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schob sie sanft zurück, "Du musst mich voran lassen! ich zeige Dir den Weg." Dies war in der Tat nötig, denn eben bog der Fusssteig, den sie bisher verfolgt, auf eine Art ab, die ihn fast verschwinden liess. Abermals blieb Miss Eton schaudernd stehen, gewiss, er glaube nur in seinem Wahnsinn an einen hier vorhandenen Wegaber nur noch wenige Schritte, und sie sah ihren Irrtum eineine kleine Wendung zeigte ihr den Moossitz, von dem aus eine mühsam behauene Treppe mit kleinem Holzgeländer nieder stieg. Er bat sie nun, auszuruhen; geduldig nahm Miss Eton den Sitz ein, und hart zu ihren Füssen setzte sich der Unglückliche auf die Treppe vor ihr nieder.

Obgleich die Umstände, unter denen Elmerice hier ausruhen musste, wenig geeignet waren, einen Anteil an Naturschönheit zuzulassen, musste sie doch wahrnehmen, wie ausgezeichnet dieser Punkt gewählt war. Die Fichtenwand war hier von Oben nach Unten durchbrochen, und in diesem schmalen schwarzen Vorgrunde schloss sich, wie in einem Rahmen, die blaue Ferne ein, die in dem gebrochenen Lichte der in Nebel gehüllten Abendsonne wie ein unabsehbares Meer ausgebreitet lag, und das Auge nach den kolossalen Steinwänden zurückzog, die, halb mit Moos überwachsen, halb ihre eigentümliche gelbrote Farbe zeigend, den Mittelgrund bildeten, während unten das helle Grün des Tales mit dem silbernen Streifen des kleinen Baches herauf leuchtete. – Schweigend starrte der Unglückliche gleichfalls in die Gegend, und wie es schien, wirkte das Ausserordentliche dieses Anblicks auf ihn: denn Stille, müde Ruhe verbreitete sich auf seinem Antlitz und schien ihn in ein glückliches Selbstvergessen einzuhüllen.

Miss Eton, immer den Gedanken verfolgend, ihn in Güte zu entfernen, und wahrhaft über den Weg in sorge, den sie vor sich jäh in den Abgrund steigen sah, von dem nahenden Abend doppelt besorgt gemacht, erhob sich wieder und sagte, so ruhig sie vermochte: "Die Treppe ist zu steil für michich will den Weg zurückgehen, den ich gekommen, und bitte Euch, dass Ihr mir folgt."

Der Jäger sprang auf und schien Alles vergessen zu haben, seinen Wahn, seine Hoffnungen. "Lasst mich," rief er ängstlich, "folgt mir nicht! Niemand soll diese Treppe betreten, als Jennyund sie ist tot, längst tot! und Alles ist umsonstAlles vergeblich! Ach, Alles! Alles!"

Aufs Neue fühlte sich Miss Eton erschüttert von diesem Schmerzenstone, von dem Unglück des armen Wahnsinnigen gerührtaber die Hoffnung, ihm jetzt vielleicht entschlüpfen zu können, überstieg doch jedes andere Gefühl. Sie eilte daher hinter ihm fort, den eben verlassenen Weg zurück. Der Jäger blieb noch einige Augenblicke in Gedanken stehenals er, sich plötzlich umwendend, Miss Eton wieder erblickte. "Jenny, teure Jenny!" rief er, sich ihr nachstürzend – "jetzt, jetzt eile Dich! Es ist heute' unser HochzeittagDu weisst, wir müssen uns noch putzen, und dann nach Ardoise zur Gräfin gehen."

"Ja," sagte Miss Eton – "aber ich bitte Euch, lasst uns diesen Weg gehen!"

"Nein!" rief er mit ausbrechender Heftigkeit – "diesen sollst Du gehendiesen will ich Dich führen, damit Du nicht wieder Deinen eigenen fürchterlichen Weg gehst, in den Abgrund hinein!" – wild umfasste er das fräulein und riss sie gegen die Treppe.

Ein lauter Schrei entpresste sich ihrem mundbebend, aber mit aller Kraft, die ihr noch blieb, entriss sie sich ihm, und nun überzeugt, nur williges Nachgeben könne sie retten, folgte sie, ihm ihre Hand überlassend, ein Paar Stufen in den Abgrund hinab. Aber was sie befürchtet, bestätigte sich nur zu sehr: nachdem sie wenige Stufen hinunter gegangen, sah sie, dass die Treppe etwas weiter plötzlich aufhörte und sich nur in einem schroffen jähen Abhange mit einzelnen weitliegenden Steinen fortsetzte. "Ihr wollt mich umbringen!" rief sie angstvoll – "die Treppe hört hier auf! O, um Gottes Willen erbarmt Euch und lasst mich umkehrenhier muss ich in den Abgrund stürzenseht, gleich hören die Stufen auf, und dann bin ich verloren!"

"Nein!" sagte er heftig – "hier ist der Weg, den ich für Dich behauen habe, Keiner hat ihn seitdem betreten dürfen, er muss noch haltbar sein! Habe ich darum die langen Nächte ihn bewacht und selbst dem Wilde mit dem Laufe dieser Flinte den Weg darüber gehindert, dass Du jetzt ihn verachten willst? Nein, Du musst hinab! Ich werde Dir helfen." – Er streckte wieder die arme ausElmerice stiess abermals einen Angstschrei aus und drängte sich jetzt selbst in verzweifelter Hast einige Stufen herunterdoch jetzt hatte sie nur noch vier Stufen vor sich, jede wankte unter ihrem fuss, und sie sah mit Entsetzen, wie er diese Schwierigkeit nicht bemerkte, nicht ahnete. – Sie blieb stehen und ihr Auge schweifte verzweifelnd umher. Da war es ihr, als sähe sie seitwärts, höher als sie selbst eben stand, eine männliche Gestalt gegen das Gebüsch sich bewegen. Augenblicklich lebte die Hoffnung in ihr aufmit allem Mute, den sie noch in sich trug, riss sie sich los, lief die Treppe zurück und rief mit grösster Anstrengung nach hülfe, während ihr Auge an der Steinwand hängen blieb, an der sich ihrem Rufe