ihrer sogenannten Religion geneigt sein, da, wie ich höre, in diesem protestantischen England sie die Ehen schliessen und wieder auflösen lassen vor einem Gerichtshofe, welches denn beweist, was von solchen Verbindungen dort zu halten ist."
Da die Marschallin sah, wie ihr Sohn bei diesen Worten litt, und ihn jetzt zu keiner Verteidigung reizen wollte, fügte sie milder hinzu: "Ich will nichts wissen von den Einrichtungen, die Du vielleicht triffst, um Deinem weichlichen Gefühle zu hülfe zu kommen. Ste. Roche ist ein Aufentalt, der Dir allein gehört – Niemand Deiner Familie wird ihn je aufsuchen – die Revenuen erlauben Dir jede Freigebigkeit, und ist diese person durch eine Art Scheidung, nach ihren Begriffen, von Deinem Namen und allen damit verbundenen Ansprüchen für immer getrennt, wird es Dir zustehen, sie in eine sorgenfreie Lage zu versetzen. Doch vergiss nicht, dass Dein Name durch keinen Andern sich fortpflanzen darf, als durch die Kinder, die Dir eine ebenbürtige, rechtmässig kirchliche Verbindung gibt."
Wir müssen es mit Schmerz eingestehen, dass Leonin die Ausführung dieser Vorschläge möglich fand und sich damit erleichtert hielt, seinem unsicheren, willenlosen Umhertappen gegenüber. Die alten Vorurteile warteten nur auf die ihnen bequeme Stimmung, um sich sogleich zu Beherrschern zu machen, und was noch unvollendet blieb, kam in die hände des Beichtvaters, der nur zu bald mit dem Gewissen Leonins fertig ward und, einer Ketzerin gegenüber, keine bindende Verpflichtung zugestand.
So vorbereitet, trat Leonin die Reise an, und mit diesem Hintergrunde finden wir ihn zu Fennimors Füssen, seinen Sohn im arme!
Und dennoch war er kein Heuchler! Dennoch hatte er keine Lüge gesagt, als Fennimor Alles hörte, was ihr Herz beglücken konnte. – Ja, um so weniger war er es, da dies vielleicht das eigentliche Leben war, wozu die natur ihn bestimmt, und daher sogleich sein ganzes Wesen entgegen kommend fand, von allen Anklängen seines sanften, weichen Karakters unterstützt. Die natürliche Richtung der Menschen bricht sich immer von Zeit zu Zeit Bahn, wie das eitle Leben auch ihre Fähigkeiten entkräftet, da sie keinen Wert haben bei Erstrebung ehrgeiziger Zwecke, und es ist gewiss vor Allem diesen heiligsten Empfindungen, die Gott der Elternliebe verliehen hat, und die auch das starrste Herz mit einem warmen Strome nie gekannter Wonne durchdringen, vorbehalten, den natürlich besseren Zustand des Menschen hervor zu rufen.
Dessen ungeachtet dürfen wir Leonin nicht mehr mit dem glücklichen Jünglinge verwechseln, der in Stirlings-Abtei diese edlere Seite des Lebens aufzufassen vermochte. Er taumelte dem neuen Gefühle wie ein Trunkener in die arme; aber die Verhärtung des Herzens, die so leise und heimlich von der eigenen Mutter bis zu ihm geleitet war, hielt das letzte grosse Mittel der natur, ihn bis auf den Grund zu reinigen, in seinem Einflusse auf und liess ihm eben keinen andern Eindruck nach, als den eines Trunkenen. Es blieb ein vorübergehender Zustand; er dachte, sich ernüchternd, daran, ihm keinen Einfluss zu gestatten auf die ihm mitgegebenen Pläne seiner Mutter, und war nur bereit und mit wahrem Eifer erfüllt, dieselben so liebevoll und schonend auszuführen, als möglich.
Fennimor's Einfluss auf ihn, das einzige, was ihn hätte erschüttern können, war durch die Zurückgezogenheit gebrochen, in welcher die Pflege ihres Zustandes sie hielt. Mit andächtiger Strenge ertrug sie die Qual einer Pflege, die ihr Schweigen, ihr Lager und das verhängte Zimmer gebot; und so wurde Leonin oft von ihr getrennt und ihrem Zauber entzogen, den sie nur entwickeln konnte, wenn sie umher wandelnd die Dinge um sich her mit ihrem eigentümlichen geist belebte. Dazu kam, dass der Gegensatz dieses Lebens zu dem eben verlassenen so ungeheuer gross war, dass auf die fieberhafteste Aufregung, die dort seine Tage belebt hatte, jetzt eine Abspannung eintreten musste, die er nicht der vorangegangenen Extase, sondern dem jetzigen, ihm trostlos leeren und gehaltlos erscheinenden Leben zuschrieb, welches allerdings durch Fennimor's Zurückgezogenheit seines Hauptimpulses entbehrte. Er hatte in der daraus entstehenden Einsamkeit Zeit, sich zu wiederholen, dass er hier nicht mehr leben und glücklich sein könne – und es war vorläufig Alles, was er für Fennimor in sich erhielt, dass er bedauerte, sie nicht von Verhältnissen trennen zu können, die ihm jetzt niederbeugend schienen, nachdem er gelernt hatte, das äussere Leben über das innere zu stellen.
Bald nahte der Augenblick, der ihn zuerst zwang, seine bedingte Stellung zu seinen jetzigen Verhältnissen anzudeuten. Der Vikar erinnerte nämlich nach dem vierten Tage, dass die Taufe des Neugebornen nach den Vorschriften der Kirche nicht länger verschoben werden könnte, und Leonin war dazu mit eben dem Leichtsinne bereit, wie er sie ohne Erinnerung vergessen haben würde. Er bat den Vikar, darüber mit Emmy Gray die Verabredung für den nächsten Morgen zu nehmen, und wollte sich eben beurlauben, als der Vikar ihn um die Namen bat; da er noch heute das Kirchenbuch ausfüllen wolle, um in der Kirche dann die Unterschriften erfolgen zu lassen.
Vor dieser Erinnerung blieb der junge Graf, wie vom Blitze getroffen stehen! Der Trost jedes schwachen, unmännlichen Treibens, das Verschieben, das Hinhalten der Zustände, wie sie uns noch schonen und zu keiner Entscheidung zwingen, war ihm damit plötzlich entrissen – und wir dürfen ihm die Gerechtigkeit nicht versagen, dass er vor der Grösse des nächsten Schrittes erbebte und seinen Inhalt fast mit Verzweiflung erkannte.
Aber ihm war keine Rückkehr mehr denklich,