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und nur dies war es, was ihn bei den Anforderungen des Tages erhielt. –

Die Majestäten hatten an dem glücklichen Ereignisse in der von ihnen so ausgezeichneten Familie den ehrenvollsten Anteil genommen, und die Marschallin in der Stille eine Hoffnung genährt, die sie immer zu einer geduldigen Zuhörerin machte, wenn die Frau Herzogin von Lesdiguères mit dem Marschalle über die Paten stritt, die dem kind gegeben werden sollten.

Den dritten Tag nach der Tafel, als schon für den nächsten die glanzvolle Taufhandlung angesetzt war, ohne dass man unter den zahllosen Gästen die Paten bezeichnet hättetrat Leonin, vom Könige kommend, in den Portikus des Hauses, und ward von einem Knaben angeredet, der ihm ein mit Bleistift geschriebenes Blatt gab. Er blickte den kleinen Boten zerstreut an, und ihn für einen Bettler haltend, gab er ihm einige Stücke Geld und eilte die Treppe hinan.

Er musste sich über die Treppen durch die Gänge und Gemächer winden, um zu seiner Gemahlin zu kommen; denn die Dienerschaft, Tischler, Tapeziere, Gärtner waren mit ihren Vorbereitungen zu dem glänzenden Feste des morgenden Tages in einer so geräuschvollen Tätigkeit, dass für den Augenblick fast jede andere Rücksicht aufhörte, und Leonin, selbst kaum beachtet und erkannt, sich förmlich durcharbeiten musste. Erschrocken fast blieb er aber in einem der letzten Zimmer stehen, weil man hier unter einem Tronhimmel Viktorinens Paradebett aufführte, umgeben mit einer in goldenen Rahmen laufenden Glaswand, die sie von den Personen trennen sollte, welche Paten des Kindes sein würden, und die als solche mit den nächsten Verwandten das Recht hatten, der Wöchnerin vor dieser Glaswand eine Verbeugung zu machen.

"Mein Gott," rief Leonin, "ist diese abscheuliche Ceremonie denn durchaus nötig? Wie gefährlich, die Mutter solcher Pein auszusetzen, die sogar ihr Leben bedrohen kann! Das Paradebett ist schrecklichGrauen erregend!"

Er drückte die hände vor's Gesichtim selben Augenblicke schien es ihm ein Leichenzimmerdas Bett ward ein Paradesarg! – "Gott wie schrecklich!" rief er, ausser sich, und stürzte an seinem erstaunten Kammerdiener vorüber, sich sehnend nach Viktorinens lebendigem Anblicke.

Doch die Frauen vertraten ihm leise winkend den WegViktorine schlief. Er schlich näherer setzte sich dicht an die Vorhängenach und nach erst tauchte aus dem Dämmerlicht ihre Gestalt auf. Mit welcher Rührung betrachtete er die schönen, festen Züge, die, selbst vom Schlafe halb bezwungen, doch noch den charakter einer Antike hatten.

Seufzer auf Seufzer hob sich aus seinem Busensein Herz, belastet mit Schmerz und Angst, die jeder Tag zu steigern schien, ward von der Stille dieses Zimmers, der unbeweglichen Ruhe Viktorinens in einem Grade erschüttert, der ihn fast zur Verzweiflung brachte. Er konnte es nicht länger ertragen, schlich leise fort und atmete auf, als das erste helle Zimmer ihn umfing.

"Mein Sohn," sagte der Marschall, als Leonin in das Gesellschaftszimmer der Familie trat, "wir müssen nun beschliessen, wer Pate Deines Kindes werden soll."

"Pate meines Kindes?" erwiderte Leonin zerstreut. "Der König und die Königin."

"Das erwartete ich!" rief die Marschallin, indem sie unwillkürlich aufstand, und der Ausdruck der höchsten Befriedigung über ihr Antlitz glitt.

Auch der Marschall stand auf, und indem er eine kleine, steife Verbeugung machte, sagte er: "Ich kann nicht darüber klagen, dass die hohen Herrschaften vergessen, wer der alte Marschall Crecy-Chabanne ist."

"Jetzt aber erzählen Sie uns, wie es kam!" rief Madame de Lesdiguères. – "Ich liebe es, zu hören, wie sie sich bei solcher gelegenheit haben! Mein Bruder, der Kardinal Reetz, sagte immer: 'Und wenn sie auch noch so lange an sich halten und immer auf eine ganz besondere Art und Weise warten, wodurch sie sich verständlich machen wollen, endlich müssen sie doch herausrücken, und dann sind es dieselben Worte, die auch andere Menschen brauchen, und sie müssen darum die Lippen öffnen und Atem einziehen und ausstossen nach dem Gebote der natur!'" – Sie begleitete diese für Crecy'sche Ohren sehr ketzerische Reden mit herzlichem Gelächter und sah sich nach Leonin um, der neben Louise auf dem Balkon getreten war und die heisse Stirn von dem kühlen Abendwinde erfrischen liess.

"Nun, Schwiegersohn, werden wir hören, wie es sich begab?" – rief sie mit so durchdringender stimme, dass Leonin wohl geweckt werden musste.

Ernst, mit dem kummervollsten gesicht trat Leonin vor sie hin und fragte nach ihren Befehlen.

"Mein Sohn," sagte die Marschallin streng, und erzürnt über sein gleichgültiges Wesen, "Sie vergessen, dünkt mich, die Dehors, die Sie uns und der Ehre schuldig sind, welche die Majestäten unsern Familien erzeigen!"

Diese stimme hatte immer Einfluss auf ihn, sie drang stets wie ein kalter Windstoss durch jede Verhüllung seines inneren. "Es ist wahr," fuhr er heraus, "ich bin sehr kalt und habe von Ihnen Allen Verzeihung zu erbitten! Der morgende Tag erfüllt mich mit unerklärlicher Angst! Viktorine wird auf eine Weise durch die vorgeschriebene Etikette gequält werden, die mich für ihr Leben fürchten lässt."

"Mein Herr," sagte die Marschallin kalt – "Frauen von stand sind dieser Etikette unterworfen gewesen, seit ich denken kann. Ich habe nie Etwas gehört, was diese sonderbare Aengstlichkeit