nicht anzueignen wagte, da legte er ihr wenigstens für diesen Abend sein Herz zu Füssen und ehrte sie mit dem besten Danke, den er ihr bieten konnte, indem er ihr selbst ein zärtlich dienender Cavalier ward. Seine teilnehmenden fragen, wie sie die Anstrengung der Cour vertrüge, belebten augenblicklich ihr mattes Auge mit der Hoffnung, seine Zufriedenheit erreicht zu haben; und diese reine und uneigennützige Seele, die Nichts ertrotzen wollte, war völlig beglückt und dachte ohne Groll, ja fast mit Liebe an ihre demütige Nebenbuhlerin.
Der König blieb, für sie allein Auge habend, wie es schien, an ihrer Seite, bis sie sich an den Spieltisch begab, und er in einem freien Augenblicke erfuhr, die Herzogin von Lavallière habe sich weg begeben.
"Ich hasse Euch Beide!" rief Mademoiselle de Lesdiguères, indem sie an Fenelon und Leonin vorbei streifen wollte.
"Halt," rief Leonin, "so dürfen Sie den Fehdehandschuh nicht hinwerfen und dann die Flucht ergreifen! – Womit haben wir das verdient, was Sie um jeden Preis widerrufen müssen?"
"Glaubt Ihr, ich habe Euch nicht beobachtet," sagte sie – "wie Ihr mit all den Toren hier denselben Weg taumeltet? Hattet Ihr etwas Anderes zu sehen, als diese neue Herzogin, an deren Blicken Ihr hinget, wie alberne Kinder am St. Niclas? O, was das Alles ist," fuhr sie ungeduldig fort – "wie nicht Einer den Mut hat, es beim rechten Namen zu nennen – wie sie ihm Alle verziehen – und ihm einreden, es sei, weil er es tut, etwas Anderes! Fahrt nur fort! Das Beispiel wird wirken! Hier wandelt schon so viel übertünchte Tugend, als Ludwig sich wünschen kann; denn Alle, die ihn loben und bewundern und bemänteln, was er tut, haben Lust, es ihm nachzumachen. Wie verächtlich sind sie mir Alle! Und Ihr Beide, auf demselben Wege Betroffene, Euch hasse ich, und d a r u m hasse ich Euch!"
"Und d a r u m gerade haben Sie Unrecht!" rief Leonin; "denn S i e sind der Hauptinhalt unseres Abendgespräches gewesen – diese unglückliche Frau und ihre demütige Erscheinung hat nur eine kurze, wehmütige Episode in unserer Unterredung gemacht."
"Und wer hat Euch erlaubt, von mir zu reden?" erwiderte sie, indem sie Beide mit milderen Augen anblickte.
"Das wenigstens können Sie uns nicht wehren, wenn Sie da sind und wir den Vorzug geniessen, Sie zu kennen! – Denken Sie, mein fräulein, dass Sie Gedanken unterdrücken können, die einmal Ihr Bild aufgenommen haben?" –
Sie blickte ihn an, als nähme sie eine Maske vom gesicht. "Graf," sagte sie, ohne ihren hochfahrenden Ausdruck – "ich weiss, was man mit uns will; lassen Sie uns redlich bleiben!"
In demselben Augenblicke trat sie unter die Menge. Auch Fenelon war von Leonin's Seite verschwunden. Er stand in tiefen Gedanken. Ahnete er, was sie – was die Königin angedeutet? Oder begriff er es wirklich nicht? Der Herzog von Lesdiguères hatte sein neu eingerichtetes Palais eröffnet, und man war einig, dass bei ihm und bei der Marschallin von Crecy sich die beste Gesellschaft in den schönsten Räumen unter den glänzendsten Zurüstungen einstellte.
Mademoiselle de Lesdiguères erschien jeden Tag in dem Salon ihrer Eltern, während der Zeit, welche Maria Teresia bei ihrer Schwiegermutter zubrachte. Ausserdem verliess sie die Königin nie.
Leonin besuchte täglich um dieselbe Stunde mit dem Marquis de Souvré das Hotel de Lesdiguères. Er würde sehr erstaunt gewesen sein, wenn man ihm gesagt hätte, dass er damit alle die Gerüchte bestätigte, die sich über seine beabsichtigte Vermählung mit Mademoiselle de Lesdiguères immer bestimmter verbreiteten. Nur dem Augenblicke lebend, stimmte er ganz der listigen Aeusserung des Marquis bei, welcher, stets das Ansehn der Langenweile zeigend, ihm versicherte, man könne es ohne Mademoiselle Viktorinens Gegenwart doch gar nicht aushalten. – Mit der grössten Absichtlichkeit zog er Leonin an allen Anderen vorüber zu Viktorinen hin, und kaum hatte er die Unterredung Beider eingeleitet, so entfernte er sich, wodurch diese Annäherung noch auffallender ward; denn Beide, in Berührung gesetzt, gefielen sich zu sehr in ihren Mitteilungen, um sie freiwillig aufzugeben und bemerkten es nicht, wie anerkannt ihr verhältnis gerade dadurch ward, dass sie Niemand störte, was keinen andern Grund hatte, als dass man sie für Verlobte hielt. –
Leonin fühlte sich jeden Tag lebhafter durch Viktorine beschäftigt. Sie schmeichelte vollkommen seinen Schwächen durch ihre Eigentümlichkeit; denn sie war Alles, was er nicht war. Er fühlte sich beständig ergänzt, gestützt und erklärt durch ihren festen und edlen charakter, ihren scharfen, unbestechlichen Verstand. Dagegen fiel dies edle Wesen in den oft sich wiederholenden Fehler ihres Geschlechtes, die Schwächen des Mannes zu erkennen; aber in dem Gefühl eigner reicher Kräfte sich der Hoffnung und dem Streben zu überlassen, ihm diese Umänderung oder diese Festigkeit geben zu können. Sie übersah aber, dass ihre Phantasie ihn nach und nach wirklich zu dem machte, was sie wünschte, dass er es sein möchte; sie verkannte, dass s i e in dem Besitz dieser Eigenschaften war, die bloss darum bei ihren Ansichten und Meinungen in ihren Unterredungen nicht fehlten, weil sie dieselben hervortreten liess, und Leonin bloss die leichte, liebenswürdige Gabe besass, sogleich in solche Anregungen verstehend einzugehn