Leonin und der Marquis Vieuville jetzt hervortraten.
"Viktorine!" rief Leonin – bei ihrem Anblicke sogleich das geheimnissvolle Flüstern verstehend, was ihn den ganzen Abend verfolgt hatte, – "Viktorine, meine Braut! meine Geliebte!"
Er stürzte mit einer Heftigkeit, die ihn plötzlich aus seiner Apatie erweckte, auf Viktorine zu, und seine Bewegung war um so stürmischer, da sie mehr einem physischen Nervenreize, als der Wärme seines gemordeten Herzens entsprang.
Viktorine sah ihn in unbeschreiblicher Bewegung zu ihren Füssen liegen. Sie war vollständig geschaffen, die rührende Wichtigkeit des Augenblicks zu empfinden, und Träne auf Träne fiel aus den schönen, glänzenden Augen auf Leonin's Haupt, das er in ihren Händen verbarg.
"Leonin," sagte sie dann sanft, "ich bin Ihnen Beides mit voller überzeugung und von ganzem Herzen – und die Königin will, dass Sie durch mich erfahren sollen, wie bereit ich bin, Ihnen dies zu bestätigen!"
"O, Viktorine," rief Leonin, "ich bin es nicht wert, Ihr Gatte zu sein! Bedenken Sie, was Sie tun! – Ich bin Ihrer nicht wert! Sie sind ein Engel – ich bin ein armer, schwacher, elender Mensch!"
Viktorine sah die Todtenblässe, die eingesunkenen Züge seines schönen Gesichtes in dem Augenblicke, wie er in der tiefsten Erschütterung den Kopf zu ihr aufhob; – und wie auch die Welt sie als kalt und gefühllos bezeichnete, sie war vollständig Frau; so war auch bei dem Anblicke seiner leidenvollen Züge ihr erstes Gefühl nur das zärtlichste Erbarmen – und das zweite der schöne Mut, ihm dies Gefühl zu zeigen, ihn schützend und heilend zu umgeben mit dem Reichtume weiblicher Hingebung.
"Leonin," sagte sie zärtlich, "Sie sind krank – Ihr Ansehn verrät es mir! hören Sie auf, in dieser Stimmung so hart und misstrauend über sich zu urteilen! Wenn Sie aber leiden, so nehmen Sie Ihre Viktorine als Stütze, als Trost hin; – ich fühle in mir die Kraft, Ihnen Beides zu sein."
"O, Geliebte," rief Leonin, "ist es wahr? Darf ich noch nach solchem Erdenglücke die Hand ausstrekken! Ist es möglich, dass Viktorine mir gehören will?"
"Schwärmer!" lächelte sie ihm entgegen – "überzeugen Sie sich denn, ob ich Ihnen bestimmt bin! Die Kapelle der Königin ist erhellt – Fenelon erwartet uns am Altare – die Königin wollte, dass ich Ihnen diese Ueberraschung mitteilen sollte."
Leonin antwortete mit einem Schreie. Sein Kopf sank in ihren Schooss. über ihm hing das edle, zärtliche Mädchen, mit dem seligsten Gefühle des weiblichen Herzens – denn sie hoffte geliebt zu sein!
"So habe ich es wohl ganz recht gemacht?" sagte eine sanfte stimme. – Beide fuhren in die Höhe, an dem wohlbekannten, heiss geliebten Tone die Sprechende erkennend. – Maria Teresia und Anna von Oesterreich standen, leise eingetreten, vor dem so ungleich bewegten Paare.
Viktorine sank vor der Königin aufs Knie – Leonin tat mechanisch dasselbe. Beide Königinnen segneten sie mit Wohlwollen und Rührung ein.
Jetzt füllte sich hinter ihnen das Zimmer – Henriette von England umarmte Viktorine und hiess sie niedersitzen. Die Flügeltüren nach den mit Hofleuten gefüllten Sälen wurden geöffnet, um den Anwesenden eine Erklärung des heutigen Festes zu verschaffen.
Die Königin nahm der Herzogin von Bellefond ein Diadem von Brillanten ab und machte eine Bewegung, es der Braut um die Stirn zu legen. Die schönen hände von Madame vollendeten das Werk, dem sie den bedeutungsvollen Kranz von Orangenblüten hinzufügten. Die Königin Anna nahm darauf einen Strauss von Brillanten von ihrer Brust, den Madame de Bellefond der Braut befestigte.
Viktorine küsste noch ein Mal knieend die hände der liebevollen Fürstinnen, erhob sich dann und zeigte der ganzen Versammlung das schönste Bild einer edlen, jungfräulichen Braut.
Herr von Dreur führte jetzt den halb bewusstlosen Leonin zur Königin. Herr von Vieuville reichte ihr das Band des Heiligen-Geist-Ordens. "Der König wünscht Ihnen Glück, Graf Crecy!" sprach die Königin – "und lässt Ihnen sagen, wie auch ohne den Glanz der Waffen, ritterliche Tugenden zu üben wären! Sie sollen sich vorerst dem Schutze der Frauen widmen!"
Leonin bebte, als ihn Vieuville fast zur Erde drückte und das blaue Band um seine Schultern legte. Er hatte es bereits entehrt durch den schreiendsten Frevel an weiblicher Unschuld und Tugend. Als ob eine glühende Schlange sich um seine Brust ringelte, so fühlte er das leichte seidne Band.
Er konnte keinen laut sprechen – er hatte kaum Kraft, sich zu erheben. Aber Niemand sah seinen Zustand; zu sehr ward vorausgesetzt, was er empfinden müsste, um zu bemerken, was er wirklich empfand.
Die Königin empfing jetzt eine Meldung; sie neigte das Haupt, dann winkte sie Leonin und Viktorine an ihre Seite und stellte sie so gewissermassen dem versammelten hof vor, während der Marquis Vieuville vortrat und mit lauter stimme rief: "Ihre Majestät die Königin ladet die Versammlung ein, der kirchlichen Einsegnung von Leonin, Grafen Crecy-Chabanne, und Viktorine, Prinzessin von Lesdiguères, in der Hofkapelle beizuwohnen."
Schon traten die Hofchargen voran, und an der Seite Maria Teresia's, von ihren Fingerspitzen, liebevoll lächelnd, geleitet, schritt Mademoiselle de Lesdiguères der an dieses Zimmer grenzenden Kapelle zu, während Anna von Oesterreich, sich auf Leonin's Arm stützend,