noch nicht ungeduldig?"
Leonin machte die verbindlich lächelnde Miene, die alle vornehmen Personen sicher haben, wenn sie von ihren Zuhörern nicht verstanden werden. Er dachte eine Frage einzuleiten; da wendete sich Madame schon von ihm, indem sie, mit dem Fächer winkend, rief: "Geduld! Geduld! Sie sind ein zu guter Sohn, um sie so bald zu verlieren!"
Der junge Graf blickte ihr erstaunt nach, und der Marquis de Souvré, der den Grafen Guiche geschickt hatte, die gütige Fürstin in ihrem gespräche zu unterbrechen, lachte der überraschten Miene Leonin's nach, für die er den Schlüssel führte.
Er hatte durch die Freundschaft des Grafen Guiche, dessen tiefe, mit seinem Leben bezahlte leidenschaft für Madame Henriette ihn zugleich zum Vertrauten der unglücklichen Fürstin machte, eine Gewalt über sie erhalten, die es ihn leicht finden liess, sie zur Mitwirkung bei seinen Plänen zu bewegen.
So versicherte Madame dem Könige, wie Leonin und die Marschallin noch immer hofften, den Eintritt des jungen Grafen in die Armee vom Marschalle zu erreichen; der König möge nur seine Anstellung bei hof noch verzögern, wodurch dem alten Herrn endlich kein anderer Ausweg bleiben werde, als ihn dem Könige für die Armee anzubieten. Der König, der den jungen Mann bedauerte, weil er ihn aus Gehorsam gegen den Willen des Vaters von der gewünschten Laufbahn entfernt sah, fügte sich in den bittenden Vorschlag der Prinzessin; und so erlebte Leonin alle die Täuschungen, welche so wohl berechnet waren, ihn leidenschaftlich zu erregen, zu vielen kleinen, gefügigen Schritten zu treiben, die ihn verwickelten und dem sorglosen Glückskinde ein Gefühl der Abhängigkeit, des Widerstandes und des Misslingens zu geben, wovon sein Leben bis jetzt so frei geblieben war.
In dieser Stimmung unruhiger Erwartung brachte er die Stunden in seinen Zimmern zu, ehe er zur Marschallin kommen durfte, die jede gelegenheit, ihn allein zu sprechen, durch Louisens heitere, unschuldige Gegenwart vermied. Seine ungeduldige, missmutige Laune ward aber dies Mal unterbrochen; – sein Kammerdiener, von einem mann gefolgt, trat ein; und als dieser mit grosser Lebendigkeit auf Leonin zu eilte, erkannte er in ihm den zum Skelette entstellten Lesüeur.
"Lesüeur!" rief Leonin, und sein Gesicht überlief ein Purpur, der wohl einen noch tieferen Grund, als den der Ueberraschung hatte. "Wie kommen Sie hieher?" fuhr er fort, zerstreut und unruhig das Ungeschick dieser Frage überhörend.
"Woher ich komme, mein Herr?" rief Lesüeur – "Gewiss, ich kann nicht zweifeln, dass Sie sich dessen erinnern, da Sie mich ja selbst dahin geschickt!"
"Also wirklich von Ste. Roche?" rief Leonin – nun sich zurecht findend und warm werdend. "O, dann haben Sie mir Viel, Viel zu erzählen! Doch, erst ruhen Sie aus und lassen Sie uns frühstücken. – Ich werde bei meiner Mutter absagen lassen, und wir wollen uns ein Paar Stunden angehören."
Bald war Alles nach seinem Willen eingeleitet, und Leonin behielt Zeit, sich zu sammeln, Lesüeur, seine misstranische Empfindlichkeit zu überwältigen, wobei Leonin die ausserordentliche Veränderung des sichtlich dem grab nahen Künstlers beobachtete.
"Nicht wahr, mein Ste. Roche ist schön?" rief Leonin, endlich die träge Mitteilung Lesüeur's überholend – "Und es war keine üble idee, Sie dahin zu verweisen?" –
"Weiss Gott, eine idee, für die zu danken, mein Leben zu kurz sein wird; – der schönste Schwanengesang eines sterbenden Künstlers unter den Flügeln eines irdischen Engels! – Ja," fuhr er fort, "Lesüeur, der sterbende Lesüeur darf es gestehen, sein letztes Bild wird sein bestes sein – ich habe Ihre Gemahlin, Herr Graf," sprach er leise und vor Bewegung zitternd, "zwei Mal gemalt; denn ich wusste nicht, wie ich in einem Bilde diese Fülle von Liebreiz fassen sollte. – Hundert Bilder hätte ich nach ihr malen wollen – Alle sie selbst – Alle eine neue Seite dieses reichen, göttlichen Weibes entwickelnd!"
"Lesüeur," rief Leonin mit dem lachen der schon erlernten flachen Gesellschafsweise, "machen Sie mich nicht eifersüchtig! Ich glaube, Sie sind verliebt – Ihr Herz hat Ihre Hand geführt!"
Lesüeur sandte aus seinen grossen sterbenden Augen einen blick auf Leonin, von dem er getroffen, die seinigen zu Boden schlug. – "Ha," rief er dann, "wehe dem Künstler, der es anders macht! – Wehe dem, der dies heilige Feuer missdeuten kann und es mit der eiteln Bedeutung beleidigt, welche ihm die grosse Welt beilegt. Ha, Herr Graf," fuhr er beinahe heftig fort – "wissen Sie noch, wie die heilige Atmosphäre Ihrer Gemahlin eine Begeisterung einflöst, welche unabhängig macht von allen törichten Wünschen dieser Erde? Wissen Sie es noch, wie sie uns von allen Fehlern reinigt, die uns die Welt anerzieht? Wissen Sie es noch, wie wir vor ihr Alles vergessen möchten, was wir getan, gewollt und bis dahin für das Rechte oder Erlaubte hielten; – und wie wir ein neues Leben beginnen, um es zu verdienen, wenn sie uns ihre heilige Unschuldswelt auftut?"
Leonin wusste es nicht mehr, oder es lag doch zurückgedrängt, eingeschlummert in ihm. Wie ein Gerichteter sank er in seinen Stuhl zurück, während Lesüeur in steigender Bewegung fortfuhr: "ich war krank, sterbend