, die ein wenig nach Sitten schmeckt, die hier nicht gelten, rechtfertigen könnte. Haben Sie jetzt die Güte, der Frau Herzogin zu sagen, auf welche Weise Sie die gnädige Willensmeinung der Majestäten erfuhren."
"Gestern Abend," sagte Leonin – er wollte fortfahren; aber drei Stimmen zugleich unterbrachen ihn. –
"Gestern Abend? Gestern Abend schon war es bekannt? Mein Gott, welch' ein unverzeihlicher Fehler!" rief die Marschallin – "wir hätten den Herrschaften Alle aufwarten müssen!"
Die Herzogin lag hinten über vor lachen. "Nein," sagte sie dazwischen, "solche Tollheiten kann auch nur gerode Viktorinens Mann machen – das könnte sie auch – und was gebt Ihr, sie lacht sich krank, wenn ich es ihr sage!"
Der Marschall wusste nicht recht Position zu nehmen; er lachte gern, wenn er die alte Herzogin lachen sah, und doch schien es selbst ihm unerhört von seinem Sohne.
"Der König verbat ja alle Feierlichkeiten von Seiten der Familie!" rief Leonin und richtete seine Rede an die Marschallin, die ihren Zorn kaum zu bemeistern vermochte und daher lieber geschwiegen hatte.
"Als uns die Königin gestern Abend beurlaubte, erwählte sie mich, Seiner Majestät gute Nacht zu wünschen. Sie fragte dabei teilnehmend nach Viktorinen und sagte mir: Der König würde mir noch Etwas in ihrem Namen zu sagen haben."
"Wir versammelten uns, wie gewöhnlich, in dem Speisesaale, während der König en petit couvert zu Abend ass. Nach dem Abendessen lehnte er sich gegen das goldene Gitter des Kamins, und wir durften das Wort an ihn richten; da ich mich aber zurückzog, liess er mich rufen; er war sehr gnädig und tat ähnliche fragen nach meiner Gemahlin."
"Jetzt kam der Augenblick, wo er uns zu beurlauben pflegt, und zugleich der Moment so vielen Ehrgeizes – Sie wissen, was ich meine. – Der König nahm den kleinen goldenen Leuchter – man drängte sich näher – Jeder hoffte ihn zu erhalten. Da rief der König meinen Namen, und ich erhielt den goldenen Leuchter und durfte ihm zum kleinen Niederlegen folgen."
"Die Königinnen, die Prinzen, Prinzessinnen und die Amme waren hier anwesend. Der König, dem ich mit der Ehre des goldenen Leuchters zur Seite bleiben musste, trat zur Königin heran und sagte: Wollen Sie bei unserm Vetter, dem Grafen Crecy-Chabanne, meine Gevatterin sein?"
"Die Königin nickte lächelnd – während ich vor Beiden das Knie beugte. Doch der König rief: nicht doch, nicht doch! Niemals mit dem goldenen Leuchter! Ich stand schon wieder, und der König überreichte nun der Königin nach alter Sitte, als seiner Gevatterin, einen Strauss und ein Paar Handschuhe. Der Strauss aber war von Juwelen, die Handschuhe von der schönsten Perlenstickerei." –
"Wer den goldenen Leuchter am Abende getragen hat, muss am andern Morgen beim kleinen Lever erscheinen. Hier sagte mir Monsieur, er und Madame würden stellvertretend bei der Taufe persönlich zugegen sein." –
Die Marschallin klingelte. "Sämmtliche Staatswagen sollen vorfahren!" rief sie, und Alle trennten sich, um in hoffähiger Toilette ihre Aufwartung bei Madame Henriette und dem Herzoge von Orleans zu machen. –
Dem Tumulte des vorangegangenen Tages folgte am andern Morgen die feierliche Ruhe der Vollendung, der Vorerwartung grosser Festlichkeiten. – Der vollste Glanz einer so mächtigen Familie, wie die Crecy-Chabanne-Soubise, trat hervor, und die Beschreibung der Ausschmückungen des Palastes an diesem Tage würde, wenn sie uns noch vergönnt wäre, einen vollständigen Commentar dieser merkwürdigen Zeit mit ihrem soliden Reichtume, den barocken Erscheinungen ihres geschnörkelten und überladenen Geschmackes und ihres aristokratischen Dünkels geben.
Nur einzelne Gruppen geschäftiger Diener schlichen noch umher, um am frühen Morgen dem Ganzen die letzte Politur zu geben, und Gärtner tränkten die kostbaren Blumen und Pflanzen, die einzelne Räume zu feenartigen Tempeln umschufen.
Die Schlosskapelle, in welcher der Bischof von Noailles die Taufhandlung vollziehen sollte, war durch eine kostbar drapirte Gallerie mit den übrigen Zimmern für diesen Tag verbunden, und das Meer von Licht, welches den Altar und die Kapelle erfüllte, war u m so überraschender, da die Gäste bei der vorgerückten Jahreszeit, trotz des nahenden Abends, noch im hellen Tageslichte empfangen werden mussten. Wie glanzvoll diese Versammlung war, brauchen wir nicht weiter zu erwähnen. Wer hätte es nicht für eine Gunst gehalten, sich einem Feste anschliessen zu dürfen, das der König besonders ehren wollte?
Auch blieb der Marschallin kein Wunsch unbefriedigt. Sie musste sich trotz ihrer hohen Ansprüche gestehen, dass, ausser am hof der Königin, wohl schwerlich eine glänzendere Versammlung zu denken sei, und – was n i c h t ohne Wert war, sie konnte sich sagen, dass sie der Mittelpunkt geblieben, dass Keiner der Gäste daran dachte, einem Andern, als ihr, die Ehrenbezeigungen der Begrüssung zu machen. So vollkommen zufrieden sie jedoch mit diesem Ehrenplatze war, so unerträglich war es ihr, dass Leonin, wie sie glaubte, in seiner gewöhnlichen träumerischen Weise die Stunde vergessen habe. Denn er, der anscheinend seine Gäste empfangen sollte, liess sich noch immer nicht sehen; ja, er war sogar im Palaste nicht zu finden, wie sein Kammerdiener meldete. Im Ankleidezimmer lagen seine Staatskleider bereit; aber obwol man ihn eine Stunde früher in dem Zimmer seiner Gemahlin gesehen hatte, war er jetzt verschwunden. Schon hatte der Marschall