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überdies unschuldig war, wie die Sonne, und sich vollständig rechtmässig vermählt wusstekonnte sie nicht, ohne die heftigsten Erschütterungen, Ihre durch mich überbrachten entehrenden Erklärungen hörenund da Leonin die Flucht ergriff, sah ich sie in dem Augenblicke, wo sie dies erfuhr, vor meinen Augen sterben."

"Sterben, sterben! – ein solch bürgerliches Mädchen und gleich sterben!" sagte die Marschallin tonlos; – dann wankte sie nach einem stuhl und fiel fast darauf hin, in einer Betäubung, die sie aller Haltung beraubte.

Der Marquis liess dies Alles ruhig zu; er wollte es ihr nicht erleichternund vielleicht konnte er es auch wirklich nicht; – denn, obwol er seinen Zweck im Auge behielt, konnte er doch nicht ein Grauen beschwören, was jedes Mal in ihm aufstieg, wenn er der wunderbaren Erscheinung Fennimors gedachte und des Gerichtes sich damit bewusst ward, das durch sie in ihm erregt worden war. Nur nach Aussen konnte er Alles beherrschen, ohne Einfluss lassen; – innerlich erfuhr er stets eine Anregung, wie wir sie oben bezeichnet haben. Nach einer Pause, die ihm lange genug schien, fuhr er fort: "Doch Leonin weiss davon Nichtsich sagte ihm, dass er frei seidoch nicht, auf welche Art. – Vieuville hat mir mitgeteilt, dass die Königin ihn heute Abend zu vermählen denkt. Die Nachricht würde seine Laune verderben, da er unfähig ist, sich zu beherrschen."

"Ja wohl," seufzte die Marschallin, "das darf er nicht erfahren, es bräche ihm vollends das Herz!"

Souvré erstaunte über die Stimmung der Marschallin. "Sie ist lächerlich ausser Fassung!" sagte er zu sich. Sie war ihm langweiligverächtlich. – "Ich muss fürchten, Euer Gnaden bereuen das Gescheheneobwol es Ihr Wille war," sagte er, in der Hoffnung sie zu reizen. "Auch kann ich versichern, dass die verstorbene Gemahlin Ihres Sohnes eine bewunderungswürdige Erscheinung war! Vielleicht, wenn Euer Gnaden sie gesehen hätten, würden Sie selbst ihre Rechte anerkannt haben!" – Dies war wohl berechnet.

"Marquis," sagte die Marschallinund stand sogleich, wenn auch mit einiger Schwierigkeit auf – "Mitleiden wird mich nicht zur Verletzung meiner Pflichten als Mutter und als Trägerin zweier gleich berühmten Namen führen. Es ist genug. – Das Ende musste so seinmöchte es eine Warnung für diese unberechtigte Törinnen jener niederen Stände werden, ihr hübsches Gesicht nicht zu benutzen, um sich in die höheren Sphären der Gesellschaft zu drängen. Ihr los muss nach gültigem Rechte dort immer dasselbe sein!"

"So gefallen Sie mir, gnädige Frau," sagte Souvré hohnlachend – "das ist die alte Kraft!"

"Sie sind sehr freigebig mit Ihrem Beifalle, Herr Marquis," erwiderte die Marschallin, von seiner Vertraulichkeit sichtlich beleidigt – "ich war nicht darauf aus, ihn einzuernten. Mein Alter, wie meine Stellung pflegen mich gegen solche Aeusserungen zu schützen."

"Gewiss fehlte auch für alle Anderen jede Veranlassung dazu," sagte Souvré sorglos. "Nur wer, wie ich, einen blick auf die geheimen Bestrebungen Euer Gnaden tat, kann so, wie ich, dazu die Berechtigung haben."

"Ich habe keine Zeit, Ihrer Vertraulichkeit Rede zu stehen; wir müssen zur Königin!" erwiderte die Marschallin, mit unendlichem Grolle sich überzeugend, sie müsse die Beleidigung verschmerzen; doch hatte diese galligte Erregung ihres Blutes jede Weichheit in ihr zerstört. Schon lag das Bild ihres Opfers, das Souvré zu ihrer Kränkung so reizend hervor gehoben hatte, in den Hintergrund gedrängt. Eifrig eilten ihre Gedanken der Stellung entgegen, die sie jetzt mit vermehrter Sicherheit einzunehmen vermochte, und die ihr endlich die Erfüllung aller ihrer Wünsche verhiess. Dieser kühne Gedankenflug erlitt eine kleine Störung, als sie dem Marschall und Leonin an der grossen Abfahrtstreppe begegnete, wo Beider Karossen standen. Leonin hing wie ein bleicher Schatten in seinen glänzenden Hofkleidernsein Gesicht trug den Ausdruck hinsterbender Apatie. Man versammelte sich in den inneren Appartements der Königin Maria Teresia. Wie der Marquis gesagtder kleine Zirkel bestand immer noch aus einigen hundert Personen, und wer heute Zutritt hatte erlangen können, hatte sich herbei gedrängt; denn ohne dass es ausgesprochen war, blieben die Andeutungen doch nicht aus, dass sich hier etwas Besonderes ereignen solle. Voll Erstaunen gewahrte man den Abbé Fenelon, der mit ungewöhnlich blassem Gesicht sich zurückgezogen hielt. Man fragte, man trug zusammen und kam der Wahrheit zuletzt ziemlich nahe, während man voll Ungeduld die Königin erwartete. Dieser Augenblick trat endlich ein. Mit der grössten Huld und Freundlichkeit erschienen Beidedie junge Königin, auf den Arm ihrer imposanten Schwiegermutter gestützt. Ihnen folgten die Prinzessinnen des Hausesdann die Kavaliere und Damen der Bedienung. Unter ihnen fehlte Mademoiselle de Lesdiguères, welches sogleich von Allen bemerkt ward.

Die Königinnen hielten mit diesem Gefolge ihren Umzug durch den Saal, und zeichneten vorzüglich die Familie Crecy und Lesdiguères durch ihre Freundlichkeit aus.

Während dem zupfte der Marquis Vieuville Leonin bei Seite; Beide verliessen den Saal, der Marquis führte Leonin durch einen Umweg in das Kabinet der Königin. Als Leonin eintrat, erblickte er sogleich die wunderschöne Gestalt der Mademoiselle de Lesdiguères, die in reichem Silberstoff, mit Juwelen geschmackvoll verziert, auf einem Tabouret in der Mitte des Zimmers sass und die Augen fest auf die Tür geheftet hielt, aus der