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der Nachricht zu treffen, die ihn in Wahrheit so elend machte, als er gehofft, und seine reichen Besitztümer in dem Augenblicke vernichtete, als sie ihn alle zu umschaaren schienen.

Viktorine war Alles g a n z . Früher schüchtern, stolz und jungfräulich verschlossen, war sie jetzt von der mutigen Zärtlichkeit einer Gattin durchdrungen. – Scharfsichtig, freilich die Motive verkennend, erriet sie den geistig und körperlich ungemein leidenden Zustand ihres Gemahls und gab sich ihm mit allen Mitteln einer edlen, weiblichen Liebe hin. Wie hätte er dem vereinten Zauber so vieler Vorzüge und so vieler Liebe widerstehen können! Er ergab sich ihm mit weicher, träumerischer Zärtlichkeit, die ein weibliches Herz so lange von der erkenntnis ihres wahren Geschickes abzuhalten vermag und lohnte ihr diese glaubensvolle Liebe doch nicht durch ein ausreichendes Vertrauen, welches allein ihn noch derselben würdig machen konnte. So gewann er wieder, was der verwöhnte Zögling der eifersüchtigsten Mutter von Jugend auf zu erzielen gelernt hatte: der Augenblick hüllte ihn schonend und liebkosend ein!

Der Arzt von Ste. Roche ward durch Souvré's Vermittelung mit Summen versehen, welche überschwänglich ausreichend, die Existenz des Kindes und seiner Wärterin sichern sollten. Fennimor's Leiche sollte in der alten Kapelle des Schlosses, in dem Grabgewölbe der Claudia von Bretagne beigesetzt werdenund Leonin war vorläufig mit diesen Angelegenheiten fertig. Die Abreise trat dazwischen. Schon hatte er gelernt, diese äusseren Pflichten als die vorherrschendsten, geltendsten anzusehen; er fand schon darin eine Rechtfertigung, dass sie ihn von jenen Interessen abzogen, und die süsse Beschwichtigung aller schwachen Karaktere, die Dinge, die sie zu verletzen drohen, verschieben zu dürfen, übte auch über ihn ihre ganze Gewalt.

Jetzt war er zurück. Die alten Räume nahmen ihn auf. Das Schloss Crecy war dem jungen Erben allein übergeben. Der grösste Glanz der Verhältnisse, seine Stellung bei hof, die immer angenehmer und anziehender ward, je mehr ihn seine übrige Lage zu begünstigen schien, Viktorinens schöne, edle Erscheinung, die diese einst so öden Räume auch geistig zu beleben wusste und, indem sie ihn als zu sich gehörend betrachtete, ihm einen Wert zu geben schien, der ihn zu zeiten selbst täuschte und ihm die Verpflichtung, sie glücklich zu machen, immer natürlicher werden liessAlles dies vereinigte sich, den Winter an Leonin vorüber zu führen, ohne ihn ernstlich auf die Verhältnisse hinzuleiten, die, ihm nur halb bekannt, oberflächlich von Andern besorgt, zu entscheidenderer Einwirkung aufforderten.

Das Frühjahr führte die rastlos wechselnden Feste des Hofes herbei, die auf den Genuss der schönen Gärten berechnet waren, die ein königliches Lustschloss mit dem anderen zu verbinden strebtenund endlich forderte Viktorine seine ausschliessliche Aufmerksamkeit, indem sie ihm in dem Blütenmonate der Erde, wie sie wähnteden ersten Sohn überreichte.

Wir werden sein erschrecktes Herz begreifen, wenn wir hinzufügen, dass er keinen Mut hatte, für dies Kind zu fühlen, was die erste Aufwallung für dasselbe andeutete. Er stand stumm davorein gerichteter Verbrecher! Es war dasselbe holde Wesen, das er verstossenes hatte gleiche Rechte an ihn; – aber die Wonne, die er bei der Geburt von Fennimor's Sohne empfunden, und die er mit Verrat und dem schwärzesten Frevel bezahlt hatte, rächte sich jetzt an ihm und liess ihn verzagen, wie ein Mensch zu empfinden.

Dagegen war die Geburt dieses ersten Erben für die Marschallin und ihren Gemahl der Gipfel des Glückkes, und Beide empfanden, Jeder in seiner Weise, dabei eine noch nie gekannte Erweichung. Das Kind selbst, Viktorine, die Geberin dieses Glückes, waren ein Gegenstand fast törichter Liebesweise, und das herzogliche Aelternpaar blieb gegen die Schwiegerältern ihrer Tochter im Rückstande.

Die ganze Familie war nach Paris gegangen. Die junge Gräfin musste im Hotel Soubise ihr Wochenbett halten, und mit dem stolzesten Uebermute wurde dies Glück verkündet, fürstliche Geschenke in allen Richtungen verteilt, und endlich ein Tauffest vorbereitet, diesen gesteigerten Empfindungen gemäss.

Leonin liess sich in der Richtung forttreiben, die um ihn her so bestimmt angedeutet ward, dass sein eigener Wille untätig bleiben konnte, da Niemand das Ziel desselben bezweifelte. Aber heftiger, wie je, erwachte Gewissensangst in seiner Brust, und ein Gefühl, das aus Wehmut und sehnsucht zusammengesetzt war. Er hatte keinen freien Atemzugkeinen heitern blicker suchte die Einsamkeitund wer ihn unbeweglich aufgerichtet in seinem verschlossenen Zimmer hätte stehen sehen, das Auge in das Leere schweifend, der hätte fürchten können, den glücklichen Vater, den Günstling des Glückes habe der Verstand verlassen. – Aber er hatte in diesen Stunden eine Vision, die ihn vielleicht rettete! Er dachte an Fennimorund endlich löste sich aus dem dunkeln raum, wohin er starrte, ein leichter Nebeler schwebte näherin duftigen, kaum sichtbaren Umrissen trat Fennimor daraus hervorzuerst bewegte sie die schlanke, weisse Handdann sah er den zarten, leichten Fuss, halb schwebend, und wie nur sie ihn bewegtedann schaute er das süsse, bleiche Hauptdie Wangen mit Tränen betaut, aber den Mund von dem harmlosesten Lächeln der Liebe verschöntdie reichen Locken schienen golden strahlend, und ihr Auge sah ihn so bittend, winkend an, dass er die arme ausstreckte, der gelähmten Zunge den geliebten Namen erpressen wollte, und endlich, indem sie verschwand, niederstürzte und in Tränenströmen sich erleichterte.

Dies wiederholte sich täglich, so oft Leonin die Einsamkeit erreichen konnte