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der Preis, um den er gesündigt, sank in dem Augenblicke, wie er ihn errungen hatte! – Eine glühende Hölle schien ihm dies glänzende Treiben des Hofes, welches jede Besinnung erstickte, jede Regung verstiess, die nicht in ihre erkünstelten Zustände passte. Eine Einöde schien sie ihm zugleich, von tödtender Langweile erfüllt, ohne Reiz, ohne Erquickungder Felsblock des Sysiphusmühsam täglich emporgewälzt, täglich zurückstürzend dieselbe Bahnfür das Erfolglose immer denselben Aufwand von Mühe begehrend.

Fast bewusstlos sank er auf sein Lager, und Keiner aus seiner Umgebung wagte mehr, den jungen Erben zu stören, dessen Ansehn so wenig den glänzenden Aussichten entsprach, die Alle für ihn eröffnet wussten.

Bald fuhren die Karossen der Marschallin vor, und sie verliess, nach den passendsten Instruktionen an ihren Arzt und Beichtvater, das Palais Crecy, ohne dass sie selbst ihren Sohn wiedergesehn, oder die Bitte der trauernden Louise um diese Gunst gestattet hätte.

Dies Mal sollte der Marschall ihr zu hülfe kommen! Er befand sich bereits in Paris; aber sie wusste es mit Sicherheit, dass sie ihm nur zu sagen brauche, Leonin sei krank in Versailles angekommen, und er werde in der nächsten Stunde dahin reisen, wo sie dann seinem unbezwinglichen Ungestüm vertrauen durfte, der weder die Einwendungen Anderer hörte, noch sich ihnen fügte, und unfehlbar Leonin's Krankheit für nicht bedeutend genug ansehn musste, um ihn länger von dem Schauplatze entfernt zu halten, den ihn einnehmen zu sehen, seine ganze Seele erfüllte.

Dagegen erschien die Marschallin sogleich mit der Miene einer betrübten Mutter, das Unwohlsein Leonin's der Königin und seiner nun öffentlich erklärten Braut mitzuteilen. Da Niemand zur Besinnung kam in dem Taumel, der in Paris herrschte, der Volk und Hof fast in einem Feste vom Morgen bis Abend zu vereinigen schien, so fand jede Erklärung gefälligen Eingang, die von Niemandem ein langes Nachdenken oder Zuhören begehrte.

Nur Viktorine, die sich stets selbst behielt, der diese Dinge nur so nahe traten, als sie wollte, hörte die Nachricht der Marschallin mit veränderter Farbe; und als der Marschall in Reisekleidern bei ihr eintrat, um ihr Mut einzureden, fühlte sie die kindlichste Zärtlichkeit gegen ihn, und Beide trennten sich mit erhöhter Liebe.

Diese Empfindung war Viktorine überhaupt viel mehr geneigt, ihrem künftigen Schwiegervater, als der Marschallin zu widmen. Sie misstraute ihr. Dies vollendet gehaltene Wesen, welches, wie das untrüglichste Rechenexempel sich immer in den Forderungen der grossen Welt auflöste, empörte ihren offenen charakter, der durch freie geistige entwicklung, so viel es diese Zeit zuliess, die Etikette lästerte. Sie hatte überdies einen ahnenden Verstand. Sie war zu unschuldig, um manche Dinge wissen zu können; aber sie ahnte dann eben, dass nicht Alles in Ordnung sei, und fehlte selten in ihren Voraussetzungen.

Am nächsten Abend stand sie neben ihrer Schwiegermutter in dem grossen Spielzimmer der Königin, während sich im Nebensaale der glänzendste Ball entwickelte, welchen die Königin als Abschiedsfest gab, und an dem teil zu nehmen, ihr unmöglich war, als die Marschallin plötzlich zusammenschreckte und einen Augenblick starr nach der Tür blickte. Viktorinens Augen folgten diesem blick, und sie konnte die Ursache nicht erraten, bis der Marquis de Souvré ihr auffallend ward, der sich mit seiner gewöhnlichen Dreistigkeit halb lachend, halb neckend durch die Menge drängte.

Viktorine glaubte jetzt die Bewegung der Marschallin erklärt. Er kommt aus Leonin's Krankenzimmer, sagte sie sich; sie selbst fühlte ein tiefes Erbeben und zugleich ein sanfteres Gefühl gegen die Marschallin, was ihr sagte: sie ist doch Mutter!

Souvré stand sogleich vor ihnen. "Willkommen, Marquis!" sagte die Marschallin. "Wie verliessen Sie meinen Sohn?"

"Auf dem Wege, zu den Füssen seiner schönen Braut seine Genesung abzuwarten," erwiderte der Marquis, beide Damen begrüssend. "Doch verliess ich das Terrain in dem Augenblick, als der Marschall seine Position dort nahm. Einer solchen bewaffneten Macht gegenüber, nehme ich gern sogleich meinen Rückzugdenn er bleibt stets Siegerwovon Euer Gnaden auch wohl im Voraus überzeugt waren."

"Der Marschall hat stets den liebenswürdigen Ungestüm eines Jünglings," lächelte die Marschallinaber ihr Auge lag noch immer durchbohrend auf Souvré, der, seine Ueberlegenheit fühlend, auch nicht durch die kleinste Aeusserung verriet, was sie so sehr zu wissen wünschte.

"Belehren Sie mich, ob ich recht hörte, ist dies ein Abschiedsfest?" – fragte er, sich zu Victorinen wendend – "muss Leonin in Wahrheit zu spät kommen, sich in dem Glanze des Hofes mit seinem unermesslichen Glücke brüsten zu können?"

"Ihre Majestät werden von morgen an ihre Andacht bei den Carmeliterinnen halten und dann nur noch kleinen Zirkel in ihren Privat-Apartements empfangen," erwiderte Victorine.

"Ach," sagte Souvré, "ich lebe auf! So hoffe ich, werden wir auch dort noch im kleinen Zirkel mindestens einiger hundert Personen, das Vermählungsfest meines glücklichen Vetters und seiner schönen Braut erleben!"

"Lassen wir das!" rief Victorine stolz und gereizt. "Soll ich Ihnen etwa die Feierlichkeiten dabei vorzählen, damit sie Ihre verschiedenen Hofkleider ausstauben lassen? Ich passe nicht zum Referiren und setze immer den Takt voraus, es zu fühlen, ehe ich es selbst andeuten muss."

"Allerliebst!" lachte Souvré – "also das hat die Liebe noch nicht bewirkt! So nah' an dem gehorsamsten,