musste es kommen! Das wusste ich vorher! Sie bezahlt es mit dem Leben! So mag sie nur erst erlöst sein!" – Sie hätte sich ihres Todes freuen können – sie rührte sie nicht an, und Fennimor blieb stehen, bis der Krampf jeden Schlag des Herzens hinderte und die Füsse zusammen brachen.
Sie glich so sehr einer Leiche, dass das Gerücht, sie sei gestorben, sich verbreitete, und der Arzt selbst lange zweifelhaft blieb. Als sie endlich erwachte, war die schreckliche Nacht vorüber. Der Marquis de Souvré hatte zuweilen nachgefragt; Emmy hatte ihm nie geantwortet. Bis zu dem Bette war er vorgedrungen; sie hatte nicht gehindert, dass er die Leiche sah, wie sie wähnte. Gegen Morgen war er abgereist. "Die unangenehmste Reise meines Lebens!" sagte er verdriesslich. "Was das für ein krankhaftes geschöpf war – gleich zu sterben!"
Später erst fiel ihm ein, dass dieser Tod Leonin auf dem Gewissen liegen werde, wenn er ihm auch Freiheit gäbe. Damit beruhigte er sich.
Fennimor ward nicht durch den Tod erlöst. Ihr Erwachen war sogleich vollständiges Bewusstsein. Da Emmy sie nicht entkleidet hatte, erhob sie sich augenblicklich, und ihre tiefe Seelenangst trat in jeder Bewegung hervor.
"Emmy," sagte sie leise, "er hat mich doch so sehr geliebt!" Dabei fing sie eine Wanderung durch das Zimmer an, die Alle im Laufe der Zeit zur Verzweiflung brachte. Immer dieselbe Linie haltend, von dem Fenster an, wo sie den Todesstoss empfangen hatte, bis in den äussersten Winkel des Zimmers, und wieder zum Fenster zurück. Sie hörte Nichts um sich her! Sie sah Nichts! Wenn sie angeredet ward, blieb sie stehen und sagte zu Jedem: "Er hat mich so sehr geliebt!" Der Ausdruck ihres Engelsantlitzes war dabei so, dass Niemand ihn ohne Tränen sehen konnte. Auch zu ihrem kind sagte sie dasselbe. Sie kannte es nicht.
Emmy schien durch Nichts mehr überrascht. Sie hatte dies Alles längst in ihrem argwöhnischen Nachdenken durchlebt und tat jetzt nur, was sie im Voraus beschlossen. Eine Bäuerin erschien gegen Abend, da das Kind dem Verschmachten nahe, und die Milch der Mutter jeden Falles todtbringend war. Das eigne Kind verlassend, nährte das teilnehmende Weib das verwaiste.
Die Nacht verging – Fennimor wanderte fort. Der Arzt und Emmy sassen stumm einander gegenüber. Kein Mensch durfte sie berühren – es schien ihr den grössten Schmerz zu machen. – Wer hätte sie auch zwingen mögen? Doch verschwand die Blässe allmählich, hohe Röte stieg in ihre Wangen, die glühendste Fieberhitze ergriff sie; sie ging heftiger nur.
"Beruhigt Euch," sagte der Arzt zu Emmy – "das überlebt sie nicht – sie war ja noch Wöchnerin – die Quellen ihres Busens sind versiegt, das deutet das Fieber an – es wird ihr Tod!"
"Dann sei Gott gepriesen!" rief Emmy wild – "die scheussliche Welt, in die sie geraten, ist nicht wert, dass ihr Fuss länger in ihr wandelt!"
Bald öffnete das steigende Fieber den stillen Mund. Erst plauderte sie leise – dann lauter – sie lächelte – sie hüpfte – sie flog, selbst unter der Gewalt der Krankheit noch reizend schön, und wie ein glückliches Kind auf kühlem Wiesengrunde! – Sie war in Stirlings-Bai – sie rief den Vater und lächelte ihm zu – kein Andenken ihres späteren Lebens trat hervor – ihre Kinderjahre, Emmy, der Vater, ihre Bilderbücher, der Wald! Welche anmutige Arabeske lieblich und wunderbar durchschlungener Gedanken, bildeten ihre Phantasien! Dies brach Emmy's Härte – schreiend fast, schluchzte sie ihren Jammer aus; aber die, welche sonst ihrem leisesten Seufzer sorgsam nachspürte, hüpfte lächelnd und schwatzend an ihr vorüber und sah in den wilden Aufruhr dieser konvulsivisch zuckenden Gestalt, als ob sie eine schöne Blume aus den Wäldern von Stirlings-Bai erblicke. – Da schien dem mit angespannter Aufmerksamkeit sie beobachtenden Arzt, als ob sie, durch das Fieber bezwungen, Durst empfände. Dies war, was er gehofft und erwartet. – Schnell reichte er ihr den bereiteten Becher, der den Schlaftrank entielt, auf den allein zu hoffen war. Er täuschte sich nicht; sie trank mit kindischer Begierde und nannte es: Milch aus StirlingsBai. Der gang aber ward nun matter und schleppender, die Worte gebrochen; die Augenlieder sanken. Schon hatte Emmy die Tränen getrocknet; widerstandlos trug sie den Liebling ihres Herzens auf das lange verlassene Lager, und bald breitete der Schlaf seine Segnungen über die Verwüstungen der Menschenhand. – Die Marschallin von Crecy sass in ihrem Ankleidezimmer und hörte der unschuldigen Louise zu, welche ihr von dem jungen Marquis d'Anville erzählte, mit dem sie gestern bei dem Herzoge von Lesdiguères getanzt hatte, und der gar zu heiter und liebenswürdig war, so dass sie immer durch ihn an Leonin erinnert ward, mit dem sie auch früher so habe scherzen und lachen können.
Die Marschallin hatte Nichts dagegen. Sie wusste jetzt genau, wie es mit Louise stand; diese brücke, welche Schwestern, die ihre Brüder sehr lieben, sich durch Vergleichungen zu bauen wissen, die sie dann unwillkürlich in ein anderes Gebiet der Empfindung hinüber leiten, war ihr vollkommen bekannt. Der junge neunzehnjährige Marquis war ihrer Tochter bestimmt; doch erst nach drei Jahren sollte die Vermählung vor sich gehen, der junge Mann bis dahin entfernt werden durch den jetzigen Krieg,