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. Er hatte dabei die Milde, die vorherrschende Weichheit, die ihr fehlte, die sie zu erringen wünschte, gehindert von dem kräftigen Aufwuchse ihres befähigten Naturells. Deshalb glaubte sie ihn so viel besser, als sich; ihr schien errungenWeisheit, Reife der Entwicklung bei ihm, was bloss eine Art Indolenz war, veredelt durch ein gutes, fein fühlendes Herz, welches in früherer Zeit vielleicht zu einer kräftigeren Gestaltung hätte geführt werden könnendamals aber, wie wir zum Oefteren schon erwähnt haben, von der eigennützigen Liebe seiner Mutter bloss zu ihren Zwecken gebildet ward.

Doch ward Leonin noch durch Nichts aus dem einwiegenden Zustande dieser täglichen geselligen Betäubungen gerissen, die ihm an Wichtigkeit stiegen in dem Maasse, wie auch für ihn die tausendfältigen kleinen Interessen und Eitelkeiten zu verfolgen waren, welche, um ihn her getrieben, Jeden verwickelten, der sich ihnen nicht mit Bewusstsein entgegenstellte.

Sein Vater erwartete mit Sicherheit, dass Anna von Oesterreich seinem Sohne die Braut erwählen werde, und fühlte sogar eine kleine Schadenfreude, diese Angelegenheit, wie er wähnte, seiner Gemahlin aus den Händen genommen zu haben. Der König und die Königin besonders, behandelten Leonin mit Auszeichnung. Man sprach ihm so oft davon, dass ein hohes Hofamt ihm nicht entgehen könne, dass er daran glaubte, zuletzt es als eine Ehrensache ansah, dass ihm das allgemein Zuerkannte nicht vorentalten bliebe. – Und aus diesen Anregungen schossen Ehrgeiz und Eitelkeit auf, die ihn Vorteile suchen und verfolgen liessen und ihn an die Stelle, die ihm Erfüllung verhiess, fesselten, als müsse er sie bewachen.

Die Freundschaft, der Vorzug, – da er es nicht anders nennen wolltemit welchem Mademoiselle de Lesdiguères ihn beehrte, mussten ihm daher, bei der Gunst, die sie bei den Majestäten genoss, behülflich und vorteilhaft sein. Er war unwillkürlich auffallender mit ihr beschäftigt in Gegenwart der hohen Herrschaften, und immer schien es ihm, als ob die Königin ihn wohlwollend beobachte und ihn nach solchen Tagen selbst in ihre kleineren Zirkel bescheiden liess, wo Leonin, belebt von seinen geheimen Wünschen, eine grössere Liebenswürdigkeit und Anmut zeigte, als seine gewöhnliche Indolenz sonst zuliess. – Vielleicht erfuhr Leonin nicht mehr und nichts Anderes, als die meisten jungen Leute, welche ohne Lebensplan und Karakterstärke in die betäubende Atmosphäre eines solchen Schauplatzes versetzt werden. Fast Jeder, der dieser Jugendperiode gedenkt, wie anders auch der Standpunkt ward, den er sich später wieder gewann, muss sich den chamäleonischen Farbenwechsel seiner Gesinnungen eingestehen, der ihn damals fortriss, ein Spielzeug der herrschenden Menge zu werden, ihren Gesetzen entgegen zu kommen gegen frühere überzeugung. Aber nicht Jeder entfernt sich damit, so wie Leonin, von bindenden, heiligen Verpflichtungen; – und was dort bloss eine Durchgangsperiode der Jugend ist, die den Lebenswert noch nicht bestimmen kann, musste bei Leonin tiefere, bedeutungsvollere Folgen nachlassen.

Bedenken wir jedoch, wie sein jetziges Verfahren den Absichten der Marschallin von Crecy, wie dem heimlichen Hasse des Marquis de Souvré vollkommen entsprechend war, so werden wir gerechter gegen Leonin bleiben, wenn wir es anerkennen, wie die Versuchungen, die sich ihm darboten, von Beiden gehäuft, herbeigezogen und unterhalten wurden. Sie sahen ruhig zu, wie er sich in ihnen verwickelte, nur verhütend, dass er nicht früher die Beschaffenheit seiner Handlungen erkenne, bis sie ihn so hinreichend umsponnen haben würden, dass er sie dann selbst behaupten müsste. Der Augenblick, wo er hülfe suchend in ihre arme eilen musste, war so matematisch sicher zu berechnen, dass sie ihn bloss zu erwarten hatten, um alsdann das längst Beschlossene zu vollführen.

Und dies tat die Marschallin von Crecy, indem sie sich alle Tage sagte, wie mütterlich liebevoll sie für ihren Sohn sorge, der viel zu gut sei, um sich selbst durchs Leben lenken zu können. Seinen kindischen Widerstand um eine englische Pfarrerstochter hatte sie ihm längst vergeben, weil sie diese Sache als abgemacht betrachtete; nicht etwa mit der Sicherheit, dass dies sein Wille sein werde, sondern mit der Hoffnung, dass die Rückkehr ihm durch sein jetziges Treiben unmöglich gemacht werden würde.

So war der Winter vergangen, das Frühjahr neigte sich zu Ende, Leonin kehrte nicht nach Ste. Roche zurück. Glänzender wie je war der Hof; der König, angeregt von neuen kriegerischen Plänen, stand, wie ein feuriger Komet, belebend und befruchtend über seinen Umgebungen und machte den Hof zu einem Zauberkreise, in welchem sich alle grossen Geister Frankreichs sammelten, um den Preis ringend, seine Pläne ins Leben zu rufen.

Wie stolz und grossmütig auch die Miene sein mochte, mit der Ludwig den Aachner Frieden unterzeichnet hatte, wie geneigt er auch war, und sein Volk mit ihm, den damals gemachten Rückschritt von fabelhaften Eroberungen zu einem geringen Vorteile beim Abschlusse des Friedens, sich als eine Handlung seines Willens auszulegen, so blieb nichts desto weniger der Stachel in seinem Herzen zurück; denn an seinem heimlich genährten Verdrusse gegen die Coalition der feindlichen Mächte, die ihm den Frieden abnötigte, war wohl zu erkennen, wie er i h r e m W i l l e n hatte nachgeben m ü s s e n .

Unläugbar war der Augenblick günstig für die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten gegen Holland. Von der Einmischung der Mächte war aufs neue nichts zu fürchten. England, in seinen Finanzen zerrüttet, lag in stillem Grolle vor dem wiedergerufenen Herrscher, der alle Torheiten der Stuarts, alle Unbesonnenheiten und Unredlichkeiten gegen sein Volk auf dem