demütigsten Zustande – ich meine die Ehe," setzte er sich verbeugend hinzu – "und doch so wild, so gereizt, wie eben aus dem Kloster entkommen? Schöne Viktorine, ich warne Sie – lenken Sie ein! Leonin ist nur anscheinend ein schwermütiger Schäfer, innerlich und wo es gilt, ein reissender Löwe!"
Die Marschallin horchte auf. Dies schien ihr der erste Wink. Doch Souvré blickte nur Victorinen herausfordernd an – er schien jene vergessen zu haben.
"Erlauben Euer Gnaden, dass ich mich beurlaube!" sagte Victorine, sich tief vor der Marschallin verneigend. "Die vortrefflichen Manieren des Herrn Marquis zwingen hier eine Frau, die Flucht zu ergreifen."
"Fliehen Sie Ihren Sieger?" rief Souvré – "Sie haben nun einmal Ihre Stellung in der Welt verloren. Ein Mal besiegt, erleben Sie nichts mehr, als Niederlagen! Ich, Ihr ältester Freund und Verehrer, musste doch daran meinen Anteil haben!"
Victorine rollte achselzuckend ihren Fächer vor ihm auf und verschwand in dem Nebensaale.
Eben wandte die Marschallin sich zu dem Marquis, entschlossen, ihn zur Sprache zu bringen, da eilte Souvré, die Herzogin von Bellefond zu begrüssen, die ihren grossen Reinigungszug, wie die Hofleute ihn nannten, wobei sie jeden Fehler der Etikette rügte, durch den Saal hielt.
"Soll ich Ihnen helfen, meine Beschützerin – meine Wohltäterin?" rief Souvré. "Wie Not tut sicher hier Ihre glanzvolle herrschaft im Reiche der Etikette, wo die gute Stadt Paris mit ihren breiten Manieren dem Hermeline des Königsmantels etwas sehr nahe getreten ist. Die Luft ist davon noch etwas verdorben, wie ich spüre!"
"Ach, Marquis, Marquis," erwiderte Madame de Bellefonds, mit so heiserer stimme, dass ihre Rede dem dumpfen Gebrumme eines zornigen Bären glich – "das fürchte ich nicht zum zweiten Male zu erleben! Denken Sie! den ganzen Tag auf der Strasse! Ihre Majestät die Königin sehen zu müssen, wie diese Populace sich zu ihr drängte – Anreden gestatten zu müssen auf offner Strasse, ohne nur die Namen dieser Geschöpfe zu kennen, viel weniger ihren Adelsgehalt – ja, am Ende lieber Nichts von ihnen wissen zu wollen; da doch nur zu erfahren stand, dass sie aus der Hefe wären. Alle unter dem e i n e n hut sich bergend, als Bürger von Paris! Bürger von Paris, Marquis! Ich hätte weinen können über den Wahnsinn, der sie glauben liess, durch diesen Titel zu dem Benehmen gegen Ihre Majestät berechtigt zu sein! Und dann die Humanitätsideen der hohen Herrschaften! Niemand, den man in seine Schranken verweisen durfte, wodurch dem volk der Mut wuchs bis zur Raserei! Können Sie denken, dass davon die Rede war, einige von den Deputirten der Stadt heute Abend einzuladen? So dass denn also kein einziger Platz rein geblieben wäre! Aber ich drohte meinen weissen Stab in Stücken zerbrechen zu wollen, wenn man diesen Plan ausführe, und da unterblieb es, trotz dem, dass der Marquis Fenelon, dieser sogenannte grosse Geist, mich fragte: ob ich dächte, dass diese Herren Deputirten, die ein Paar Millionen kommandirten, weniger Bildung hätten, als meine Herzöge und Grafen?"
"Nun in Wahrheit," lachte Souvré – "diese rasende Behauptung hätte Euer Gnaden tödten können!"
"Fast Marquis, fast war es so weit! Und Ihr hört es an meiner stimme, es ist mir Alles auf die Brust gefallen. Es war meine letzte Anstrengung, und in der Antwort, die ich ihm gab, schlug die stimme um. 'Marquis,' sagte ich, 'um so schlimmer! So sind es übertünchte Gräber, in denen sie nichts zu verdecken hätten, als Hobel oder Elle – und der Bursche, der mir zu den Schuhen Maass nimmt, hat in meinen Augen mehr Wert, als diese impertinenten Masken, die sich unsere Vorzüge anzumassen wagen.'"
"Vortrefflich, vortrefflich!" rief Souvré; "mit welchem geist Sie Ihren Willen auszudrücken wissen. Es müsste für die Nachwelt verzeichnet werden! – Gottlob, dass Frankreich die Herzogin von Bellefond als Wache vor dem Trone dieser sanften, nachgiebigen Königin hat! Es ist die einzige Rettung, der einzige Schutz gegen die andrängende Volksbildung, die, wie ich im vollen Ernste hörte, sich allerlei Nachahmungen der höheren Stände erlauben soll; und wie lächerlich und unglücklich auch solche Versuche sind, sie bleiben doch jederzeit ein Aergerniss und verraten einen gefährlichen Sinn, der im Entstehen erstickt werden muss." –
"Ja wohl, Marquis! Sie haben nur zu Recht; aber ich beschwöre Sie, hören Sie auf davon zu sprechen – ich muss sonst mein Flacon gebrauchen. Ach, Marquis, wer hatte sonst nur nötig, diese Klasse in den Mund zu nehmen! Wir hatten Handwerker, die nur unsere Haushofmeister und Kammerfrauen sprachen; und ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich mich jemals über einen Bürgerlichen würde ärgern können. Aber hören wir auf – es greift mich an, und ich bin beschämt über den Gegenstand!" –
"Nun so sagen Sie mir etwas Neues vom hof," rief Souvré – "Sie wissen, ich war mit dem jungen Grafen Crecy abwesend." –
"Ja, ja, ich erinnere mich! – Doch sagen Sie Marquis, warum sehen wir Sie allein zurückkehren? Ist man so lau und nachlässig in der Bewerbung um ein Ehrenfräulein