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still, Marschallin, wir wollen das nicht einmal in den Mund nehmen, – es zieht schon herab, dafür Gedanken haben zu müssen." – –

Leonin war an der Seite des Marschalls von Crecy in Paris eingetroffen.

Die Marschallin empfing sie mit einer so mitteilenden Zärtlichkeit, dass Beide vollständig in ihre hände fielen.

Sie lud den Marschall zur Tafel, da die Stunde dazu heran gekommen war, und er willigte ein, erweicht durch die Nähe seiner Kinder und die guten Manieren seiner Gemahlin; – ward aber fast gerührt über dieselben, als in dem Augenblicke, wie er den ersten Becher Wein forderte, im Vorzimmer sein lärmendes Musikchor, was die Marschallin sonst nie in ihrer Nähe duldete, zu verabscheuen vorgab, und welches jetzt, von ihr selbst dazu beordert, das Vorzimmer eingenommen hatteeinen seiner wilden Lieblingsmärsche zu spielen begann.

"Sie sind im Ernste sehr höflich, meine Liebe!" sagte er mit der uns bekannten Grimasse, die Rührung andeutete – "Sie lieben diese fröhlichen Stücke nichtund ich muss Ihnen meinen Dank sagen."

"Nun, Marschall," erwiderte seine Gemahlin – "wir haben, denke ich, auch nicht oft die Ehre, den Helden der Fronde an unserer Tafel zu sehen. Es ist billig, unsere Neigung nicht zu befragen, wenn wir es ihn nicht bereuen lassen wollen."

Dagegen schickte der ungemein erheiterte alte Herr nach diesem ersten lärmenden Versuche die ganze Bande in ihr Quartier und liess sich eine Goldbörse von seinem Kammerdiener bringen, um für die Dienerschaft seiner Gemahlin auf jeden Teller, den man ihm wegnahm, in jeden Becher, den er leerte und zum Füllen reichte, ein Paar Lonisd'or zu werfen.

So hatte die Marschallin ihre Absicht erreicht, Leonin bei seiner Rückkunft augenblicklich aus sich herauszureissen und den Umständen, wie sie hier herrschten und wie bestimmt waren, ihn zu beherrschen, unter zu ordnen. Die eisernen Formen, die ihn sogleich einschlossen, mussten ihn überzeugen, dass er hier nur nachgeben könne. Dieses anscheinend herzlicher hervor tretende Familienfest sollte dabei seinen idyllischen Träumenwie die Marschallin sich ausdrückteschmeicheln, ihn hier einen Reiz mehr erkennen lassen, um den Wert des zurück gewiesenen Glückes zu entkräften.

Gegen Ende der Tafel ward dem Marschalle gemeldet, dass sich, wie gewöhnlich bei seinem Diner, bei der Nachricht seiner Rückkehr mehrere Personen in seinem Vorzimmer gesammelt hätten.

"O hierher, Marschall, hierher!" rief seine Gemahlin – "Alles, wie Sie es gewohnt sind!" – Fort flogen die Diener, und bald erschienen einige der vornehmsten Personen des Hofes, da der sonst gewöhnliche militärische Hofstaat des Marschalls bereits der Armee gefolgt war. Doch berührte es Leonin wie ein elektrischer Schlag, unter ihnen den Herzog von Lesdiguères zu bemerken, der mit aller verwandtschaftlichen Bevorrechtung den Marschall und Leonin umarmte, und zwischen dem sanft gestimmten Ehepaar in einen herbei getragenen Fauteuil sank.

"Nun, Marschall, wie ich Eure roten Vorreiter sah, konnte ich dem Vergnügen nicht wiederstehen, selbst von Euch zu hören. Und sagt, wie steht es dort mit dem neuen Cavalier der Königin?" fuhr er nekkend fort, Leonin anblinzelnd; – "mir deucht, die Reise dauerte nicht lange! Das war Diensteifer, Vicomte! Nicht wahr, bloss Diensteifer!" –

Ein schallendes Gelächter des Marschalls und des witzigen Herrn Herzogs folgte dieser Rede, und Leonin, der plötzlich den Wahnsinn der Rettungslosigkeit fühlte, griff nach der Maske, die zu dem erwarteten Fastnachtsspiele passte, und als er das erste Lächeln erzwang, hätte der Schmerz seines Herzens ihm fast einen lauten Schrei ausgepresst. Auch die Marschallin hielt den Atem ander Moment war entscheidend. Er ward schneller selbst, als sie erwartet hatte, in die neuen Verhältnisse gedrängtwie Viel hing davon ab, dass er schon die rechte Stärke gewonnen habe! Aber sie sah, dass die blasse, hohle Wange sich plötzlich rötete, das trübe Auge lebendig ward, er den bisher unberührten Becher Wein hinunter stürzte, und sich dann rasch zum Herzog wendend, mit überlauter stimme ausrief: "Euer Gnaden werden meinen Eifer doch nicht missbilligen?"

"Nun, nun," sagte der Herzog – "man sagt, Mademoiselle de Reetz habe auch dereinst von unserm ähnlichen Eifer erzählen können! Doch merke ich, junger Herr, das gehört nicht mehr in mein Departementnun, ich habe nichts dagegen, wenn Ihr Euch damit bei Viktorinen meldet!" Dabei zog er Leonin in seine arme und herzte und küsste ihnund Leonin fühlte, er habe diese schon längst völlig abgemachte Sache, an der kein Mensch mehr zweifelte, in diesem Augenblicke bestätigt. Wir dürfen nicht verbergen, dass die Erinnerung an Viktorinens jugendliche Schönheit, an ihre Trefflichkeit, in demselben Augenblicke lebendig in ihm erwachteund der Seufzer, der ihm entstieg, galt dem Schmerze, ihrer nicht mehr wert zu sein. –

Und Souvré sass lachend und jeden Scherz erhöhend an derselben Tafel! Leonin wusste noch nicht, was er ausgerichtet hatte, und seine Ehre hing jetzt an dem Ausspruche dieses Mundes.

Souvré wusste dies Alles, und mit teuflischer Lust quälte er sowohl die Marschallin, als den von ihm so bitter verachteten Knaben; denn vergeblich hatte seine hohe Verbündete nach ihm gesandt zu allen Stunden; er war zu keiner zugänglich gewesen und erschien erst, da alle fragen unmöglich waren.

Doch die Marschallin war längst entschlossen, jede Unsicherheit abzuwerfen und