den Ausdruck ihrer Züge, durch den Wechsel ihrer Farbe besonders auffallend schien.
Viktorine fühlte seine Worte, seine Blicke, seine ganze Stimmung mit der vollkommen gerechtfertigten überzeugung, von ihm geliebt zu sein und sich jetzt als die Ursache seiner Verzweiflung, seiner Abreise ansehen zu müssen. Hätte man Leonin die Aufgabe gestellt, Viktorine nach und nach von seiner Liebe zu überzeugen, die ihrige zu gewinnen, er hätte diese Aufgabe nicht besser, nicht vollständiger lösen können, als durch sein, seit Monaten verfolgtes verhältnis zu ihr. Dessen ungeachtet glaubte er keine Berechtigung der Art verschuldet zu haben, da er nie förmlich um sie geworben, innerlich sich diese Absicht nicht eingestanden. Er hatte den Genuss des Augenblicks in ihrem Umgange gesucht, er hatte mit Eitelkeit nach ihrer Gunst gestrebt und wenig nachgefragt, ob die Mittel, die er zu Beidem wählte, das unbewachte, argwohnlose Herz eines Mädchens mit Hoffnungen erfüllten, die der ihr bewiesenen Liebe gemäss sein mussten. Er würde jeden Vorwurf voll Erstaunen zurückgewiesen haben, da er ja niemals um ihre Hand geworben hatte; – und doch würde er dieses letzte Formular der Liebe selbst für überflüssig gehalten haben an einer andern Stelle, wo er doch nicht mehr hätte tun können, als hier, wenn er diese A b s i c h t hätte ausdrücken wollen. – Was Leonin überdies nicht wusste, Viktorinen aber von ihrer geschwätzigen Mutter längst vor seiner Bekanntschaft verraten ward, war das, zwischen der Marschallin und dem haus Lesdiguères unter Genehmigung beider Majestäten, abgeschlossene dereinstige Ehebündniss ihrer beiden Kinder. Mademoiselle de Lesdiguères war allerdings an Rang und Reichtum die ausgezeichnetste Partie des Hofes – die Marschallin konnte nicht klüger wählen, und die Persönlichkeit des Fräuleins schien, selbst unter den später eintretenden Verhältnissen Leonin's, ihren Sieg zu sichern.
Doch Viktorine grollte jedem Zwange, und sie beschloss, Leonin so abstossend und hart zu behandeln, dass die Eltern ihre vorschnellen Pläne aufgeben müssten. Wie sie es versuchte, haben wir erwähnt; eben so, wie sie nach und nach das Opfer jener gewöhnlichen, edlen weiblichen Täuschung in Bezug ihrer Einwirkung auf Leonin's charakter wurde, der ihr noch unvollendet erschien. Jetzt liebte sie ihn – und nicht mehr, was er durch sie werden könnte, war die Frage – sondern, ob er ihr, so wie er war, gehören könne und wolle.
Trotz dieser stärker werdenden Empfindung aber besass sie zu viel charakter, um einem Vorsatze untreu zu werden, der ausserdem ihr edles Herz erfüllte – dieser war, ihre Gebieterin, die Königin, die sie anbetete, die Viktorine als Freundin und Vertraute zärtlich wieder liebte, nie gänzlich zu verlassen; da sie sich bewusst war, mit ihrem allein treu und wohlmeinend gesinnten Herzen das vielfache Böse, das in dem Verhältnisse beider Ehegatten lag, zuweilen abhalten, mildern oder versöhnen zu können. Sie hatte daher der Königin, wie dem Könige in ihrer unumwundenen Weise erklärt, sie würde nur dann Leonin's Gattin werden, wenn seine Verhältnisse auch ihn auf irgend eine Weise an die person der Königin fesselten, die sie nie verlassen wolle.
Beide Majestäten hatten vielfach gelegenheit gehabt, den Wert dieses edlen Wesens zu erkennen, sie waren daher dankbar für eine so hingebende Aufopferung und hatten längst eine solche Stelle bei der Königin für Leonin bestimmt, deren wirkliche Uebertragung nur durch die bereits mitgeteilten Kabalen der Marschallin und des Marquis de Souvré aufgehalten wurde.
Viktorine konnte jedoch nicht zweifeln, dass Leonin von ihrer Weigerung, unter andern als den genannten Umständen die Seinige zu werden, unterrichtet sei, dies für Mangel an Liebe halten müsse, und dadurch in die Stimmung sich versetzt fühle, in der sie ihn vor sich sah. Hoch wallte daher ihr Herz dem Wunsche entgegen, ihm offen ihre wahre Empfindung gestehen zu dürfen, und mit der Gemütsbewegung, die sie in Leonin's Augen so schön machte, horchte sie seinen Worten, d a s heraus zu finden, was ihr dazu gelegenheit geben würde. J e d e s schien ihr dazu Veranlassung; aber ehe sie ihre stolze Schüchternheit überwinden konnte, erhoben sich die Majestäten, um einem Concerte beizuwohnen, welches Lully mit seinem ausgezeichneten Orchester im Nebensaale aufführte.
Hier kam der verhängnissvolle Augenblick, wo der König, an Leonin vorübergehend, stehen blieb und, ihm mit dem wohlwollendsten Lächeln zunickend, sagte: "nun, Graf Crecy, Sie wollen Ihre Besitzungen von Ste. Roche übernehmen?"
Leonin beugte sich bejahend bis zur Erde. –
"Bleiben Sie nicht zu lange fort – die Königin wünscht Sie um ihre person zu beschäftigen – ich habe Sie heute zum Kammerherrn und Reisekavalier ernannt und werde mich freuen, wenn dies auch Ihre andern Wünsche zur Reife bringt."
"Madame," sagte er, zur Königin sich wendend, "sind Sie zufrieden?"
Die Königin verbeugte sich gegen den König, der huldvoll grüssend voranging, während die Königin noch einige Augenblicke verweilte, um Leonin einige höfliche Worte zu sagen und seine Dankbezeigungen anzunehmen.
Kaum hatten die Herrschaften den Saal verlassen, als der ganze Hof auf Leonin einstürzte, um ihm Gratulationen auszusprechen, die so den Stempel der herzlichsten Teilnahme trugen, dass, wer den Kreis nicht kannte, hätte glauben können, Leonin sei hier in dem Zirkel einer ihn zärtlich liebenden Familie.
Eben so empfing die anwesende Marschallin die schönsten Worte des Anteils, die sie jedoch besonders kalt und übellaunig aufnahm, nur gegen den König und die Königin in ein Meer vorschriftsmässiger