, von den Umständen gedrängt, umgeben von den vornehmsten Herren der Versammlung, im äussersten Vorzimmer Platz genommen, da jeden Augenblick die Ankunft der stellvertretenden hohen Herrschaften zu erwarten war, und noch immer kamen die nach allen Richtungen versendeten Diener mit der Botschaft zurück, dass der junge Graf an keinem Orte zu finden sei.
Wie viel Fassung bedurfte die Marschallin, um die Qualen ihres Inneren zu verbergen, die anfänglich bloss dem ungemessensten Zorne angehörten, später durch die Besorgniss um ein Unglück verstärkt wurden, die immer wahrscheinlicher, immer drohender in ihr aufstieg und den Triumph ihres stolzen Herzens anfing zu entkräften. Der letzte Augenblick nahte – die Kammerherren des Herzogs von Orleans erschienen – jetzt mussten die hohen Herrschaften folgen – und der Herr vom haus, der sie an der Schwelle des Palastes empfangen musste, war nicht zu finden! – Die Marschallin fühlte eine der Ohnmacht ähnliche Schwäche, die nicht gehoben ward, als ihr der Marschall sagen liess, er begebe sich hinunter.
Maschinenmässig bewegte sie sich vorwärts, und kaum hatte sie ihren vorschriftsmässigen Platz eingenommen, da fuhren die Karossen der Herrschaften unter das Portal des Schlosses.
Beinahe verzweifelnd blickte die Marschallin noch ein Mal nach ihrem Sohne umher – er blieb verschwunden. Die Gewohnheit besiegte jetzt auf kurze Zeit den Tumult ihres inneren. Der glänzende Zug, an dessen Spitze die reizende Henriette von England an der Seite ihres Gemahls, des Herzogs von Orleans, erschien, übte die Macht eines Lete-Tropfens über die Marschallin aus. Ihr in den Hofformen wohl erzogenes Herz durfte ihr Nichts, als die Entzückungen der Ehre senden.
"Ah, Madame," sagte der Herzog von Orleans – "Seine Majestät der König haben uns versichert, wir dürften uns als Ersatz seiner geheiligten person darbieten. Können wir auf Ihre Zustimmung rechnen?"
Die Marschallin versenkte sich einige Male vor Beiden und küsste den Rock von Madame, die sie alsdann freundlich umarmte. "Seine Majestät," stammelte sie dabei, "weiss jede seiner Gnadenbezeigungen durch die Weise, wie er sie erteilt, zu Ehren zu erheben, die das Herz des Empfängers fast mit ihrer Grösse erliegen machen."
"O," sagte Madame, naiv lächelnd – "ich meines Teils, habe mich recht gefreut, das schöne Palais Soubise zu sehen, von dessen prachtvoller Ausstattung ich so Vieles hörte."
"Madame," erwiderte die Marschallin – "heute gerade, schien es mir, besassen wir Nichts, es seinem Zwecke gemäss würdig auszustatten!"
"Davon wollen wir uns selbst überzeugen," sagte die schöne Fürstin – und schritt nun durch das Spalier der glänzenden Versammlung in die prachtvolle Zimmerreihe, die ihre Voraussetzungen rechtfertigte.
Die Herrschaften hatten unter dem Tronhimmel Platz genommen und liessen einzelne Personen heranrufen, denen sie einige der gewöhnlichen fragen schuldig zu sein glaubten. Die Marschallin musste, an der Seite von Madame stehend, ohne Bewegung ausharren, obwol sie jetzt Ruhe erhielt, ihren wieder auflebenden qualvollen Gedanken nachzugehen. Jeden Augenblick musste sie eine Frage der Prinzessin in Bezug auf dieses rätselhafte Ausbleiben erwarten, oder die Wirkungen dieser beleidigenden Nachlässigkeit von den Umgebungen gerügt fürchten; denn auch Souvré, den sie zuletzt abgeschickt, war nicht wiedergekommen.
Es war dabei gegen die Etikette, nach dem erscheinen der hohen Gäste die Taufhandlung aufzuschieben; man durfte nicht annehmen, dass ihre Gegenwart einen geselligen Zweck habe, man musste dies wenigstens von ihrer Herablassung erwarten und jedenfalls die Veranlassung ihrer Gegenwart nur auf die Sendung des Königs beziehen. Die Marschallin wusste das zu ihrer unendlichen Qual besser, wie einer der Anwesenden es ihr sagen konnte; – aber wie sollte sie das Zeichen zur Taufhandlung geben, da der Vater des Kindes fehlte!
Einen Augenblick hielt Madame jetzt in ihren freundlichen Begrüssungen inne. So wenig stolz sie war, sah man ihr doch ein gewisses Erstaunen, eine Erwartung an. Der Marschallin traten die Schweisstropfen auf die Stirn, sie sah den unbeweglich starren blick der Herzogin von Bellefond und die zürnende Bewegung, mit der sie ihren weissen Stab vor sich hinhielt. Ein Entschluss musste gefasst werden!
Der Herzog von Orleans hatte so eben seine Unterredung mit dem Marschalle beendigt. Sein Auge nahm das verfängliche Umherschweifen an, das erlaubnis zum Anfange der Feierlichkeit zu erteilen schien. Die Marschallin wusste, dass Keiner diesen Raum mit ihr einnahm, der nicht voll Neugierde so vielen Missgriffen zusah. Sie musste sich sagen, dass dies ihren glänzenden Ruf erschüttern würde. Was ihr bestimmt schien, sie über Alle zu erheben, musste ein Markstein werden ihres unbestrittenen Uebergewichtes. Ihr gesteigerter und so verletzter Hochmut brachte sie innerlich fast um ihren Verstand – alle Personen schwammen vor ihren Augen; sie sah aber jetzt, wie die Herzogin von Bellefond sich erhob und den Weg zu ihr hin über den leeren Raum vor dem stuhl der Prinzessin durchschritt. Die Verzweiflung gab ihr Kräfte – sie wandte sich zur Herzogin und bat sie, das Zeichen zum Aufbruche zu geben.
Augenblicklich stand Henriette auf; denn auch sie sah den nahenden Paradezug der strengen Oberhofmeisterin und liebte, wie fast der ganze Hof, ihre Anmassungen zu durchkreuzen.
"Sollen wir ohne Ihren Sohn – ohne den Vater, liebe Marschallin, den Zug antreten?" fragte sie leise die zitternde Mutter.
Sie bekam eine Antwort, so dunkel und verworren, dass sie sie nicht verstand und jetzt annahm, der junge Graf werde sie am Eingange der Kapelle erwarten.
Die Hofchargen arrangirten sich; Alle schritten in angemessener Würde, nach der bestimmten Vorschrift, der