obwol er auch dort weder Genuss, noch Lebensreiz erwartete. Er sagte sich daher, sein Paradies sei für ewig verschüttet – der Sinn, durch den er es einst gefunden, sei verloren, und was alle Schwächlinge tun: er gab sich auf, um fortsündigen zu können!
Wie schnell seine Gedanken auch die Vorstellungen durchliefen, die wir hier andeuteten, die Lücke des Stillschweigens war dennoch da, und er traf auf einen blick des Vikars, der ihm sagte, der kluge Mann beobachte ihn. Dies reizte seinen Stolz, und er hatte schon die Miene der vornehmen Welt gelernt, die eine Ueberlegenheit andeuten soll, die durch nichts denkt vertreten werden zu müssen und sich geschickt glaubt, die Anforderungen bloss menschlicher Rechte, die ihnen unbequem sind, damit zurückzuweisen, als über die Grenzen ihrer besonderen Bevorrechtung streifend.
"Herr Vikar," sagte er mit dem dazu passenden Tone, "ich werde Ihnen Ihre Weisung darüber zusenden – richten Sie das ein, was ausserdem nötig."
"Das werden zwei Zeugen sein," erwiderte dieser kalt. "Haben Euer Gnaden darüber bestimmt?"
Leonin biss sich in die Lippen – er musste wieder entscheiden! "Nun," sagte er, indem seine Gedanken im Fluge alle diesem kleinen Kreise angehörigen Personen durchflogen, "Mademoiselle Veronika und der Arzt werden vielleicht diese Ceremonie vervollständigen, ich werde Beide persönlich darum bitten."
Der Vikar neigte kaum merklich sein Haupt, und der junge Graf enteilte dieser peinlichen Unterredung.
Aber er wagte nicht zu der Stelle zurück zu kehren, wo Fennimor ihr unschuldiges Haupt mit lieblichen Träumen ihres Glückes wiegte. Er eilte in die Wälder, die in ihrer duftenden Juli-Fülle den Verirrten zu fragen schienen, ob er ein Recht habe, sich in ihrem Bereiche unbefriedigt zu fühlen. Aber er sah und empfand ihren schönen Anspruch nicht. Bisher war er untätig zum Bösen fortgetrieben worden; jetzt zuerst sollte er selbstständig aussprechen, was er so lange sich selbst abläugnend um sich her geduldet hatte. Er fühlte sich in einer Zerrüttung, es ruhte eine Bürde auf ihm, die unleidlich schien; – und der ewig gelenkte und bevormundete Jüngling war in einer Erbitterung, selbst entscheiden zu müssen, welche ihn hätte warnen können, da sie vielleicht der letzte Versuch seines guten Engels war, ihn aufzuhalten.
Als er später, wie gewöhnlich, an Fennimor's Lager trat, war die Entscheidung in ihm vollendet. Kalt und ruhig blickte er auf sein Weib und das schlummernde Kind an ihrer Brust – er fühlte innerlich, dass er sich von ihnen geschieden hatte; und in dem Maasse, wie er vor der Grösse seines Frevels erbebte, in dem Maasse erkältete es ihn gegen die Gegenstände desselben. Fennimor lag in einem Fieberschauer, ihrem Zustande gemäss, der auch die Gestalt des Lieblings verhüllte; er berührte das Kind nicht, was Emmy Gray ihm übergeben wollte, und fragte nur kurz und trocken, ob sie mit dem Vikar Verabredung genommen habe. Er wollte sich verhärten, um der Reue zu entgehen, und erfuhr das Schicksal aller schwankenden, unentschlossenen Menschen. – Einmal zum Handeln gezwungen, überholte er sich selbst und steigerte seinen Vorsatz über das erforderliche Bedürfniss! –
Als am andern Morgen der Vikar vor den Stufen des Altars den Grafen um die Namen des Kindes befragte, rief derselbe mit kalter, lauter stimme: "Reginald Crecy von Ste. Roche." – Der Vikar hielt einen Augenblick inne; dann sagte er, ohne es in die Taufformel einzuschliessen, indem er den Grafen fragend ansah: "Reginald, Graf von Crecy?"
"Reginald, Crecy von Ste. Roche!" unterbrach ihn der Graf mit jähem Wechsel der Farbe, indem sein Auge starr und zornig auf dem jungen Geistlichen haftete. –
Nach einer Pause schloss der Geistliche mit diesem Namen die Ceremonie.
Kaum war sie vorüber, so eilte der Graf auf das Kirchenbuch zu, nahm selbst die Feder und schrieb den Namen ein. Als die Zeugen unterschrieben, sahen sie, dass der Name Crecy unter den Vornamen stand, Ste. Roche als Familienname.
Keiner sprach einen Glückwunsch. Der Graf blieb in stolzer Abgeschlossenheit stehen, bis Alle unterschrieben hatten; dann verliess er plötzlich die Kapelle, und der beraubte und entehrte kleine Täufling ward, von Niemandem begleitet, nach dem alten schloss zurückgetragen, das ihm eben seinen Namen hatte leihen müssen, von dem mann beraubt, dessen Herz sich zu verhärten begann, wie die Steinmassen, die ihn aufnahmen.
Weder Emmy Gray, noch Fennimor erfuhren, was geschehen war. Emmy verliess ihren Liebling nicht, und die Wärterin, eine völlig unwissende person, hatte keinen Anstoss gefunden, den sie hätte verraten können. Veronika aber, ihr Bruder und der Arzt gelobten sich Schweigen, um nicht voreilige Erschütterungen zu veranlassen.
Fennimor verliess jetzt das Bett, und die schönste Jahreszeit machte es möglich, dass sie unter den Schatten der Bäume getragen werden konnte, das holde Kind im Schoosse, das noch schlafend sein kleines Leben einhüllte, von der Liebe behütet, die ahnend in seine Bedürfnisse eindringt.
Wo konnte man ein vollständigeres Bild dieser aufhorchenden Liebe finden, als in Fennimor! Wie schön war diese sanfte. blasse, kindliche Mutter mit dem unnennbaren Zauber der seligsten Befriedigung! Die Harmonie ihres inneren ruhte in jedem zug, in jedem laut ihrer stimme; kein Gefühl trat vor dem andern vor; ihre Liebe zu Leonin war die Liebe zu ihrem kind – Gott, die natur