wie begreife ich in diesen Sälen Ihren Entschluss, sie zu verlassen!"
"Machen Ihnen die Dinge vor uns diesen Eindruck?" erwiderte der junge Geistliche, mit einem leisen Anfluge von Erstaunen. – "Ich erwartete das nicht," setzte er nachdenkend hinzu, "und kann diese Empfindung nicht teilen. Mir scheint, Alles erhält dadurch seinen Wert, dass es die Absicht erreicht, die ihm zum grund liegt. Indem dies glänzende Schauspiel vor uns in Wahrheit die Würde und den Glanz eines so wichtigen und erhabenen Standpunktes, wie ihn der Tron in der menschlichen Gesellschaft einnimmt, ausdrückt – in so fern es selbst die Geister der Menschen in eine Form fügt, die diese wirkung bestätigen hilft, scheint es mir eine erfüllte idee, die der Würde nicht entbehrt."
"Aber," sagte Leonin, "können Sie deshalb es von sich abhalten, mit Bedauern sich als Individuum in eine solche wirkung der massen verflochten zu sehen – ohne Möglichkeit, Ihren unbeschäftigten Geist vor Ermüdung zu schützen und, durch Ihre Erziehung von der Bezähmung roher Neigungen abgelöst, die Anderen noch eine geistige Beschäftigung zu gewähren vermag, zu einer wahren Maschine herab zu sinken?"
"Ich empfinde diese Ermüdung nicht", erwiderte Fenelon ruhig; "ich finde hier Genuss und bin weder gelangweilt, noch unzufrieden. Diese schören, glänzend erleuchteten Räume, deren Ausstattung an alle die grossen künstlerischen und industriellen Fortschritte meines Vaterlandes erinnert, erheitern mein Herz und beschäftigen meinen Verstand. Ich kehre dann immer mit doppelter Liebe zu dem Anblick unseres grossen Königs zurück, dessen Geist und edles Bedürfniss diese Dinge ins Leben rief; und sehe ich diesen schönen und noch so jungen Monarchen dann in der Mitte der Repräsentanten alter, berühmter Namen und kann auf Aller Gesicht in der verschiedensten Art die Verehrung lesen, die die herrschaft eines grossen Geistes auf die Gemüter ausübt – so freue ich mich der hohen Befähigung der menschlichen natur und fühle mich selbst zu grösserer Tätigkeit angeregt."
"O, Fenelon," rief Leonin, "wie schäme ich mich meiner schülerhaften übeln Laune, mit der ich mir den rechten Anblick der Dinge selbst verweigerte. Sie haben wieder Recht! Es ist mir, als sähe ich jetzt erst den Hof glänzend vor mir auftauchen – alle diese Kerzen haben Sie erst angezündet! O, wenn Sie so vom hof denken, warum verlassen Sie ihn?"
"Aus denselben Gründen," erwiderte Fenelon, "aus denen ich ihn bewundere. Ich will auf meinem platz auch Etwas sein und werden, und dazu taugt nicht Jedem derselbe Boden. Wenn mich der König in der vollen Erfüllung seines Berufes, bis auf die Aeusserlichkeit dieser schönen Hofhaltung, entzückt und begeistert, kann ich, der Geistliche, zu dem mich Neigung und Erziehung bestimmten – ihm doch nur nacheifern, wenn ich den Schauplatz verlasse, auf welchem keine der Eigenschaften reifen könnte, nach deren entwicklung ich mich sehne."
"Sie mögen Recht haben," sagte Leonin. "Auch galt dieser Aufruf mehr dem Gefühle, welches mir der Gedanke einflösst, Sie hier bald nicht mehr zu finden. Ich würde Sie mit meiner Freundschaft verfolgt haben!"
Freundlich neigte sich Fenelon gegen Leonin und fragte ihn dann, ob er diesen Abend schon fräulein von Lesdiguères gesprochen.
"Das fräulein scheint mir in einer unanrührbaren Stellung," erwiderte Leonin. "Doch, vielleicht ward meine üble Laune mit dadurch bewirkt, mich durch ihr hartnäckiges Repräsentiren von ihr getrennt zu sehen. Sie ist so frei, so edel und hoch von Geist und hält dort hinter dem stuhl der Königin so todtkalt und abgemessen aus, als sei sie eine nötige Verzierung des Trones." –
"Es ist sehr möglich, dass sie sich wirklich in diesem Augenblicke für nichts Anderes halten will; denn sie fasst immer das Nötige völlständig ins Auge und setzt an Jedes Alles, was in ihr ist." –
"Ein ganz ausserordentliches Mädchen!" rief Leonin unwillkürlich. "Das fühlt man im ersten Augenblicke ihrer Bekanntschaft."
Fenelon's blick richtete sich mit einem wunderbaren Glanze auf Leonin – es war eine Wärme darin, die von tiefem Gefühle sprach, und eine Melancholie, die Entsagung ausdrückte. – Nach einer kleinen Pause sagte er: "sie ist das vollkommenste weibliche Wesen, das ich kenne, und nur so frei, weil sie so sicher mit sich ist. Die sonderbarste Constellation hat ihr diese entwicklung geschaffen. Die Mutter ist nicht selten roh in ihren Aeusserungen; aber sie ist hochherzig, eine reine, unverfälschte Seele, und ihr edler Stolz zeigt sich, wenn auch oft in grosser Anmassung, doch eben so stark in Verachtung jeder Kleinlichkeit oder Unwürdigkeit. Der Vater ist ganz in äusserliche Angelegenheiten vertieft; aber er besitzt Feinheit der Sitten und verstand die Erziehung der Tochter zu leiten. Von Beiden hat diese reiche und starke natur nur ergriffen, was sie gebrauchen konnte; nirgends fand sie Widerstand und blieb sich selbst Gesetz und Wille, damit immer den Eltern genügend – denn sie ist ihnen ähnlich und doch eigentümlich geblieben."
Leonin hörte gespannt zu – sein blick bing an der herrlichen Gestalt, die in gleicher Ruhe blieb, während durch Fenelon's Worte der reiche Schatz ihres inneren sich vor ihm auftat, und die kalte Erscheinung mit dem Zauber einer warmen, hochherzigen Seele belebte.
"Sie ist Ihre Schülerin, Herr von Fenelon?" fragte Leonin. – "Wenn Sie wollen, ja," antwortete er –