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viel nachdenken; denn sie wollte das, was sie nicht mehr läugnen konnte, doch gern in Ordnung bringen, um Gottes Welt zu retten, wie sie dachte, damit auch das Böse seinen Platz bekäme zu irgend einem guten Zwecke, da dies doch notwendig sein müsse, wenn man auch zuerst so sehr darüber erschrecke und erstaune. Oft nahm sie Lesüeur in Rat, der seine längst verloren gegangene und vergessene Unschuldsseele mit heisser sehnsucht um ihretwillen wieder suchte; und wenn er hörte, wie scharfsichtig, wie tief denkend das Kind bloss aus Liebe zu Gott sich bestrebte, die Angelegenheiten der Erde zu ordnen und zu erklärenhätte er sie zum lauten Predigen in der Wüste des Lebens auffordern mögen. Denn Offenbarungen des Höchsten schienen ihm ihre Worte, und hätte er nicht ihren strengen, aufrichtigen Tadel gefürchtet, auf seinen Knieen hätte er ihr zuhören mögen. – Dagegen dachte Fennimor, wie herrlich ihr Leonin sein müsse, von der bösen Welt umgeben, die er ertrüge um Gottes Willen, und um die schöne heilige Welt, der er zugehörte, dort zu zeigen und zu schützen vor der fremden. "Aber mir wäre es lieber," dachte sie, "ich bliebe daraus weg, und mit Leonin käme die schöne edle Mutter, der liebe alte Vater und Louise hieher zu uns; denn wir sollen doch keine Versuchung aufsuchenalso, was tun sie dort, wenn sie es hier besser haben können. Die hat auch Gott nicht zum Streite dortin berufen, denen er zwei Stellen auf Erden gegeben, wo die eine ihm so viel näher ist! Nur, wenn Leonin es will, dass ich ihm folge, darf ich hier fortfreiwillig muss ich nicht gehendann aber ist es wieder Gottes Gebot, weil Leonin mein Mann ist!"

Wie erstaunte Lesüeur über die sichere Berechtigung, die sie zu ihren Verhältnissen fühlte, da er der untrüglichsten überzeugung war, wie keines der Rechte, die sie ruhig zu besitzen glaubte, in der Welt eine Geltung haben würde, welche sie mit Recht zu berühren fürchtete. "Gott," rief er oft, wenn er allein war, die hände ringend – "wenn Leonin sie auch verliesse, wenn sie auch an ihm den Anhalt verlöre und den Glaubenwie nur zu gewiss die Eltern gar nicht für sie existiren!"

Auf diesem Wege fand sich nach und nach eine natürliche Annäherung zwischen ihm und Emmy Gray. Beide hofften Manches von einander zu erfahren, und die sorge um Fennimor erhob dies gegenseitige Forschen zu etwas Edlerem, als Neugierde.

Emmy Gray lockte bald aus Lesüeur heraus, was ihre argwöhnische Seele schon voraussetzte, und was ihm unter so entgegenkommenden fragen unmöglich ward, zu verbergen. Von da an hielt sie den Abgott ihres Herzens für verloren, und der Welt nur noch bitterer grollend, schien sie sich bald der einzige sichere Anhaltspunkt für Fennimor. Sie erfasste diese überzeugung mit einer Energie und einer Belebung ihres Geistes, die ihrer besonderen Befähigung trotz des Mangels der Bildung zuzurechnen war; und wenn ihre Gemütsart nur finster und herrschsüchtig sein konnte, trat sie doch, von einem edlen Stolze unterstützt, würdig genug hervor.

"Lasst Ihr noch das Wiegenlied ihrer Hoffnungen, womit sie sich jeden Abend selbst einsingt," – fuhr sie finster hinstarrend zu Lesüeur fort – "seht, wie sie heiter aussiehtNichts kann ihr mehr begegnen, glaubt siesie ahnt auch nicht einmal, dass es etwas zu fürchten für sie gibt! Dass ein Mensch zu Zweien sein kann, wie der gottlose Herr Graf, dass er hier ihr Grab ausschmücken kann mit seinem goldnen Tand und doch ihr Herz brechen will und seinen Weltgötzen dienen, davon weiss sie nichts! Und wer möchte es ihr sagen? Gott wird die Stunde wissen, die s i e brichtaber auch jene mit dem schrecklichsten Fluche der Menschheit Beladenen zu jeder Qual der Hölle verdammen wird, die Gott dem erwachten Gewissen vorbehält!" –

Nach der Vollendung des ersten Bildes erkrankte Lesüeur bis zum Niederliegen. Fennimor teilte Emmy's Pflege persönlich, so viel es ihre Lage ihr erlaubte, und rastete besonders nicht, für seine Seele zu sorgen; da die Krankheit mit ihren trüben Schleiern und den bittern Tropfen, die sie dem kranken Blute beimischte, wieder nieder zu werfen schien, was Fennimor in ihm schon aufgerichtet glaubte. Was Beide da eintauschten, war nicht von gleichem Werte. Das Leiden machte den von der Welt und ihren egoistischen Berechtigungen verwirrten Lesüeur rücksichtsloser in seinen Aeusserungen. Er wünschte den Zustand seiner Seele, den sie so ernstaft tadelte, durch die Schilderung der Versuchungen zu entschuldigen, welche die Welt ihm geboten; und so rollte sich bei seinem Eifer, sie von der Schwierigkeit, sich rein zu erhalten, endlich zu überzeugen, ein Bild dieser Zustände vor ihr auf, das sie in seiner verderbten Ausdehnung kaum zu fassen vermochte.

Zu spät erkannte er an ihrem maasslosen Schmerze darüber, was er verbrochen, und bestrebte sich nun um so aufrichtiger, durch seine eigne Hingebung an ihre Ermahnungen, ihre Seele zu trösten und zu erquicken.

Doch vermochte er nicht mehr ihre bis jetzt in harmonischem Gleichgewichte schwebende Seele von dem herben, schmerzlichen Nachdenken zu befreien, in welches der erste unausgleichbare Widerspruch der inneren Welt zur äussern, die Seele in der Jugend versenkt. Nur ihre glaubensvolle Festigkeit erhielt sie und richtete sie wieder auf; – und endlich war sie sicher und einig darüber, dass vielleicht nur kurzsichtige Menschen diese