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Erscheinungen böse fänden, und Gott, der die Herzen sieht, allein wisse, ob sie so Viel verschuldeten, als es den Anschein habe.

"Sieh'" sagte sie, "wenn ich nehme, als welch' ein böser Sünder Du Andern hast erscheinen müssen, so kann ich mich recht daran beruhigen, da Dir Gott doch dabei so viel Reue und so viel Gutes erhalten und Dir die Gnade, ein Künstler zu sein, nicht entzogen hat, vielmehr Dein Herz innerlich immer in Wehmut schweben blieb über Dein äusserliches Verschulden. So wird es nun überall sein! Wir müssen nur immer bedenken, dass Gott Alle gleich liebt, Alle seine Kinder sindda weiss er also als Vater, wo es ihnen steckt, wo er sie heimsuchen mussund wir dürfen eigentlich gar nichts dabei haben, als still zusehen, wie er sie leiten wird, und müssen sie lieben, bloss darum, weil sie zu Gott gehören."

Lesüeur staunte mit wahrer Andacht dies lebhafte Bedürfniss Fennimor's an, das Böse zu annulliren. Er hatte das Gefühl der Jugend vergessen, das sich von jedem Eindrucke frei zu machen sucht, der dem Glückke widerstrebt, den Menschen vertrauen zu können; – und als er sie auf diesem Wege wieder zur Heiterkeit zurückkehren sah, glaubte er, der Himmel müsse ihr Leben behüten und beglücken, eine solche Frömmigkeit zu belohnen.

Wir werden daraus die Stimmung erklärt finden, in der Lesüeur nach seiner Genesung und nach Vollendung beider Bilder bei Leonin eintraf, und die eben so schnell gefassten Hoffnungen, derselbe werde ihr gerecht werden.

Nach Lesüeurs Entfernung hätte die Einsamkeit auf Ste. Roche hervortretender scheinen können; – aber Fennimor glitt mit dem süssesten Lächeln heimlicher Lust über den blumigen Rasen, durch die lichten Schattengänge, und war in ihrem geheimen Einverständnisse nicht mehr allein, sondern von tausend unnennbaren Freuden umgaukelt, als ob Engel vom Himmel zu ihr niederstiegen zu Spiel und Scherz! Sie hatte sich lieb und hielt sich hoch und stellte sich im geist hin vor Leonin als die reichste und schönste Gabe, die sie nun so sicher durch sich für ihn bereitet glaubte. Dann stieg sie in das Tal hinab in das kleine Haus des Vikars, wo Veronika, die stille nonnenhafte Jungfrau, in Schönheit und Jugend prangend, neben dem jugendlich rüstigen Vikar waltete. Wenn die Geschwister sie daher kommen sahen, schwebend fast und leise und vorsichtig, als behütete sie einen Schlummernden und sie Beiden die schlanke weisse Hand reichte, und das Engelslächeln und der leuchtende blick auf Beide ihnen immer wieder aufs neue ihr Glück erzählteimmer wieder die neue Antwort der Anerkennung zu begehren schien, dann sagte der Vikar oft, wenn sie wieder heim gegangen: "zur heiligen Jungfrau wird immer noch die Frau, die ihre Umwandlung als eine göttliche Verkündigung seiner heiligen Gemeinschaft empfindet!"

Gewiss war es, sie hatte fast keines Menschen nötig! Sie war gern bei den Geschwistern und bei Emmy Grayaber lieber fast noch mit sich allein, und selbst Leonin hatte nicht mehr den ersten Platz; "denn," sagte sie zu sich, "Gott hat seine heil'ge Werkstatt in mirda muss alles Andere weichendas kann ich recht fühlen, wie er allein sein will bei mir!"

Mit Lesüeur's Hilfe noch hatte Emmy Gray neben Fennimor's Schlafzimmer einen kleinen Raum benutzt, der nach dem Garten sah, und mit den reichen Stoffen, die Leonin zur Ausschmückung der Zimmer gesandt, zu einer anmutigen grünseidenen Laube umgeschaffen, worin sich nach und nach die kleinen lieblichen Gegenstände sammelten, deren verringerter Maassstab unser Herz mit Lust und Rührung erfüllt und die sehnsucht nach dem Anblicke des kleinen Wesens steigert, das dies Alles beleben soll mit seiner anmutigen Erscheinung.

Wenn ihr Emmy sagte, dass die Zeit nahe sei, die ihr die Erfüllung bringen würde, erbleichte sie vor andächtigen Schauern und wünschte dann wieder, Leonin bliebe aus, bis sie das Segenszeichen im arme trüge. Das wünschte Emmy nicht. Noch hoffte sie auf Lesüeur's Einwirkung; und dann sollte er auch die Weihe als Vater durchempfinden durch die Last der Angst um die schweren Stunden seines Weibes! Da sah sie, wie eines Morgens Fennimor's Wangen dunkler glühten und sie nicht in das Tal hinab stieg, sondern auf dem sonnigen Sitze am fuss des EudoxienTurmes ausruhte, wo sie den Weg in das Tal übersah; – und als sie zu ihr trat, war sie am frühen Morgen schon wieder eingeschlafen, der Atem war kurz und beklommen, der Mund glühte, und zuweilen stieg ein schmerzlicher Seufzer herauf. Da wendete Emmy Gray schnell den Schritt zurück, und bald erreichte ein Bote den geschickten Arzt des kleinen Fleckens Ste. Roche, mit der Weisung, seine wohnung in dem schloss aufzuschlagen. Emmy blieb aber, ein treuer wachsamer Hüter, zu ihren Füssen sitzen, und Fennimor schlug nach kurzer, ungleicher Ruhe zu der Gefährtin die Augen auf.

"Ich sah es!" rief sie und drückte entzückt die hände zusammen. – "Ganz deutlich sah ich es! So klein und rund ist es, und seine Aeuglein sind wie Sterne! – Ach! Emmy, nun muss Leonin bald kommen; denn ich werde eifersüchtig, dass ich all das Glück allein geniessen soll!"

"Ja, ja," sagte Emmy – "er könnte wohl hier sein, wenn Euch die Stunde schlägtder Vater gehört zum ersten Grusse für sein Kind