Eule, der Herzogin Schwiegermama, wie er in lustiger Laune die Mutter Viktorinens nannte, die Reverenz machen – "und ist Deine Liebste dort, dann soll sie einen Kuss haben, so wahr ich Marschall von Frankreich bin!"
Es wäre eben so möglich gewesen, den Strom der Seine rückwärts fliessen zu lassen, als den Marschall aus seinem, ihm von seiner klugen Gemahlin angegebenen Gedankenstrom zu lenken. Leonin machte einige vergebliche Versuche dazu; da sie jener aber lachend und tobend ganz überhörte, sicher, er könne nur erfahren, was in diesen Ideenkreis hinein passe, riss sich Leonin endlich, fast wahnsinnig über seine Lage, von seinem Vater los.
"So gehe denn, mein Kind, und komme bald wieder! Es ist mir zwar nicht Recht, dass Du jetzt das alte Nest Ste. Roche besuchen willst, und ich verstehe nicht, wie sich das mit Deinem schuldigen Respekte gegen die Majestäten und Deine Braut verträgt. Da es aber Deine Mutter billigt, der man in solchen Fällen wohl trauen darf, und Seine Majestät der König es in den Mund nahm, so habe ich Nichts zu erinnern; – auch denke ich, man wird ums wiederkommen nicht sehr zu bitten haben. He, mein Junge, das muss man sagen, sie haben Dir eine gute Partie gemacht – die alte Eule von Mutter ist eine Schwester des Herzogs von Reetz, und die Lesdiguéres werden herankommen an die Crecy und Soubise!"
Länger ertrug es Leonin nicht. Todeswund stürzte er sich in die arme seines Vaters. Der Marschall nahm sein undeutliches Gemurmel für Abschiedsworte, küsste und herzte und entliess ihn, seinen in Juwelen gefassten Ehrendegen aus der Hand des Kammerdieners nehmend und ihn mit geheimer Lust in das goldene Gehänge steckend.
Leonin stürzte dagegen durch die Gemächer, die zu den Zimmern seiner Mutter führten, und wer ihm begegnete, wich ihm aus und sah dem glücklichen Erben, auf dessen Haupt sich so viel Ehren häuften – denn seine Anstellung und Verlobung war Allen bereits mitgeteilt – voll Erstaunen nach, fürchtend, eine plötzliche Krankheit habe ihn ergriffen. Er sah den Türsteher seiner Mutter, der ihn melden wollte, nicht, er drückte mechanisch die Tür auf, er erreichte ihr Kabinet und stand vor ihr, als sie eben die schwere Sammet-Robe abwarf; denn sie kam von dem Lever der Königin, welche die Anwesenheit der Marschallin benutzte, um der Königin Mutter, den Prinzessinnen und diesem höchsten Kreise Mademoiselle de Lesdiguères als die verlobte Braut des jungen Grafen von Crecy-Chabanne vorzustellen. Sie kehrte zurück mit der stolzesten Selbstzufriedenheit, mit dem Gefühl, ihr Ziel erreicht zu haben – und indem sie sich umwendete, erblickte sie Leonin, und ein nie gekanntes Erbeben erschütterte ihren ganzen Körper; denn es war, als ob eine Donnerstimme ihr zuriefe: "triumphire nicht zu früh – e r wird das Opfer!" – Doch war sie stets schnell gefasst. Ein Wink entfernte die Kammerfrauen; – und als sie eigenhändig das Vorzimmer verschlossen hatte, war ihre ganze Selbstbeherrschung zurück gekehrt, und in sich hinein sagte sie: "jetzt keine Schwäche, er ist ja der Augenblick, den Du längst erwartet!"
Sie hatte diese Ermahnung nötig; denn als sie wieder eintrat, ging Leonin mit seinem todtenähnlichen Antlitze ihr entgegen und sagte mit leiser, heiserer stimme und einem Ausdruck der Augen, der ihren Herzschlag aufhielt: "Retten Sie mich, Madame! Retten Sie mich!" Er wiederholte diese Worte so oft, so gleich schrecklich im Tone, dass sie glaubte, er sei wahnsinnig geworden.
"Vor allen Dingen komme zur Besinnung, mein Sohn!" sagte sie, vergeblich bemüht, ihrer stimme Sicherheit zu geben. – "Du bist in einem Grade überspannt, der Dir die richtige Ansicht Deiner Lage unmöglich macht. Fasse Dich und habe Vertrauen zu mir; wir werden, in Uebereinstimmung handelnd, Alles beseitigen, was Dich überwältigt und quält."
"Nein, nein, Madame," fuhr Leonin in demselben Tone fort – "es kann nicht möglich sein – ich bin nicht zu retten! Entweder hier entehrt vor dem Könige, vor allen Menschen – oder dort vor Gott und mir selbst! Es ist nicht zu vereinigen, ich muss das Opfer werden!" –
"Lassen Sie mich diese Sprache nicht hören!" sagte die Marschallin – "mein Herz hat keine Nachsicht mit unmännlichen Empfindungen. Sie sind augenblicklich gerettet, wenn Sie anerkennen, welche hohe, ehrwürdige Verpflichtungen Ihnen Ihr Rang, als einem der ersten Untertanen unseres erhabenen Königs, auferlegt. Sie gehören sich selbst nicht mehr an, kein Mensch hat ein Recht an Sie von dem Augenblicke an, wo der König über Sie verfügt; – Alles ist Nebensache – k a n n und m u ss beseitigt werden zu Gunsten dieses e i n e n , höchsten Zieles! – So, mein Sohn, denken alle, welche die Ehre haben, Franzosen – Untertanen des ersten Königs der Erde zu sein. – Doch, vor Allen denken so die hohen Vasallen der Krone, die Stützen des Trones – die Crecy-Chabanne, die Rohan, Soubise, Montmorency, Latour d'Auvergne und ähnliche erlauchte Personen. Ist eine Jugendtorheit in ihren Lauf gekommen, so wissen Sie, dass keine der Art so hervortreten darf, dass sie diesen angestammten Verhältnissen den kleinsten Schatten geben könnte; und da Sie nur e i n e Pflicht haben d ü r f e n