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teil aus seinen wahnsinnigen Reden erraten habendoch wenige Worte werden Dir noch sagen, wie er zu den besten und ausgezeichnetsten Jünglingen in Ardoise gehörte. Leider hatte ihm die natur ein allzuweiches, feinfühlendes Herz gegeben, und so unterlag er dem ersten grossen Schmerze seines Lebens, der allerdings durch eine schreckliche Katastrophe über ihn herbeigeführt ward.

Robert diente mir als Jäger im schlosser war der Sohn des Kastellans. – Durch Tüchtigkeit und Brauchbarkeit erwarb er sich die zunächst aufgekommene Försterei von Ardoise, und entdeckte mir seine Liebe zu Jenny, einem sehr schönen jungen Mädchen, das unter der Aufsicht meiner guten Sulpice trefflich herangewachsen war. Da ihre Neigung gegenseitig, so freute ich mich der glücklichen Wahl, und als Robert die Försterei bezogen, setzte ich den Tag ihrer Hochzeit an.

Jenny hatte wahrscheinlich auf seine Bitten eingewilligt, ohne Wissen ihrer mütterlichen Freundin Sulpice, ihren Bräutigam öfter im wald beim Steinbruche zu sehen, und war, sich verspätend, dann besorgt und eilend den gefährlichen Weg zurückgekehrt. Ihr Wunsch, in das Tal hinabzusteigen, war stets von Robert verweigert worden, der sie mit einem bequemen Wege zu überraschen vorhatte.

Dies sind alles nachher ausgeforschte Umstände, teils aus dem wahnsinnigen, sich um diese Punkte anklagenden Vorwürfen Robertsteils aus nachher gemachten Entdeckungen anderer Dienstleute. Jenny versprach ihrem Geliebten den Tag vor der Hochzeit eine ZusammenkunftBeide, durch Geschäfte aufgehalten, trafen sich erst spät; Robert erwartete den Abend seine älteren in der Försterei, Jenny musste zur bestimmten Stunde bei Sulpice sein. Sie trennten sich daher, ohne dass Robert, wie gewöhnlich, sie begleiten konnte. Es war schon dunkler, wie gewöhnlich, der Weg glatt von einem Gewitterregendie näheren Umstände werden nie zu unserer Kenntniss gelangenJenny traf nicht einsie blieb auch die Nacht ausund nun geriet Alles in Unruhe. Man schickte nach dem Forstause, sie aufzufinden, und da sie auch dort nicht war, wurden auf allen Wegen Nachsuchungen angestellt. Der unglückliche Jüngling, starr vor Angst und Besorgniss, gab endlich der entsetzlichen Ahnung nach, die ihn nach dem Steinbruche zog. Er hatte sich nicht geirrt; als man sich der schroffen Stelle nähertesah man sie zerschmettert in der Tiefe des Tales liegen. Hier auf ihrer Leiche verlor der unglückliche Jüngling seinen Verstand. – Die erste Zeit brachte er in den gefährlichsten Zuständen der Raserei in unserm Krankenhause zu, später milderte sich das Leiden bis zur tiefsten Melankolie, die ihn aber unschädlich machte. – Man gab ihm, gewöhnt an seinen gefahrlosen Zustand, die Freiheit wieder, wonach er sich unablässig sehnte, und der Steinbruch ist nun sein Ruheplatz, von wo aus er des Nachts ruhig nach dem Krankenhause zurückkehrt. Ich bin übrigens durch ihn aufmerksam gemacht worden und kann nicht läugnen, dass der Unglückliche nicht ganz Unrecht hatte, Dich mit seiner schönen Jenny zu vergleichen, denn allerdings gleichst Du ihr in Grösse, Gestalt und Farbe."

Miss Eton war sehr bewegt von dieser Mitteilung, und beide Frauen machten an einander die Beobachtung, sich besonders traurig zu finden. Die Gräfin las noch ein Mal den Brief ihrer Nichte und versank dann in tiefes NachdenkenMiss Eton lehnte mit grosser Schüchternheit jeden Spaziergang, auch unter der sichersten Begleitung, ab, und nicht, wie sonst, floss die Unterhaltung in ununterbrochenem Reichtume dahin.

Endlich hob die Gräfin lächelnd an: "So wirst Du denn den ältesten Sohn Deiner Freundin im Bilde kennen lernender Marquis d'Anville ist der Sohn dieser schönen Braut."

Tief errötend blickte Miss Eton vor sich niederkaum hörbar fragend, ob er ihr ähnlich sähe.

"Nein," antwortete die Gräfin, – "er gleicht seinem Vaterähnlich sieht ihr der zweite Sohn, der Graf Leonce, den sie vorzüglich liebte, und dieser wird seine Schwägerin auch hierher begleiten."

Die Unterhaltung stockte wiederund Miss Eton schien nicht bedacht, zu deren Wiederanknüpfung viel beitragen zu wollen, denn sie hatte ihre Knöpfel ergriffen und schien der entstehenden Spitzenweberei alle Aufmerksamkeit zu widmen.

"Ich halte diesen Besuch gerade jetzt für sehr willkommen, da Du, mein armes Mädchen, wahrlich einer Zerstreuung bedarstdas böse Ereigniss hat Dich mehr erschüttert, als Du Wort haben willst und meine eigene trübe Nähe gut zu machen vermöchte."

"O, sagt das nicht!" rief Miss Eton, und die Arbeit entsank ihrer Hand, als wäre sie gänzlich erschöpft – "Eure teure Nähe wäre es allein, die mich mit mir selbst ins Gleichgewicht bringen könnte! – Doch, ich muss es eingestehen, dass mich ein Gefühl anderer Art bewegtich hatte einen Wunsch, eine Bitte, die ich zaghaft bin, vor Euch auszusprechen."

"Und womit habe ich das verdient?" sprach die Gräfin fast wehmütig, die Hand nach Elmerice hinüber streckend.

Elmerice kniete in demselben Augenblicke auf dem kleinen Fussschemel der Gräfin, und zärtlich ihre Hand fassend, barg sie das bewegte Angesicht in ihren Schooss.

"Sprich," sagte die Gräfin – "und sei der Gewährung im Voraus gewiss."

"Teure Gräfin," hob Elmerice an, "die Ankunft so lieber Gäste, die Sicherheit, Euch damit so angenehm und erheiternd umgeben zu wissen, gibt mir Kraft, Euch gerade jetzt auf einige Zeit verlassen zu wollen, und somit ein Versprechen an meine geliebte selige Mutter zu erfüllen, dem ich mich vielleicht schon zu lange entzogen habe, da