"was könnte man sie aber lehren? Zuletzt war es mir, als sei es umgekehrt!"
Noch immer blickten beide junge Männer unbewusst zu ihr hin, als sie gewahrten, wie sie ihre kalte Stellung plötzlich aufgab und mit grösster Bewegung sich zur Königin neigte, welche sich eben halb zu ihrer Hofdame wendete, die ihr schnell etwas überreichte, was die Königin einen Augenblick einzuatmen schien, welche sich dann wieder umwandte, aber so blass erschien, dass selbst ihre Lippen farblos waren.
"Der Königin ist unwohl," sagte Leonin. "Die Hitze und die lange Ceremonie greift sie zu sehr an!" – Fenelon schwieg; aber seine Augen richteten sich nach der Mitte des Saales, wohin aller Blicke flogen; denn hinter den Herzoginnen, die Letzte in der Reihe, nahte sich jetzt eine schöne junge person, die von der natur mit jedem Reize geschmückt schien und den Ausdruck trug, als schäme sie sich, so bevorzugt zu sein.
Ihr Gesicht, ihre Gestalt war von einer solchen Feinheit und Regelmässigkeit, dass gegen sie alle übrigen Bildungen unvollkommen blieben. Die Farbe ihrer Haut schien mit dem Silberstoff ihres Kleides zu wetteifern, und vor Allem waren ihre tiefblauen Augen ein Born von unergründlicher Liebesfülle. Und so bevorrechtet, wie wenig schien sie dennoch von diesen Vorzügen gehoben! So langsam der Zug der Herzoginnen auch vorüber ging, ihr schien es dennoch schwer, zu folgen. Sie wagte kaum den blick vom Boden zu heben, und Jeder musste erkennen, dass ihre Füsse bebten. Als sie aber vor die Königin hintreten sollte, ward aus der scheinbaren Kniebeugung fast ein gänzlicher Fussfall, und der Ceremonienmeister, Herr von Dreux, musste sie auf einen Wink der Königin unterstützen. Da schlug sie die wundervollen Augen zu dieser auf, die, sichtlich erweicht, ihr mild zuwinkte, und ein Paar grosse glänzende Tränen rollten über ihre Wangen. Dabei drückte sie beide hände mit dem rührendsten Ausdrucke von Ehrfurcht an ihre Brust und schwebte dann wie eine Lufterscheinung den anderen Herzoginnen nach, die bereits die Ehre ihres Tabourets genossen.
Alle Anwesende, und mit ihnen Leonin, waren gefesselt von ihrem Anblicke, und jetzt erst, nachdem sie in der Menge sich fast verborgen hatte, fand Leonin Worte.
"Wer ist diese bezaubernde Erscheinung, lieber Fenelon? Ich sah sie noch nie!" –
"Aber sie hörten von ihr," sprach Fenelon sanft, wenn auch ernst; "es ist die unglückliche Lavallière, die heute zuerst als Herzogin hier erscheint."
"Ha," rief Leonin, "jetzt begreife ich! Dieser Zauberin muss Alles möglich werden! Das ist Schönheit der Seele, des Gemütes – das ist nicht allein die schöne Hülle!"
"So ist es in Wahrheit," sagte Fenelon – "und wie beklagenswert ihr verhältnis auch ist, ermangelt es nicht einer rührenden und versöhnenden Seite, die doch eben nur in diesem schönen Gemüte liegen kann, das, zur Tugend geschaffen, selbst in seiner Verirrung noch ihr angehört."
"Fast Alle urteilen so über diese reizende Frau," rief Leonin – "und darin liegt auch die Entschuldigung des Königs. Wer gibt uns das Recht, die zu richten, die diesem Gefühle unterliegen, für dessen Stärke allein Gott die Prüfung hat – das Jeder einmal zu kennen glaubt, ohne doch für den Andern ein Maassstab zu sein!"
"Das ist zwar wahr," sagte Fenelon – "aber es gibt immer noch etwas Schöneres, als sich ihm hingeben; ihm entsagen nämlich – wenigstens entsagen für die Welt – dann dürfen wir es wieder behalten. Die Liebe ist an sich Etwas – es ist nicht der Besitz, das Hervortreten unserer Empfindung. Es ist das Glück, es zu kennen – seinen höheren, wärmeren Pulsschlag zu fühlen und uns daran zu zeitigen mit allen unseren Kräften." –
In diesem Augenblicke rief die Königin die Herzogin von Bellefonds, die mit ihrem weissen Stabe wie ein drohender Riese an den Stufen des Trones Wache hielt; und als diese ihren Befehl empfangen, schritt sie mit unbarmherziger Breite und Feierlichkeit durch den Saal gerade auf die Herzogin von Lavallière zu, welche, einer Ohnmacht nahe, an einem Pfeiler lehnte.
"Frau Herzogin von Lavallière," sprach sie, "Ihre Majestät die Königin ladet Sie ein, sich des Tabourets zu bedienen, welches Ihnen zusteht – legen Sie Ihre Hand auf meinen Arm – ich werde Sie führen."
Alles machte Platz, und die unglückliche Herzogin folgte stumm der Oberhofmeisterin; und nachdem sie sich tief vor der Königin verneigt, setzte sie sich auf das den Ehrgeiz so Vieler reizende Tabouret, wodurch wenigstens einer Ohnmacht vorgebeugt wurde. –
Der König hatte von dem Augenblick an, dass Madame de Lavallière sich nahte, sie nicht mehr aus dem gesicht verloren, wie er auch, anscheinend ohne Teilnahme, seine verschiedenen Anreden fortsetzte. Auch wussten die Hofleute mit vielem Geschicke Bewegungen zu machen, die dem Könige die volle Ansicht der von ihm angebeteten Frau verschafften. Er zitterte für b e i d e Frauen, denn er sah, wie die Königin kämpfte und die Farbe änderte, wie die Lavallière ihren Empfindungen zu unterliegen drohte, und er liebte sie Beide in diesem Augenblick fast gleich stark, da sie Beide seinetwegen leiden mussten. Doch dies Mal sollte die Königin in seinem Herzen den Sieg davontragen! Denn, als sie die Herzogin von Bellefonds abschickte, der sinkenden Geliebten einen Platz anzuweisen, dessen Recht sie sich