Nichts wollen, als voll anbetenden Erstaunens das Wunder bedenken, zu dem Gott auch sie berufen. Ihre Augen waren so ernst, so tief und forschend auf dies heilige geheimnis gerichtet, und um ihren Mund nur schwebte das kaum angedeutete Lächeln unaussprechlicher innerer Wonne – und all die kleinen unschuldigen Kindereien, die dazwischen ihre Gedanken berührten und sie in die seligsten Spielereien mit dem kleinen, noch verhüllten gefährten versenkten, flatterten durch den ernsten Kultus ihrer Empfindungen, wie geflügelte Engel um die Glorie der Mutter Gottes.
Mit Lesüeur hatte sie auch ihre grosse Not gehabt, weil er von Gott gelassen und sich nun vor ihm fürchtete; aber sie hatte sich schnell daran gemacht und traute sich überdies jetzt mehr zu, da sie dachte, in ihrem Zustande müsse man ihr auch mehr Glauben schenken. Da war ihr denn auch Alles mit ihm gelungen, wie wir schon wissen, und sie war dessen recht froh und sagte oft zu Emmy: "was wollen sie doch machen, wenn eine Mutter zu ihnen redet – da ist ihr Unglaube ja gleich überwunden; das grösste Wunder steht vor ihnen, sie m ü s s e n glauben lernen!"
Doch vergeblich sah Emmy Gray vor ihren Augen das rührendste und reinste Bild göttlicher Gemeinschaft und des daraus entstehenden heitern Friedens, der alle Angst der Welt besiegt – ihr armes, leidenschaftliches Herz fasste es nur auf, um sich zu kränken, zu erzürnen, und der Heiligenschein, den sie um ihren Liebling leuchten sah, steigerte nur ihre Ansprüche für eine irdische Welt, die ihr dafür einen Lohn zahlen sollte, ihren eiteln Wünschen gemäss; – die Bitterkeit darüber, dass er ihr noch immer verweigert sei, verzehrte sie fast.
Wenn Fennimor den Zustand ihrer Gefährtin erkannt hätte, würde sie gewiss mit dem Uebel in Kampf getreten sein. So aber verdeckte Emmy mit unerschütterlichem Schweigen ihr Inneres; denn konnte sie auch ihren Abgott in Nichts nachahmen, so flösste Fennimor ihr doch eine an Ehrfurcht grenzende Schonung ein; und wie ihr Nichts gut genug für sie schien, so nahm sie auch sich davon nicht aus, und es war in ihrem Grolle mit begriffen, dass ein solcher Engel keinen andern Umgang haben solle, als so ein geringes Weib, wie sie.
Lesüeur's Ankunft erfüllte sie zuerst mit Hohn, Verachtung und Misstrauen: er käme nur, damit der Herr Graf wegbleiben könne – er solle ein Gesellschafter sein, wozu dieser sich zu gut halte. Von Malern hatte sie überhaupt geringe Begriffe; sie schienen ihr durchaus unnütz, umsonst da; – und dass dieser kranke, bleiche, verfallene Mann in die Gesellschaft ihres Engels treten sollte, schien ihr ein wahrer Spott.
Dagegen schlug Fennimor vor Freuden in die hände, dass sie endlich einen Maler sehen sollte, weil sie von dessen Berufe auf Erden die grössten Begriffe hatte, und so gern wissen wollte, wie ein Mensch aussehe, der sich begeistert fühle, Gottes Werke nachzubilden.
Emmy hörte kopfschüttelnd, wie sie sich freute und den Gast einzuführen gebot. "Ach," sagte sie, "Alles muss ihr den Willen tun und was Schönes werden, woran sie sich erfreuen kann. Gott mag es denen verzeihen, die ihr nicht das schicken, was ihrer würdig ist!"
Als Lesüeur darauf eintrat, verbeugte sich Fennimor so tief vor ihm, dass der stolze Künstler errötete und sich noch tiefer vor der wunderbaren Schönheit neigte.
"Gott segne Euch!" sagte sie leise, wie ein Kind so schüchtern, "und Gott segne dieses Haus, wo ein Künstler eintritt – ein Schüler Gottes – ein Berufener, seine Wunder nachzuahmen, wo wir andern nur zusehen können! Es muss eine grosse Gnade sein, das zu empfinden," fuhr sie fort, und schritt dabei neugierig, obwol noch schüchtern, auf den erstaunten Lesüeur zu, um ihn recht genau zu betrachten, der indessen, durch eine so fremde Anrede um seine ganze Fassung gebracht, unsicher war, ob das liebliche Rätsel vor ihm ein Kind, eine Frau oder ein Engel sei.
Als Beide sich nun ganz nahe standen, und Fennimor's Augen den ersehnten Anblick eines Malers hatten – ward sie sehr verwundert, dass ein Maler gerade so aussehen musste. Sie hätte sich weniger erstaunt gefühlt, wenn er einen Purpurmantel um eine Tunika getragen hätte und den Lorbeerkranz um die Schläfe – als dass er müde und krank, mit bleichen Wangen und schwankender Gestalt, in Kleidern, wie andere Menschen trugen, die ihm aber nicht wohl sassen, nun vor ihr stand und Nichts hatte, als Augen, aus denen sie später das geheimnis erklärte, und die auch jetzt so verständlich zu ihr redeten, dass ihr sogleich eine andere Ansicht kam, die nicht minder ihr Gefühl weckte, wenn auch ihren Patos verdrängte.
"Ach Gott, Ihr seid ja krank, lieber Herr!" sagte sie mit dem weichsten Mitleidstone. "Wie wollen wir es denn machen? Ruht erst hier etwas, bis Eure Zimmer durchwärmt sind!1 Wir lassen dies Ruhebett an den Kamin tragen – da legt Ihr Euch nieder, und wir breiten Decken über Euch, dass Ihr Euch erwärmt. Ich kann auch gehen, wenn Ihr lieber allein bleibt, oder Euch etwas erzählen, bis Ihr einschlaft – oder vielleicht tut Euch etwas Wein gut?"
Lesüeur war freilich nicht kränker, als gewöhnlich; aber fast wünschte er sich, das zu sein, was ihn so in unmittelbare Beziehung zu ihrer Teilnahme brachte,