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und ohne den Willen dieser kleinen Heuchelei, liess er sich von ihr, als der hülfe bedürftig, leiten. – Wie drang sie dann in ihn, als sie ihn für erfrischt und gestärkt hielt, ihr von all' den Wundern zu erzählen, von denen sie seine Seele erfüllt glaubte; und wie andächtig, scheu und ehrerbietig behandelte sie ihnwie festlich und schön liess sie Alles für ihn bereiten, so froh der Ehre, mit einem Künstler zu leben!

Und Lesüeur war in eine Welt der Ideale getreten, deren Dasein er nicht für möglich gehalten hatte. Was von der Geltung, dem Berufe des Künstlers die Blütenzeit seines Lebens als süsser Traum umgaukelt hatte, und den Raum des Entstehensden heitern Boden der Phantasie nicht verlassen durfte, um es nicht an der Aussenwelt verflüchtigt zu sehendies ward ihm hier mit einem Ernste als Erwartetes, Wirkliches, Begehrtes abgefordert, und fand Raum und Existenz unter Umständen, die selbst einem Wunder glichen, aber dennoch Wahrheit waren. Unter dem schuldlosen Betasten dieser Kinderseele fand er die K ü n s t l e r s e e l e wiederihre Träume und Entwürfe, ihre Absichten und ihr ganzes heiliges Selbstgefühl durfte er wieder erwecken, eingestehen! Ja, er musste sich mit dem ganzen Schmucke bekleiden, damit sie ihn erkannte für das, was sie in ihm suchte.

Vor ihrem Bilde mit einer Begeisterung malend, wie einst St. Lukas vor der heiligen Jungfrau, fühlte Lesüeur dennoch die Sonne des Lebens immer tiefer sinken; – aber täglich sagte er sich: "es sei! Ist diese letzte Zeit meines Lebens doch die Erfüllung des ganzen Vorangegangenen! Weiss ich doch jetzt, dass die grosse, heilige Bevorrechtigung, ein Künstler zu sein, kein Gespinnst meines erhitzten Gehirns ist, dass es sich erfüllt findet in Anerkennung und freudigem Festalten da, wo die Seele der Menschen noch das unschuldige Auffassen behalten hat, das ohne den Conflikt mit der Welt die Wahrheit erkennt." – Aber wie war Fennimor dagegen erstaunt, dass ein Künstler von Gott hatte abfallen können, wie sie es nannte, und ein wahrer Heide werden, der viele kleine Götter anbetete, die ihn sein Herz in der Welt hatte suchen lassen – "und natürlich," sagte sie, "daran zu grund geht in Missmut und Bitterkeit. – Denn, wie sollten sie Dir treu bleiben, da Du den allein Treuen um sie verlassen hast? Hättest Du Gott vor Augen gehabt, was hätte Dir Lebrun wohl tun können, als liebes und Gutes durch seine herrlichen Werke, wie Du selbst von ihm rühmstund hättest Du die rechte Liebe gehabt, so hättest Du auch den rechten Frieden bekommen!"

Mit protestantischem Ernste griff sie sein mattes, inneres Treiben an, was, leidlich zur Ruhe gesprochen von äusseren Gebräuchen und Hülfsmitteln des katolischen Priestertums, ihm keine Heilung der Seele geben konnte; da es ihn fern hielt von strenger Selbstrechenschaft, die, in das Formenwesen von beichte und Absolution hinüber gezogen, ihn ganz von der Möglichkeit entfernt hatte, auf dem Wege der Religion sich mit der Welt wahrhaft zu versöhnen.

"Was kann Dir denn das helfen, wenn ein Mensch Dich absolvirt," sagte sie eifrig – "weisst Du nicht, dass Keiner ohne Fehl vor Ihm befunden ist? Warum tust Du nicht nach Gottes Geboten, der eben durch seine Offenbarung in Christo Dir sagt, Du sollst Ihn anbeten im geist; denn er ist ein Geist! Du bist getödtet durch Deine Priester, die sich zwischen Dich und den Geist Gottes drängen; denn das Fleischdas heisst, ihr fleischlich Worttödtet! Der Geist allein macht lebendig! Siehst Du nun wohl ein, welche Sünde es ist, die Andacht aus den Händen zu geben und träge zuzusehen, was Dir Andere zurecht machen und Dir davon überlassen nach ihrer sündigen, menschlichen Einsicht? Ja, das sollte uns schon gefallen, wenn es so leicht abgetan wäre! Wir aber, wir Protestanten, die wir nach der Lehre Christi leben müssen, wie die Evangelien sie lehren, wir wissen, dass es keine andere Rechtfertigung vor Gott gibt, als im Glauben an unsern Heiland, durch den wir alsdann die Kraft empfangen, die Sünde von uns abzuhalten und der Vergebung teilhaft zu werden, die er Allen verheissen, die an seine Versöhnungskraft glauben. Wie kannst Du Dir also weiss machen lassen, ein Priester, der so gottlos ist, sich für d e n auszugeben, der Gottes Gewalt an Dir erfüllen könnte, also ein Gott selbst sein müsste, könnte Dir sagen: Deine Sünde sei Dir vergeben!"

Dann erzählte sie ihm von Ihrem Vater, wie demütig er vor Gott gewesen und Alles an ihn verwiesen habeund von der Scheu vor sich selbst, die allein zu ihm führe.

Während dem malte Lesüeur seine Lehrerinund kaum hatte er einen Entwurf beendigt, so begann er schon den zweiten. Hundert Mal glaubte er sie malen zu können, immer neu, immer sie selbst und das grösste Wunder, das ihm vorgekommen. – Dann las sie ihm mit ihrer Engelstimme die Evangelien vor, die er nie gehört, und vor deren heiligem geist er den ersten Schauer der Andacht fühlen lernte, der bis dahin seinem Leben fremd geblieben war.

Beide führten so ein lebhaft angeregtes Leben; – in Fennimor aber tauchte eine Ahnung der verderbten Welt auf, die ihr bis dahin fremd geblieben war, und sie musste