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später durch Reisen.

Sie liess Louise ruhig plaudern und verstärkte nur durch einzelne Worte den erregten Eindruck, sich an der harmlosen Uebergabe des holden Kindes innerlich belustigendals dieses trauliche Zwiegespräch plötzlich durch den Eintritt dessen aufgehoben ward, den Louise noch zur Erklärung ihrer Gefühle bedurfteLeonin stand vor Beiden.

Aber wie wenig glich er jetzt noch dem Bilde des frohen, unschuldigen Marquis d'Anville! Selbst die unerschütterliche Marschallin erschrak bei seinem Anblick, und wie ein Blitz durchzuckte sie der Gedanke: Das ist Dein Werk!

Louise flog mit einem Freudenschrei in seine arme. Aber Leonin schauderte, als er ein anderes weibliches Wesen an die Brust drückte, von der er Fennimor so eben verstossen. Die Marschallin sah Allessie fürchtete sich fast vor ihmda er da war, musste das vollendet sein, was sie geleitet; damit kam ihr ein kleines vorübergehendes Grauen andie Vollendung stählte sie nicht so, wie der Eifer, sie zu erlangen.

"Leonin, Du bist krank!" rief Louise, als er sich matt und stumm von ihr los machte, um seine Mutter zu begrüssen, "ich erkannte Dich kaum!"

"In Wahrheit, mein Lieber," sagte die Marschallin, "Sie haben keine gute FarbeSie müssen mit dem arzt sprechenSie haben jetzt keine Zeit zum krank sein!"

"Lieber mit dem Beichtvater, gnädige Frau!" erwiderte Leonin dumpf und bitter, "es könnte nötiger sein!"

"Ganz nach Ihrem Bedürfnisse," sagte die Marschallin, durch diese vorwurfsvolle Entgegnung erkältet und erzürnt. – "Oft ist uns der Seelenarzt so nötig, als der leibliche. – Der König ist bereits zur Armee abgegangen; die Königin hat ihr erstes Wiedersehen mit Seiner Majestät in Nancy, dortin" –

"In Nancy?" unterbrach Leonin seine Mutter – "in Nancy? in der Hauptstadt des Herzogs von Lotringen? So verfügt man schon über das Eigentum des Feindes, dessen Land man noch nicht einmal betreten hat?" –

"Mein Sohn, ich finde Ihren Ton sehr sonderbar; es scheint mir höchst unpassend, und für Sie am meisten, als eine zum Hofstaat gehörende person, sich mit einer Artwie soll ich sagen, um es milde zu bezeichneneiner Art Erstaunen mindestens, über diese allerhöchsten Beschlüsse zu äussern. Wer könnte zweifeln, dass Seine Majestät heute schon das Recht hätten, sich in Amsterdam ihr Diner zu bestellen? Die Beschlüsse zu der einen oder andern stets passenden Eroberung sind zugleich Siege!"

Hierin lag etwas Wahres. Die Marschallin hatte nur nötig, das Vorhandene zu benutzen, um ihrem Sohne zu imponiren. Dieser ganze Krieg war ein voraus empfundener Siegestaumel, den zu beargwöhnen, in der Tat ein ungehöriges Gefühl und der damaligen Zeit ganz fremd war. Die Naturanlage der Franzosen, sich in dem anmassendsten Dünkel als die ersten der Erde zu betrachten, erhielt die vollständigste Entwicklung und schlug Wurzeln, zu tief, um je zu ersterben, ein Stützpunkt bleibend für Alles, was die Zeit im mannigfaltigsten Wechsel daran hinauftriebwas wir mit giftiger oder segensreicher Vegetation vergleichen könnten, die immer ein und derselben Wurzel entsprossen.

Leonin war auch schon auf Kosten alles Andern zu sehr Franzose geworden, um nicht Ueberzeugungen schnell nachzukommen, die er um so hohen Preis erkauft. Er fühlte, er hatte sich unpassend geäussert, und fragte daher schnell: ob die Königin in Versailles anwesend sei? –

"Ihre Majestät haben den Bitten ihrer guten Stadt Paris nachgegeben und vor ihrer Abreise noch einen Besuch in den Tuillerien gemacht. Paris ist e i n Saal der Freude! Die Strassen sind Gärten, in denen das Volk tanzt und spielt, die beiden Königinnen, von ihrem ganzen Hofstaate umgeben, durchziehen sie in offnen Triumphwagen, welche die Stadt hat bauen lassen. – Unsere Reisewagen sind gepackt; wir erwarteten nur Ihre Rückkehr, um das Hotel Soubise zu beziehen; machen Sie danach Ihre Einrichtungen!"

"Ich werde schwerlich mit Ihnen zugleich dem hof aufwarten können," erwiderte Leonin – "ich fühle mich sehr unwohletwas Ruhe ist mir durchaus nötig!"

Einen Augenblick sah die Marschallin zu ihrem Sohne auf, mit dem Wunsche, zu widersprechen; aber aufs neue leuchtete ihr die überzeugung seiner sichtlichen Erschöpfung ein. So gern sie sich's geläugnet hätte, es war gar nicht zu übersehener war krankjedenfalls in einer Gemütsstimmung, die eine kleine Sammlung wünschen liess; da sie ihn wenig so darzustellen verhiess, wie es die Marschallin wünschte.

So trennte man sich. Kein Wort hatte das überfüllte Herz Leonin's erleichtert. Diese harte Frau, die ihn so ohne Bedenken zu dem Verbrechen gereizt, das er fühlte begangen zu haben, zeigte eine Gleichgültigkeit, die nicht einmal nachfrug, ob oder wie es vollzogen. Keine Teilnahme, kein Dank, Nichts versöhnte den ungeheuren Schritt, den er getan. Zurückgedrängt ward er mit jeder Empfindung, die ihn fast zu ersticken drohte, als nehme man ihr Dasein für unmöglich an; und was man ihm dagegen bot, waren die erbärmlichen Wichtigkeiten dieser äussern Welt! Sein Herz krampfte sich in Bitterkeit zusammen; ein finsterer Groll gegen sich und die ganze Welt ergriff ihn, ja, eine Ansicht über seine Mutter brach sich Bahn, die ganz gegen den kindlichen Entusiasmus stritt, den er bisher empfunden. Es war ein fürchterliches Gericht in ihm, und die grösste Strafe der Sünde erreichte ihn: