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womit er Rührungen zu bemeistern pflegte, als der König vorüber ging, den auffallenden Greis mit seinem Adlerauge streifte und kaum merklich mit dem kopf nickte. Leonin ging es fast nicht anders; denn Nichts ergreift uns so, als unsere Eltern gerührt zu sehen. – Wir haben einen Glauben an ihre Festigkeit und gedenken nicht der Zeit, wo sie nicht ausreichte, von den Eindrücken jener überboten, wo sie unsere jugendliche Schwäche stützte. – Sie von dieser Festigkeit verlassen zu sehen, macht sie uns jünger, bringt uns ihnen näher; und indem es unsere Zärtlichkeit durch die sorge für sie erhöht, erhebt es die Wichtigkeit der Veranlassuug. Der König bedurfte keiner äusseren Umstände zu der Anerkennung derselben, darum war die wirkung auf Leonin doppelt stark.

Die Herrschaften hatten Platz genommen, nur der König stand und übersah, mit Gemessenheit seine Worte verteilend, die glanzvolle Versammlung, die ihre Huldigungen in tiefster Demut darbrachte und dann sich beeilte, die Plätze einzunehmen, die ihnen ihr Rang stehend oder sitzend anwies. Die Abstufungen der Etikette wurden mit einem Ernste behandelt, mit einer Strenge beobachtet, welche genau zu kennen, als das hauptsächlichste Zeichen der Hofbefähigung galt, und von Jedem befolgt, ohne Zweifel die würdige, geräuschlose Haltung dieses glänzenden Schauspiels hervorrief.

Jetzt eilte der Marschall von Crecy, mit einer Bewegung, die seine Hand fast schmerzhaft um die seines Sohnes schloss, sich den hohen Herrschaften zu nahen; und Ludwig, der den alten Helden im Begriffe sah, das Knie zu beugen, kam dieser für sein Alter fast unmöglichen Huldigung zuvor, indem er ihm, mit unendlicher Güte in Wort und Ausdruck, die Hand entgegen hielt, ihm so den Fussfall verwehrend.

"Madame," sagte er darauf zur Königin, "Sie müssen die Gnade haben, den Sohn unsers braven Marschalls, den jungen Grafen von Crecy-Chabanne, als einen Bekannten von uns, ohne weitere Ceremonie zu empfangen." Der König machte dazu eine Handbewegung, die nicht missverstanden werden konnte, wie unmerklich sie auch warund Leonin beugte das Knie vor der Königin und küsste den Rand ihrer Robe, worauf sie ihm ihre Fingerspitzen reichte und ihn aufstehen hiess.

"Ihr seid uns in jeder Hinsicht empfohlen und willkommen!" sagte die milde Frau. "Wir freuen uns, den Sohn so ausgezeichneter Eltern an unserm hof begrüssen zu könnenauch wollen wir keine Feindin Eurer uns schon verratenen Wünsche sein, sondern im Gegenteile eine Beschützerin derselben!" –

Obwol Leonin den Sinn dieser Worte nicht verstand, so lag doch in dem Tone derselben ein Wohllaut, eine Güte, dass es ihn entzückte, als er das Wort B e s c h ü t z e r i n hörte. Er wagte aufzublicken, um sie den vollen Ausdruck von Begeisterung sehen zu lassen, von dem er sein Gesicht strahlen fühlte.

Sie wendete sich mit einem huldvollen Lächeln von ihm, Andere zu begrüssen, und jetzt erst erblickte er Mademoiselle de Lesdiguères, die hinter dem stuhl der Königin, wie eine schöne Statue von cararischem Marmor, aufgerichtet stand und ihr Leben nur durch die Blicke ihrer grossen, glänzenden Augen verriet, die jede Erscheinung mit scharfer Wägung aufzufassen schienen. Auch ihn trafen sieund eine augenblickliche Unruhe, die ihre schönen Augenlieder schneller sinken und steigen liess, zeigte, dass sie ihn nicht ohne Beziehung wiedersah. In ihrer Nähe stand Fenelon, und als sich Leonin zurückzog, gewahrte er, wie Jener, auf ihn blickend, ihr einige Worte sagte, die sie, ohne Miene oder Stellung zu verändern, erwiderte, worauf Fenelon zurück trat.

Als Leonin schon anfing von der Dauer der Vorstellungen zu ermüden, da Alle ihre Plätze in steifer Haltung behaupten mussten, und ihn eine übellaunige Neigung befiel, dies Alles unnatürlich und übertrieben zu finden, ward er plötzlich durch die schöne, ruhige stimme Fenelon's unterbrochen, der, an seine Seite gelangt, ihn begrüsste.

"Sie sehen den Hof unserer guten Königin heute zuerst?" fuhr er fort; "wenn ich nicht irre, geniessen Sie den Vorzug, ohne Ceremonien aufgenommen worden zu sein."

"Seine Majestät wollte dadurch meinen Vater ehren," erwiderte Leonin – "ich höre, man hält dies für einen Vorzug. Man muss erst etwas älter bei hof werden, um für diese Feinheiten die rechte Würdigung zu lernen. – Es schien mir das Einfachste, dass meinem Vater das Recht zustehe, mich zu beglaubigen."

"So scheint es allerdings," lächelte Fenelon. "Es entwickeln sich leicht kleine Unnatürlichkeiten in einem Verhältnisse, welches uns lehrt, unsere Gefühle in eine Schranke zu verweisen, die sie kaum merklich hervortreten lässt; aber ich denke, die Selbstbeherrschung, die notwendig dadurch bedingt wird, muss sich zuweilen höchst heilsam bezeigen. Ich sehe hier so Manchen, dessen früheres Leben und Treiben wohl wenig von Mässigung irgend einer Neigung wusste, jetzt um den Preis, seine Vorrechte am hof behaupten zu dürfen, die ungewohnte Mühe übernehmen, sich einen kurzen Gehorsam gegen fremden Willen aufzuerlegen. Ein Solcher," fuhr er lächelnd fort, "bekommt doch eine kleine Ahnung von der allernötigsten Tugendder Selbstbeherrschung."

"Doch Sie," sagte Leonin, "der Sie eine so einfache und grossartige idee vom Leben erfasst haben, der Sie eilen, in der schwersten Berufstätigkeit Ihrer entwicklung als Mensch und Geistlicher zu lebenwelche edle Verachtung muss Sie, diesen Zeit tödtenden Ceremonien gegenüber, befallen