sichtbar gefährlichen Schauplatze des ihm, auf Treu' und Glauben, wieder verliehenen Trones durchspielte. Aber noch sah die Nation den sich erneuernden Unbilden, die es zu erleiden hatte, mit dem Wunsche zu, der gewaltsamen Abhülfe überhoben zu sein, und Karl misskannte diesen Waffenstillstand, den es ihm gönnte, und verscherzte, immer kühner werdend, jedes Mittel zu seiner Behauptung. Dünkirchen, dieser eifersüchtig behütete Apfel der Zwietracht zwischen beiden Nationen, war ohne Schwertstreich in Frankreichs Besitz gekommen. Man wusste, Mademoiselle Keroualle, die jetzt als Herzogin von Portsmout den König beherrschte, war bei dieser entehrenden Abtretung die besoldete Unterhändlerin Frankreichs gewesen. Die Revenue, die Ludwig der Vierzehnte dem Könige jährlich dafür zahlte, und die ihm den Namen des französischen Pensionair's zuzog, ging fast ausschliesslich in den verschwenderischen Händen der Herzogin unter, und Karl hatte Nichts damit erkauft, als die doppelte Schande des Verrates gegen sein Volk und des Besitzes dieser sittenlosen Frau. Ludwig wusste genau, dass unter diesen Umständen weder bei dem leichtsinnig schwelgenden Karl, noch bei dem zürnend vor ihm Wache haltenden volk Neigung zu einer auswärtigen Einmischung vorhanden sei, und dass somit Hollands wirksamster Allürter untätig bleiben würde.
Nicht minder unlustig war Spanien zum Kriege. Oesterreich, von den Türken bedroht, hatte ausserdem mit inneren Unruhen in Ungarn zu tun, und Holland selbst war in die stattalterische und in die streng republikanische Partei geteilt.
Dagegen war Frankreich wie ein jugendlich schöner Körper von einem glühenden geist belebt. Das ganze Land stand in jeder Hinsicht wie ein Sieger dem übrigen Europa entgegen. Vielleicht stellt keine geschichtliche Epoche der Welt eine innigere, vollkommenere Vereinigung zwischen König und Volk dar, als Frankreich in dieser höchsten Blütenzeit seines jugendlichen Herrschers. Er war, was jeder Einzelne war, ein stolzer begabter Franzose; – aber er schwang das Banner, dessen Farbe Jeder begehrte. Um ihn waren die Männer geschaart, deren Namen die unvergesslichen Zierden ihrer Zeit sind: – Turenne mit seinem erfahrenen Mute – Condé mit seinem unzertrennlichen Glücke – Louxembourg mit seinen geschickten Märschen und Feldlagern – Tessé, de la Ferté, erprobte Krieger bei jeder Unternehmung – endlich Feuquières, der den Mut auf die Bahn der Wissenschaften lenkte und, mit Vauban vereint, Belagerungen ins Leben rief, die vor ihm Keiner gekannt, und die ihn unsterblich machten. Sie begründeten eine höhere geistige Tätigkeit und bildeten, in Vereinigung mit diesen grossen Feldherren, eine Armee, die auch im inneren durch die aufblühenden Talente Villar's, Catinat's und vieler Anderen gestützt ward, und gegen welche kein Reich sich zu stellen wagen konnte; besonders, da Louvois mit den Schätzen, die Colbert gesammelt, Alles unterstützte.
Es ist unrichtig zu sagen, Ludwig habe allein zu seiner ritterlichen Befriedigung den Krieg begehrt. Der Krieg musste sich nach damaliger Sitte notwendig von selbst entwickeln. Die vorhandenen Mittel verlangten ihre Anwendung; es war ein Stoff, der von selbst Feuer fing, an der gedrängten Zündkraft sich erhitzend. Ludwig folgte seiner Neigung; aber diese Neigung war zugleich Besitz – Erforderniss seiner Nation.
Es musste sich ein Schauplatz finden für die Anwendung der Kräfte, der Talente, Erfindungen und Bestrebungen, die alle harrend dastanden und die gelegenheit herbeilockten.
Zwar war es dem Könige, wie allen Freunden des Marschalls Crecy, bekannt, dass Leonin nicht unmittelbar im Heere angestellt werden konnte; aber der Feldzug, den man vorbereitete, war von dem seltensten Uebermute, von der zweifellosesten Sicherheit des Gelingens begleitet und, bei allen ernsten, kräftig und geschickt betriebenen Kriegsrüstungen, zugleich ein glänzendes, zu feld ziehendes Hoflager. – Man kann sagen, dass vor dem Schauspiele einer Schlacht oder Belagerung die Zuschauer-Logen für den Hof erbaut wurden, die Alle nur verliessen, um unter dem fröhlichsten Pompe in die Plätze und Städte einzuziehen, die ihre Sieger ihnen eroberten. Die Vorbereitungen entsprachen ganz den zu Anfang so entschieden eintretenden Erfolgen.
Die Armee begleiten zu dürfen, war der Ehrgeiz des ganzen Adels. Da es unmöglich war, alle Gesuche um diese Ehre bewilligen zu können, und an eine Auswahl, eine Schranke gedacht werden musste, so stellten sich die zahllosesten Intriguen ein, um auf Umwegen zum Ziele zu gelangen.
Leonin befand sich jetzt so häufig in dem kleinen Zirkel der Königin, dass er an einem platz in ihrem Gefolge nicht zweifeln mochte und die vorangehenden Glückwünsche mit einer Miene aufnahm, welche Alle in Ungewissheit liess, ob seine Wünsche schon erfüllt wären und sein diskretes Schweigen nur irgend einer besonderen Uebereinkunft zuzurechnen sei. Dies war aber noch keineswegs bestimmt. Leonin erschien jeden Abend mit derselben Hoffnung und kehrte mit derselben Täuschung zurück. Dies stachelte seine Eitelkeit bis zu einer Art leidenschaft, und er sagte sich oft, d i e s m ü s s e er doch erst um seiner Ehre Willen abwarten, und dann erst könne er den lange verschobenen Besuch in Ste. Roche unternehmen.
Dagegen hörte Leonin zuweilen Aeusserungen, die ihn glauben machten, der König habe noch andere, ehrenvollere Pläne für ihn. Das unbegreifliche Vorentalten eines Platzes, den so Viele mit geringeren Ansprüchen erreichten, war um so rätselhafter; da in der Art, wie die Herrschaften ihn behandelten, ein Wohlwollen lag, welches diese Ansprüche zu erkennen schien.
Madame Henriette lächelte eines Abends, als sie den jungen Grafen Crecy einige begeisterte Reden halten hörte, über das Glück, Waffen tragen zu dürfen, "Und wirkt unser Mittel noch nicht?" sprach sie – "wird der alte Herr