1839_Paalzow_084_140.txt

geopfert hatte, jetzt als gering und unwürdig bezeichnen und sein ganzes Treiben ein von Gott abtrünniges nennen hörte.

"Fennimor, Fennimor," sagte er mit einem kalten Lächeln der Ueberlegenheit, "Du hast Dir bei Deinem untergebenen Lesüeur das Predigen angewöhnt! Mir deucht, Du nimmst die Dinge sehr streng. Denkst Du wohl daran, ob Du überall dazu berufen und ob Du mir gegenüber, in derselben Stellung bist?"

"Ach," sagte Fennimor, deren alte Energie, noch von körperlicher Schwäche gebunden, schnell erschöpft war, plötzlich weich und gebrochen in sich zusammen sinkend, "Du hast Recht, das ist eine gar verkehrte Welt, in der das schwache Weib ihren Herrn schilt! Wie hätte ich daran gedacht, als ich es Lesüeur tat, Aehnliches könnte mir bei Dir einfallenwie traurig ist das, und wie tief sinkt mir dabei der Lebensmut! Hindere das," sagte sie dann mit schwacher stimme, "mache Alles, damit wieder Trost in mein Herz kommt, und ich nicht so arge Furcht für Deine Seele hegen muss!"

Sie winkte Emmy Gray, die eben am Eingange des Schlosses erschien, und wankte an ihrem arme mit bleichen Lippen und trostlosen Augen nach ihrem Schlafzimmer.

Leonin aber liess sie dahin gehen, ohne ein mildes Wort, ohne sie zu stützen, ohne sie anzublicken oder ihr zu folgen. Er blieb unbeweglich sitzen, er durchwühlte nicht mehr den Rasendas Kains-Zeichen brannte auf seiner Stirneaber der schwache Geist hatte keine andere Rettung, als den forttreibenden Ruf der Sünde: es ist zu spätes ist Alles verloren!

Von da blieb Fennimor still und in sich gekehrt. Ihre Kräfte kehrten nicht in dem Maasse wieder, als es anfänglich zu erwarten stand. Sie sah Leonin oft an wie eine Mutter, die fürchtet, ihr Kind werde erkrankenaber sie sagte nichts mehr, der Vorwurf, dass sie ihren Herrn gescholten, den sie selbst sich stärker gemacht hatte, als Leonin für möglich gehalten, machte sie schüchtern und zurückgezogen. Ihre körperliche Schwäche unterdrückte dabei ihren lebhaften Geist; ihr Kind versenkte sie in eine Welt, unschuldig und lauter, ohne jede Störung ihres frommen Sinnes; – und so fand Leonin die augenblickliche Schonung, die er immer suchte, wenn auch zugleich keine gelegenheit, sich frei zu machen, den Absichten gemäss, die er mitgebracht.

Da unterbrach diese schwüle Luft, die um Beide wehte, ein Brief seiner Mutter, mit einer Einlage des Marquis Vieuville, welcher die Rückkehr Leonin's, Seitens der Königin befahl. Die Marschallin fügte hinzu, dass der Marquis de Souvré sich endlich habe bewegen lassen, ihn von Ste. Roche abzuholen, und ihrem Briefe voraneilen oder folgen werde, um jene Angelegenheit zu beendigen.

"Ach," seufzte Leonin auf – "jetzt muss ich fort! das ist nicht aufzuhalten, und Souvré wird das Uebrige einleiten!"

Er wollte Fennimor sogleich Alles mitteilen und ging nach ihren Zimmern; aber als er eintrat, sass sein schönes junges Weib da, so lilienweiss von Angesicht, wie die weiten, faltenreichen Gewänder, die um sie her flossen, und ihr Kind lag schlummernd in ihrem Schoosse. Sie lächelte dem Wunder dieser kleinen zarten Bildung entzückt zu und als sie Leonin eintreten sah, winkte sie ihm und zeigte ihm die kleinen, wunderbaren Fingerchen, und dass jedes ein Nägelchen habe und drei kleine Gelenke!

"Ach, Leonin," sagte sie – "und das wird späterhin denken und fühlen können, wie wir, wird Recht von Unrecht unterscheiden; diese kleinen hände werden sich einst mit Bewusstsein falten, wie die unsrigen. So wunderbar schön ist Alles auf der Erdewir haben nur das Anbeten!"

Da zog Leonin die Hand von dem Briefe des Marquis Vieuville zurück, den er vorzeigen wollte. Er wusste ihre Ruhe nicht anzugreifener musste sie schön, engelgleich finden. – Sein Kind glühte wie eine Flamme in ihrem Schoosse. Das Eis seines Herzens wollte schmelzener kniete niederer küsste das schlummernde Wesen, das ihm so nahe angehörteso menschlich ward ihm, so wehmütig! Er sollte sie verlassen, um dann den grössten Frevel an ihr auszuüben; er sollte diese sanfte, ruhige Gestalt von der Gewalt des Schmerzes überwältigt sich denken! – Es war, als ob alle seine Nerven aus ihrer Starrheit rissen. Tränen auf Tränen flossen nieder. – "Wie soll ich uns retten?" so fragte er sich zitternd. "Verurteilt zu grenzenlosem Unglücke bin ich hier und dort!" Seine Seufzer erreichten Fennimor's Ohr. – "Was ist Dir, mein Liebling?" fragte sie sanft.

"O, Fennimor," rief er mit dem alten Liebeslaute – "weine um mich, ich bin sehr, sehr unglücklich! Was ich auch tun mag, brich nicht den Stab über mich, ich werde schuldig sein; aber immer, immer noch viel unglücklicher, als schuldig!" –

Sein Kopf sank neben seinem kind in Fennimor's Schooss. Es war eine tiefe Stille. – So schweigt einen Augenblick Alles, wenn die Verurteilung über den Angeklagten ausgesprochen istdas Schicksal, das er herbeirief, ihn niedergeworfen hat. –

"Du weisst," sagte Fennimor, "ich habe mich schon ein Mal vergangen und habe Dich so gescholten, wie es mir nicht zukommt als Deine Frauund seitdem habe ich immer Angst,