," rief jetzt hellweinend das Kind – "so soll der arme Herr ohne Euch sterben? Einem Sterbenden versagt man doch sonst Nichtsund er kann und will nicht sterben ohne Euch!"

"Ein Sterbender!" rief Leonin erschüttert – "Wen meinst Du? Wer will mich sprechen?"

"Herr Gott, wer anders, als Lesüeur!" sagte das Kind. – "Er liegt seit zwei Tagen im Sterben. Jeden Augenblick soll es vorbei sein; – aber er sagt, er will nicht sterben, bis Ihr da seid; denn Ihr müsstet sonst umkommen in Eurer Gewissensnot!"

"grosser Gott!" rief Leonin. – "Was sprichst Du? Lesüeur sterbend? Wowo ist er?"

"Bei sich, lieber Herr," sagte das Kind, noch immer weinend – "und wenn Ihr hörtet, wie er Euch ruft, wie er mit dem frommen Priester, der Tag und Nacht bei ihm ist, nicht mehr beten kann, weil er Euch immer ruft und glaubt, Ihr werdet nie selig werden, wenn Ihr nicht noch sein geheimnis erfahret!"

"Lesüeur! Lesüeur!" rief Leonin, von GedankenVerbindungen fast überwältigt. – "Was kann er mir zu sagen haben? O, mein Gott! Er, der ihr so nahe stand! Ich muss hin zu ihmich muss ihn sehen. – Weisst Du den Weg, so führe mich!"

"Gottlob!" frohlockte das Kind mit schnellversiegenden Tränen – "folgt mir nur, ich weiss den Weg!"

Leonin öffnete hastig eine kleine Nebenpforte, die in die Höfe führte. Hier rief er selbst seinem Kutscher zu, ihm schnell ohne Bedienten und Livreen mit der einfachsten Karosse zu folgen. "Wohin?" rief er dem Knaben zu.

"Nach St. Sulpice, neben dem Kloster in dem Stiftshause!" erwiderte der Knabe, und Beide eilten davon.

Das Stadtviertel St. Sulpice war die entlegenste und unscheinbarste Gegend von ganz Paris. Felder und Gärten drängten sich zwischen geringen Anbau. Einzelne Strassen bildeten sich nur in der Nähe der Klöster, die ihre reichen Ansiedelungen hier in grosser Menge hatten. Doch waren diese Strassen mit Gewerbetreibenden niederer Klasse überfüllt, und die gewöhnliche Zugabe der Armut, bettelnde Kinderschaaren, gab der ganzen Gegend ein trauriges Ansehn. Jedem drängte sich die Tatsache auf, wie hier nur um die Erringung der gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse gekämpft werde, und dass Alles vergessen und verwildert bei Seite trete, was eine Anforderung darüber hinaus entielt. Die Klöster und Stifts-Herren von St. Sulpice hatten hier die weitläufigsten Besitzungen und verbreiteten, so viel dies bei ihrem strengen Ordensleben möglich war, einigen Wohlstand um sich her. Mehr aber noch war ihre geistliche Sorgfalt, ihre zweckmässige Unterstützung und die