Kapelle entgegen. – Noch immer hoffte die Marschallin, hier ihren Sohn zu sehen; – aber er blieb aus! Die Handlung fing an – Ludwig, Maria von Crecy-Chabanne war mit diesem Namen getauft – der Herzog von Lesdiguères und der Marschall ersetzten die Stelle des Vaters.
Die Handlung war vorüber. Die Marschallin wankte zur Herzogin von Orleans. – Madame durfte die Beleidigung nicht übersehen; denn sie stand hier im Namen der Königin. Sie grüsste kalt – ohne Glückwunsch – ohne die Marschallin zu umarmen.
"Darf ich fragen," sagte der Herzog von Orleans zu den jetzt angstvoll zusammen stehenden Elternpaaren, "welchem grund wir es zurechnen müssen, dass die Auszeichnung, welche Seine Majestät, mein königlicher Bruder, den Eltern des Neugebornen zu erzeigen gedachten, gerade von diesen, wie uns scheint, so wenig beachtet ward, dass wir den Vater nicht anwesend sehen? – Wo ist der junge Graf Crecy-Chabanne?"
"Das mag Gott wissen!" rief der Marschall mit dem Tone der Verzweiflung überlaut – und rang die hände, sie plötzlich über seinen Kopf zusammen schlagend – "ich hoffe, im grab; – sonst überlebe ich diesen Verstoss seinerseits gegen Ehre und Glück nicht!"
Die Marschallin glaubte zu ersticken. Sie hatte auf eine künstliche Entschuldigung gesonnen – ein tödtliches Erkranken sollte ihn retten; – jetzt war es damit vorbei. Ihre sonst ihr so getreue Fassung verliess sie, sie wendete sich seitwärts, um Luft zu schöpfen. Der Marquis de Souvré war herbeigeschlichen. "Madame," sagte er leise und fest, "hoffen Sie nicht mehr auf Leonin. Die erste Gemahlin Ihres Sohnes lebt, und Leonin ist zu ihr nach Ste. Roche abgereist."
Man hörte einen gellenden Schrei – und die Marschallin von Crecy-Chabanne, welche noch niemals bei hof die kleinste Schwäche gezeigt hatte, lag bewusstlos auf dem Boden.
"Darf ich Eure Königliche Hoheit erinnern, dass hier nicht länger Ihr Platz ist," sagte die unerschütterte Herzogin von Bellefond; – und da auch die Gräfin von Grammont eine tiefe Verneigung vor Madame machte, so überwand die gutmütige Fürstin ihre schnell erregte Teilnahme und blickte ihren Gemahl an.
Monsieur zeigte die steife Miene der übeln Laune. "Wir sind, scheint es, zu seltsamen Familienscenen hierher gekommen," sagte er, seiner Gemahlin den Arm gebend und leicht grüssend an Allen vorüber eilend, während die voranstürzenden Kavaliere die Wagen vorfahren liessen, so dass die Herrschaften das Hotel Crecy verlassen hatten, ehe noch die Marschallin ihre Besinnung wieder gewann.
Als sie die Augen aufschlug, lag sie in einem Lehnstuhle in der Kapelle – ihre Frauen, der Arzt umgaben sie; – zunächst aber kniete die alte, gutmütige Herzogin de Lesdiguères, trotz ihrer steifen Kleidung und Juwelenlast, und rieb die Pulse der Erwachenden, während der Marschall und der Herzog wie Bildsäulen zuschauten.
"Fassen Sie sich doch, mein Kind!" sagte sie gutmütig, als sie das erste Lebenszeichen sah – "es wird sich Alles aufklären. Nur Mut! Mut! Das muss doch heraus zu bringen sein, wo er steckt!"
Doch, wo hätte die Marschallin Trost finden können? Was Niemand aus Besorgniss um sie bis jetzt gesehen hatte, sah sie. Das Hotel war leer – Alle hatten den Ort geflohen, wo eine anscheinende Beleidigung gegen die Majestät an den Repräsentanten des Königs geschehen war. Bleiben, hätte eine solche Sünde teilen geheissen; Niemand konnte nur daran denken! – Die Marschallin wusste das, bei dem ersten Strahle des Bewusstseins; aber sie konnte diesen Sturz von dem höchsten Gipfel der Ehre und Auszeichnung bis zu dieser Aechtung ihres Hauses nicht ohne eine tödtliche Empfindung des Schmerzes erkennen. Der Arzt erklärte einen Aderlass nötig; die Lakaien ergriffen den Lehnstuhl und trugen die Marschallin, zur Erhöhung ihrer Qual, durch alle die glänzend eingerichteten Gemächer, durch die grossen Speise-Säle, in denen noch alle Zurüstungen im vollen Gange waren, nach dem entfernten Schlafgemache, wo der Aderlass endlich den Zustand von Erstickung hob, mit dem sie rang, und einige Tropfen Opium einen betäubenden Schlaf auf sie niedersenkten. Leonin hatte den Tag, der um ihn her so glänzende Ansprüche an seine Teilnahme entwickelte, in einem Seelenzustande zugebracht, wie ihn vielleicht nur der verurteilte Verbrecher vor seiner Hinrichtung erlebt. So lange, wie möglich, blieb er in dem Zimmer Viktorinens – ihre klare, edle Stimmung hielt ihn aufrecht; – sobald er sie verlassen musste, fiel er der Verzweiflung wieder zu, mit der er vergeblich rang. Mit geheimer Scheu gedachte er der regelmässig wiederkehrenden Vision – er sehnte sich danach und fürchtete sie doch zugleich. Er hatte sie nicht zu erwarten! Es war ihm, als schwebte sie flüsternd neben ihm her – er floh aus den Prunksälen – er erreichte sein einsames Gemach. – "Fennimor, Fennimor," rief er hier, ausser sich – "ich will ein anderes Kind, als Dein rechtmässiges, mir zuerst gebornes, auf den Platz erheben, von dem ich das Deinige verstiess! Muss ich es nicht mit dem tod büssen, muss dies schwarze Verbrechen nicht gestraft werden? Ach, an mir selbst – an dem unschuldigen kind, das jenem in den Weg tritt?" – Seine Aufregung hatte den höchsten Grad erreicht – er lag halb auf seinen Knien – er zweifelte nicht, sie wäre da, würde sich ihm gleich entüllen – seine Augen suchten sie – wie konnte es fehlen